Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 6 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bruch. IVas wir haben, sind nicht wir selbst. Stand, Stellung, Erwerb, Vermögen bieten nur Wirkungsmöglichkeiten unserer Persönlichkeit dar, sind aber nicht die Persönlichkeit selbst. Hätte der Mensch selbst alles verloren, was er an äusseren Gütern besessen, wenn er nur nicht sich selbst verliert, wenn er nicht sich selbst verliert, weil er seinen Gott hat und das Gottvertrauen und durch das Gottvertrauen die Kraft des Geistes und den Schwung der Seele und das Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich und die Seinigen und den Willen zum Lebenskampfe sich zu erhalten weiss, wird er in Ehren fortbestehen und über alle betrogenen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen hinweg mit ruhiger Zuversicht in die Zukunft blicken können. „Heil dem Menschen, dem Kraft wird durch dich, Pfade im Herzen!" Pfade, d. h. viele Pfade. Wird er abgedrängt von einem Pfade, betritt er kräftigen Fusses einen anderen, auf dem ihm das Fortschreiten noch möglich erscheint. „Ziehend durch das Tal des Weinens, wandeln sie es zum Quell". Aus Prüfungen und Heimsuchungen gehen sie gefestigt hervor, gerüstet für die weiteren Aufgaben und Pflichten des Lebens. Gross, unheimlich gross ist aber in unseren Tagen die Zahl auch der jüdischen Menschen, die innerlich schwach, weil ohne religiösen und moralischen Halt, vor jeder Schwierigkeit, der wirklichen und eingebildeten, ängstlich zurückweichen und nach einmal erlittener Niederlage dem weiteren Ringen aus dem Wege gehen. Und gross ist die Zahl der Menschen, die in den Wechselfällen des Lebens die innere Ruhe und Besonnenheit verlieren und von den Prüfungen und Heimsuchungen sich überwältigen lassen. Weil ihnen die Verbundenheit mit Gott und seiner Lehre fehlt und das Gefühl des Beschattetseins von Gottes Schutz und Gnade und die demutsvölle Unterwerfung unter Gottes heiligen Willen, zieht der Zusammenbruch der von ihnen erträumten äusseren Welt auch den Zusammenbruch ihrer inneren Welt nach sich. Dieser innere Zusammenbruch, dieser moralische Zusammenbruch zeitigt nachgerade die schrecklichsten Folgen. Bringt er doch selbst Menschen, die in Ehren gelebt und gewirkt haben, auf den furchtbaren und verbrecherischen Gedanken, das eigene Leben zu vernichten. Das eigene Leben — es gehört nicht dem Eigner allein. Es gehört auch Vater und Mutter und Weib und Kind. Und es gehört auch der jüdischen Gemeinschaft und der menschlichen Gemeinschaft, an deren edlen Aufgaben und Zielen wir allesamt mitzuwirken haben. Und es gehört vor allem auch Gott, der uns zu seinem Dienste berufen auf den Posten, auf den er uns hingestellt, und mit den Kräften und Mitteln, die er uns verliehen, und wir haben auf unserem Dienstposten auszuharren, bis Gottes Ruf an uns ergeht: „Gehe, denn der Ewige sendet dich fort". Wie können wir uns gegen den moralischen Zusammenbruch wappnen? H. Nach dem Auszuge aus Aegypten gingen unsere Väter und Mütter drei Tage durch die Wüste und fanden kein Wasser. Endlich fanden sie Wasser in Mara. „Aber sie konnten kein Wasser trinken von Mara, weil es bitter war." Mosche schrie auf zu Gott. „Da wies Gott ihm ein Holz, das warf er ins Wasser, und das Wasser wurde süss. Dort legte er ihm Gesetz und Recht auf, und dort prüfte er es". Was mag das für ein Holz gewesen sein? Die Weisen in der Mechilta meinen: „Gott verwies auf die Worte der Lehre, die auch mit einem Baume verglichen wurde, wie geschrieben steht: Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten". Tausende Jahre sind über diese Wüstenwanderung dahingegangen. Unübersehbar sind die geistigen Schätze, die seit dieser Zeit zu Tage gefördert wurden. Unzählig die Erfindungen, die die schöpferische Kraft des menschlichen Geistes und die Kunstfertigkeit der menschlichen Hände preisen. Aber es ist den Menschen nicht gelungen, ein anderes