Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-01-01 · 5 (1.1930) · p. Seite 185

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
5 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 185 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094352--2158-3096898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Mit Menschen zusammen zu sein, sich mitteilen zu können (wie meisterlich verstand er es, auch ohne von dem sonst dem Menschen zur Verfügung .stehenden Mittel Gebrauch machen zu können), das war ihm höchster Genuss. Er lechzte förmlich danach, Bekanntschaften zu machen. So hatten auch wir es zu einer lieben Gewohnheit uns werden lassen, jeden Besuch, den wir hatten und von dem wir irgendwie vermuteten, dass er für ihn von Interesse sein könne, hinaufzuführen, und wie dankbar war er dafür. Wenn ich vorher sagte, dass er auch für praktische Dinge, nicht nur Interesse, sondern grosses Verständnis hatte, so war er auch hierin ein Hervorragender. Oft sind Wissenschaftler dem Praktischen fremd gegenüber. Von ihm wurde nichts abgelehnt, weil es zu klein oder unwichtig sei. Dabei war immer und überall sein hoher Sinn richtunggebend, bei dem was eiin praktischen Dingen vorschlug oder anordnete. Die äussere Form musste harmonisch sich der Sache anpassen. Wie hat er es meisterlich verstanden, zusammen mit seiner ihm auch in diesen Dingen gleichgearteten und gleichgsinnteu Frau, die Räume, in die er einzog, in der Meinung, es sei nur für kurze Zeit bestimmt, aus ihrer dürftigen Einfachheit zu einem Tempel in jeder Hinsicht zu gestalten. So wird er uns dauernd nahe bleiben als der warme, verständnisvolle, innige Freund in grossen und in kleinsten Dingen, immer für alles Menschliche bereit. Ernst Löwenthal. Vom Richten. Wie bei Rosenzweig keine wissenschaftliche Erkenntnis ohne Zusammenhang mit dem Leben erwächst, so verlangt auch seine abstrakteste, scheinbar rein sprachlich-erkenntniskritische Wahrheit ihre Bewährung, gleichviel in welchem Lebensgebiet und Beruf. Die Schulphilosophie, lehrt er, kennt bloss das Denken, — beziehungs- und voraussetzungslos, zeitlos, mit einem Schlag tausend Verbindungen schlagend, niemanden ver-antwortlich, weil sie zu niemandem spricht als zu einer wesenlosen „Allgemeinheit". Das „Neue Denken" aber führt die Methode des Sprechens ein, das zeitgebunden ist, vom Wort, vom Dasein des andern erst Leben, Sinn, ver-antwortlichen Ernst empfängt. „Natürliches Denken! Denken das von Menschen weiss und das sich dieses Wissen nicht mehr in idealistischein Selbstbetrug aus den Fingern gleiten lässt, das vom Wechselverhältnis von Ich und Du ausgeht, statt vom Es oder vom Ich". Sprachdenken! — wo wäre es in unserer Recht-Sprechung zu finden? Auch der Richter ver-antwortet ja sein „Erkenntnis" nicht, am wenigsten vor dem, den sein Spruch trifft. Er kennt die Bedürfnisse „des Staates" und das „sittliche Empfinden aller billig und gerecht Denkenden" (die juristischen Worte für „die Allgemeinheit") — gewiss ideale, unbefangene Masstäbe! aber die „Gerechten", denen die Versuchung fremd ist, sind ebenso unfähig, über den Verbrecher zu richten, wie ein „unschuldiges" Kind, Nur wer (wie Goethe) sich selbst „jedes Verbrechens fähig" wüsste, wer die Versuchung nicht nur gelegentlich erfahren, sondern diese Erfahrung in jedem Augenblicke gegenwärtig hat, ist zum Richter berufen; nur das ständig-stündliche Gegenwärtigsein dieser menschlichsten Erfahrung, die wir erfahren können, vermag die Anmassung des Richtens zu rechtfertigen, — ihre alltägliche Bewährung ist ein Stück des Wegs „ins Leben", auf den jedes von Rosenzweigs vernntworr tungsbeladenen Worten uns weist. Nathan Dahlberg. Unser M inj an. Es ist uns noch nicht bewusst geworden, dass unserem Sabbat dieser besondere Sinn, unserer kleinen Gemeinschaft der Mittelpunkt genommen ist. Noch stehen wir unter dem starken Eindruck des letzten Jörn Kippur, noch gedenken wir der frohen Stunden des Simchat Thora. Freude und Ernst strahlte immer wieder aus diesem Menschen, der in den letzten Jahren seines Lebens uns das Verstehen des