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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-01-01 · 5 (1.1930) · p. Seite 186

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
5 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 186 (sequence 14)
Language
German
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au alles und alle herantrat, hatte sein Gegengewicht in einer natürlichen Fähigkeit, durch den Ernst der Dinge hindurch die heitere Seite zu sehen. Kaum ein .Gespräch oder ein Brief oder ein Aufsatz ohne scherzhafte Wendung, oft zu grandioser Ironie gesteigert, immer ein Mittel der Deutung, der Verdeutlichung. Gewiss ist der äussere Ablauf seines späteren Lebens ein Wesentliches und untrennbar mit dem Werk verbunden, aber er Hess es niemals zu, dass die „technische Behinderung" bestimmend in den Vordergrund trat. Dieses Als Ob, in das er uns hineingezwungen hatte, war keine Fiktion, sondern eine der grossen Verwirklichungen seines Lebens. Lebendiger und freier als irgendeiner weilte und wirkte er unter uns, sein Da-Sein gehörte für uns alle zum Inhalt unseres eigenen Lebens. Audi in diesem besondern Sinn ist er unsterblich. Sein ganzes Leben aber ist eine gewaltige Lehre der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Im Alter von elf Jahren ,,Bereit ist das Feld" (Walther von der Vogelweide) Der Lebensgang. In den Wochen der ersten Trauer kann über ein Menschenleben nur sehr Persönliches oder nur sehr Aeusserliches gesagt werden. Dies gilt tausendfältig für das Leben Franz Rosenzweigs. Es wird einiger Zeit bedürfen, bis diejenigen aus unserer Generation, denen ein Urteil zusteht, den Mut und zugleich die Distanz zu ihrer Aussage finden werden. Vorläufig hängt eine dumpfe und rätselvolle Schwere über uns, immer wieder hämmern in uns die Takte Beethovens, über denen es heisst: „So pocht das Schicksal an die Pforte." Aber die wichtigsten äusseren Daten lassen sich erzählen. Er ist am 25. Dezember 1886 in Kassel geboren und war das einzige Kind seiner Eltern. Der Vater war ein angesehener, erfolgreicher Fabrikant, von sehr tatkräftigem Wesen, mit grossem Einfluss auf das öffentliche Leben der Stadt. Die Mutter ist eine geistig bedeutende Frau, von einer eigentümlichen und anziehenden Bewegtheit. Man möchte sie glücklich preisen, obwohl ihr das grösste Unglück einer Mutter widerfahren ist. Das schöne Elternhaus, in dem es an äusseren Gütern nicht fehlte, war ein gastfreier Mittelpunkt gepflegtester Geselligkeit für. den überaus grossen Kreis der weiteren Familie und der Freunde. Die Richtung aufs Geistige ist von den Voreltern ererbt, sie ist besonders sichtbar in der väterlichen Familie. Der Urgrossvater Isaak Rosenzweig führte den rabbinischen Titel „Morenu", er war 1785 in Inowrazlaw geboren, hatte in Prag und Warschau die Jeschiwa besucht und kam 1809 nach Kassel. liier hatte man verhältnismässig früh die- Bedeutung des Zugangs zur deutschen Bildung erkannt, schon seit 1809 -wurden jeden Sabbat in der Lehrschule des Konsistoriums deutsche Lehrvorträge gehalten. Isaak Rosenzweig wurde Lehrer an der jüdischen Schule, begann aber daneben Chemie zu studieren und legte so den Grund zu der späteren Lackfabrik. Verheiratet war er seit 1811 mit Gütchen Maas, der 1788 geborenen Tochter eines Vorsängers. Sein Sohn Louis Rosen zweig (1818—1875) war Chemiker, ein Schüler Liebigs, und dazu Kaufmann. Er heiratete Amalie Ehrenberg aus Wolfenbüttel (1822—1885); deren Vater war Samuel Meier Ehrenberg (1773— 1855), der in den Anfängen der Aufklärungsepoche als Lehrer und seit 1807 als Inspektor der jüdischen Freischule in Wolfenbüttel eine bedeutende Rolle spielte. Zu seinen Schülern gehörte der Historiker Jost, und kein Geringerer als Zunz nannte sich glücklich, sein Schüler und Freund zu sein. Der Ehe Louis Rosenzweigs entstammten drei Kinder. Der jüngste Sohn Georg Rosenzweig (1857—1918) heiratete Adele Alsberg '(geb. 1867), die einer angesehenen, von beiden Eltern her in Westfalen ansässigen Familie entstammt. Dies sind die Eltern Franz Rosenzweigs. Franz kam 1895 in die Reinhardsche Vorschule und besuchte von 1896 ab das Fried ridisgyannasium, in dem er Ostern 1905 das Reifezeugnis erwarb. Er war, wie das wundervolle Jugendbildnis erkennen lässt, ein schönes und ernstes, sehr begabtes Kind; eigenwillig, lesehungrig, überaus musikalisch. Als Studium hatte er die Medizin erwählt und ging zunächst an die Universität Göttingen, dann nach München und Freiburg, wo er 1907 das Physikum mit „sehr gut" bestand; die beiden ersten klinischen Semester verbrachte er in Berlin. Schon früh hatte er sich neben den mit grossem Ernst betriebenen medizinischen Studien anderen Bildungsgebieten zugewandt, der Philosophie vor allem. Allmählich war er so zu dem Entschluss gekommen, die Medizin aufzugeben und sich dem Studium der neueren Gesehidite zu widmen. Die ersten Anfänge seines Hegelwerkes reichen in diese Zeit (1909) zurück. Er ging nach Freiburg zu Friedrich Meinecke, dessen Werk „Weltbürgertum und Nationalstaat" er entscheidende Anregungen verdankte, und dem er zeitlebens zugetan blieb. Den Militärdienst hatte er 1912 bei den Darmstädter Dragonern zu leisten begonnen, musste aber nach drei Monaten infolge eines Reitschadens abgehen. Er promovierte im gleichen Jahr in Freiburg mit einem Kapitel über Hegel, nachdem er zuvor noch in Leipzig bei Lampredit und in Berlin bei Erich Mareks seine historischen Studien weiter verfolgt hatte, Nun wird die grosse Wandlung sichtbar. In seinem nächsten Kreis hielt man wenig vom Judentum. Er selbst war als Knabe zuweilen mit seinem Onkel Adam, einem Zeichner und Holzsdinitzer, in die Synagoge gegangen, wo seine tiefe Andacht auffiel, und er hatte auch auf der Schule den üblichen Religionsunterricht gehabt. Doch das hatte ihm sowenig wie seinen Freunden genügt, um eine legitime Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft herzustellen. Gerade er, der durch seine Hegelstudien zu einer restlosen Bejahung des Staatsgedaukens gekommen war, musste die in der Zugehörigkeit zum Judentum — von dem man doch in seinen Kreisen kaum etwas wusste — liegenden Besonderheiten gegenüber der Staatsreligion stark empfinden. In dieser Welt von Zweifeln gab es für einen ehrenhaften jungen Mensch, dem Religion nicht eine Nebensache ist, mit der man sich irgendwie abfindet — sei es durch Ignorieren oder durch gedankenlose Uebernahme—offenbar nur zweiWege der Auseinandersetzung: die Trennung oder die Umkehr. Die Wahl jedes der beiden Wege war mit schweren inneren Kämpfen verbunden. Mandie seiner Freunde entschieden, sich für das Christentum (Welcher Spiegel würde der jüdischen Geschichte vorgehalten,

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