Mittel zu finden, das uns innere Kraft geben würde, Prüfungen standhaft zu ertragen, Leiden sieghaft zu überwinden, in den WechselfällendesLebensdie Ruhe und den Frieden des Herzens zu bewahren und das Bittere, das uns auf unserer Lebenswanderung begegnet, zu versüssen, als das treue Festhalten an Gott und seiner heiligen Lehre, als dem Baum des Lebens, auf den Gott den Vater der Propheten in Mara verwies. Wechselfälle des Lebens! Haben wir denn erst jetzt erfahren, dass es solche gibt? Haben wir denn erst jetzt erfahren, dass es keine Sicherheit und Beständigkeit und Festigkeit gibt auf Erden? Mussten wir denn erst jetzt darüber belehrt werden, dass alle Erdengüter, an denen wir mit Lust und Liebe hängen, dem Wechsel und Wandel unterworfen sind? Rabbi Chija sprach einmal zu seiner Gattin: „Wenn ein Armer kommt, trage ihm das Brot entgegen, damit dieses auch Deinen Kindern oder Kindeskindern entgegengetragen werde." Als die Frau verwundert bemerkte, seine Vorhersage klänge ja wie eine Verwünschung, gab er ihr zur Antwort: Die Thora sagt von der Pflicht des Wohltuns: „Um dessentwillen wird der Ewige dein Gott dich segnen". Der hebräische Wortlaut enthält hier einen Anklang an das Wort „Rad" und leitet so zu dem Ausspruch des Talmuds: „Das Geschick ist ein Rad, das sich in der Welt dreht". (Sabb. 151 b). Die Erdengüter befinden sich bald bei diesem, bald bei jenem. Ja, vergänglich ist der Wohlstand, vergänglich die Freude. Allein, meine Freunde, nicht minder vergänglich ist auch die Sorge, die auf uns lastet, vergänglich ist auch Gefahr, die uns bedroht, und ist auch das Leid, das iuns bedrückt. Haben wir nicht oft, wenn der Himmel sich mit düsteren Wolken bekleidet, statt der befürchteten Stürme befruchtenden Regen? Und sind nicht auch die wirklichen Stürme vergänglich wie jedes Geschick auf Erden? Es kommt nur darauf an, dass wir auch mitten im Sturme unsere Ruhe und Festigkeit bewahren. Wir finden aber täglich die Wahrheit des salomonischen Wortes bestätigt: „Der Sturm geht vorüber, aber bis er vorübergeht, ist der Mensch ohne Gott oft nicht mehr auf seinem Platze, der Gerechte hingegen ist eine ewige Feste." Stark sind wir nur, wenn wir durch ein Gott dienendes und seinen Willen und sein Gesetz erfüllendes Leben um die Verbundenheit mit Gott ringen. Stark sind wir in der festen und innigen Ueberzeugung, dass nicht eine blindwaltende Schicksalsmacht, sondern der freie und zweckbedachte Wille des allmächtigen und alliebenden Gottes unser Leben gestaltet. Und stark sind wir endlich in dem festen und innigen Glauben, dass auch die Prüfungen und Leiden Gottes Schickungen sind zu unserer Aufrüttelung und Läuterung, zu unserer Veredlung und Versittlichung. „Dein, o Gott, ist der Tag und dein ist auch die Nacht." Von dir kommt unsere Fremde und von dir kommt unser Leid. Darum sollen wir mit dem Psalmdichter sprechen: „zu künden am Morgen deine Gnade und deine Treue in den Nächten". In der Freude preisen wir deine Gnade und auch im Leid bekennen wir uns zu deiner Treue. Darum sollen wir den halachischen Lehrsatz betätigen, den die Weisen im Talmud an diesen Psalmvers knüpfen: „Wer nicht das Gebet „Emes wejaziv" am Morgen und das Gebet „Emes weemunoh" am Abend spricht, hat nicht seiner Pflicht entsprochen." (Ber. 12a.) Mit dem Worte „Emes" auf den Lippen huldigen wir Gott, dem Schöpfer und Träger des Alls und dem Lenker unserer Geschicke. Nicht nur am Morgen, wenn die Sonne leuchtend und strahlend über unserem Haupte aufgeht, soll das Wort der Huldigung auf unseren Lippen blühen. Auch zur Abendzeit, wenn finstere Schatten sich auf unser Haupt senken, sollen wir Gottes Gnade und Treue in seiner Führung und Fügung erkennen und bekennen. Wenn wir uns zu diesem Standpunkte erheben, wird uns das Licht nicht blenden und der Schatten nicht ängstigen. In jeder Geschickeswendung werden wir das Gleichgewicht unserer Seele bewahren und mit den uns gewordenen oder