Wunders lehrte, der uns immer wieder, Sabbat für Sabbat zu einer Einheit zusammenschloss und dieser Gemeinschaft den Stempel seiner Persönlichkeit gab. Wir kamen jahrelang und scheuten nicht Weg und Wetter, kamen zu ihm, nicht wie man aus der selbstverständlichen jüdischen Pflicht he-'-.i zu einem Minjan geht. Wir mussten hin, wir braudnen dieses Minjan, diese wenigen Sabbatstunden des Gebets bei ihm und mit ihm. Wir erlebten bei ihm den Sieg des Geistes über die Materie, wir holten uns Kraft und Frohsinn für unser Tun. Mir etwa wurde das kleine Amt bei ihm, das Herumblättern der Tefilin, ein heiliger Diensi. Was hier im Minjan die Gegenwart der Persönlichkeit auslöste, erhielt Gestalt durch das Wort seiner Bibelübersetzung. So gab er uns Doppeltes. Er gab uns das Beispiel der sich stets erneuernden Kraft des Geistigen und er gab uns das Wort der Bibel wieder in seinein alten ewigneuen Sinn. In dieser Verbindung lehrte er uns Sabbat feiern. Und so liess er uns ein Vermächtnis zurück. Was wir da bei ihm hatten, bleibt unauslöschbar in uns. und der tiefe Dank für Franz llosenzweig wird keinen besseren Ausdruck finden als in dem ehrlichen Gelöbnis, seinen Sabbat und sein Judesein zum klaren Wegweiser für uns aufzurichten. Lambert Schneider, Berlin-Dahlem. Vor drei Jahren fuhr ich von Heppenheim, Angst und Mitleid im Herzen, nach Frankfurt zu Franz Rosenzweig. Nur eine Stunde wollte ich bei ihm bleiben, ihn und mich zu schonen. Ich blieb vier Stunden in dem stillen Zimmer und ging heiter und wahrhaft glücklich fort. So ist es in all den Jahren geblieben; jede Aeusserung dieses Mannes klang klar und mutig ins Herz des Lebens. Es ging eine wunderbare Daseins-Intensität von ihm aus, die jeden in Pflicht nahm. Ich glaube, dass jeder, der diese Verpflichtung erfahren hat, sie weiter erfahren wird, wenn auch Franz Rosenzweig tot ist. Ihm Dank für diese Gnade zu sagen, ist unzulänglich, aber ich will seiner menschlichen Stimme, seiner Frau, danken, dass sie ihn uns mittelte. Engen Mayer. In einem Brief Franz Rosenzweigs heisst es: „Ks ist ein Unterschied, ob man sich für die Seite eines Menschen interessiert, die einem zugewandt war oder für den Menschen en bloc; nur dann gehen einen auch die Seiten an, die anderen zugewandt waren." Bei ihm selbst konnte diese Unterscheidung nicht gelingen, denn immer redete, schrieb, wirkte er aus der Mitte seines Seins, niemals von einer Seite her. Anfangs 1920 lernte ich ihn kennen, er hatte den „Stern" grade abgeschlossen und wandte sich praktischer Arbeit zu. Der Aufbau des Lehrhauses führte uns zusammen, Rabbiner Nobel hatte die Begegnung veranlasst. Zum letzten Mal war ich am 3. Dezember, eine Woche vor dein Ende, mit Hanna Rowina bei ihm. In diesen nahezu zehn Jahren, in denen wir — wie er einmal meinte „toujours en vedette"— uns nahestanden, hat mich bei aller Bewunderung seines Wissens und seiner Denkkraft, der Gespanntheit und Bewegtheit seines vielfältigen und konstruktiven Geistes, nichts so sehr ergriffen wie seine Menschlichkeit. Ernst und Wahrhaftigkeit waren über ihn ausgegossen, seine Stirn trug das göttliche Siegel der Wahrheit. Aber man darf nicht glauben, dass er im üblichen Sinn in höheren Sphären gelebt hätte. Es zeugt für seine Stärke, daß er so gar nicht sentimental war. Ein genialer Feuerkopf, der das langsame „Frankfurter Tempo" hasste; dabei besonnen und von einer um das Kleinste besorgten Genauigkeit. Wie Luther war er gerecht aber nicht unparteiisch. Ungeduldig, zornig konnte er werden und wenn es sein musste unversöhnlich; dabei war er der verlässlichste, dankbarste Freund und bis zuletzt bereit, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um einem andern zu helfen, um eine Sache durchzusetzen. Besonders bezeichnend war seine Vorliebe für das Unfertige, das Werdende. Das eigene Schicksal und das mancher Freunde hatte ihn misstrauisch gemacht gegen die trauten Formeln, mit denen es sich so bequem leben lässt und die in Wirklichkeit so lebensgefährlich sind. Der tiefe Ernst, mit dem er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.