Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I wenn eine. Geschichte des Abfalls vom Judentum geschrieben werden könnte!) Er selbst aber gab sich bei diesem Zusammenstoss mit dem Christentum mit dem ihm bis dahin gezeigten Judentum nicht zufrieden, er machte sich an die „Urschrift", begann hebräisch zu lernen und vertiefte sich zunächst in Jesaja. Da9 Somniersemester 1913 und die beiden folgenden Semester beschäftigte er sich ausschliesslich nüt judaistischen Studien, und wer seine ungeheure Arbeitskraft und Aufnahmefähigkeit kennt, wundert sich nicht über das grosse Mass von Kenntnissen, die er sich in so kurzer Zeit aneignete: es fiel in ihn wie Gewitterregen auf trocknes Feld. Aber vielleicht wären auch bei ihm die sein ganzes Leben fortan bestimmenden Ergebnisse ausgebrieben, wäre nicht das grosse Ereignis der Begegnung mit Hermann Cohen hinzugetreten. Er hörte mit „glücklichen Ohren" die Vorlesungen des grossen Philosophen an der Lehranstalt (jetzt Hochschule) für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und war sofort ganz in seinem Bann. Die grossartige Einleitung zu den Jüdischen Schriften Cohens, die Rosenzweig zehn Jahre später schrieb, ist-gerade wegen der in vielem kritischen Haltung ein gültiges Zeugnis für seine Bewunderung des Meisters, vor allem aber für den Reichtum an Einsichten in jüdische Wesenheit, die Cohen ihm vermittelte, als Lehrer und im intimen Gespräch. . In. diese Zeit der Läuterung und Reife, die ihm auch die Begegnung mit seiner zukünftigen Frau gebracht hat, brach der Krieg. Da er nach den zunächst noch geltenden Begriffen nicht diensttauglich war, meldete er sich freiwillig als Sanitäter, kam im Januar 1915 wieder nach Berlin und liess sich im März 1915 — immer wieder freiwillig — in Kassel als Artillerist ausbilden. Im Herbst kam er an die Westfront, anfangs 1916 nach Mazedonien, wo er lange blieb; dort, auf Beobachtungsposten, erfüllt sich ihm verspätet sein Kindertraum: „ganz allein auf einem hohen Berg". Vom Feld aus richtete er 1917 den berühmt gewordenen Brief „Zeit ist 's" an Hermann Cohen und gab damit den Anstoss zur späteren Gründung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums". Im März 1918 verlor er seinen Vater und kam zur Beerdigung nach Kassel. Im Juni machte er in Polen einen Ausbildungskurs 'mit und sammelte dabei starke Eindrücke vom Leben der dortigen Juden, im Juli befiel ihn eine Kopfgrippe; kaum genesen, ging er zurück an die Balkan front und blieb trotz schwerer Malariaanfälle bis zum Zusammenbruch,' aus dem er sich durch eine ziemlich verwegene Flucht nach Usküb rettete. Von Belgrad aus kehrte er nach Deutschland zurück, "wurde.aber erst Mitte Dezember 1918 in Freiburg entlassen. Seit der Leipziger Universitätszeit bewegten ihn die Ge- . dankengänge, die sich später zum „S t e r n der E r 1 ö s u n g" formten. Die Gesamtkonzeption des Werkes enthüllt sich ihm in einer Nacht des Jahres i j 17, als er, auf einem Dienstgang stolpernd, plötzlich wie im Blitzschlag den ganzen inneren Aufbau vor sich sah. Einem Freund sandte er die da entstandene. Keimzelle und von nun ab arbeitete er in jeder freien Minute weiter; um sich die Arbeit auch während des Frontdienstes zu ermöglichen, war er der Beförderung zum Offizier stets ausgewichen. Das Manuskript besteht aus zahllosen Zetteln und Feldpostbriefen, die er irgendwo niederschrieb und sofort nachhause schickte. Das Buch selbst erschien 1921 in einem starken Band, für spätere Ausgaben war die der inneren Anlage entsprechende Teilung in drei Bände vorgesehen. Nach seinen eigenen Worten sollte der „Stern" sein letztes Buch sein und nur, wenn er sehr alt geworden wäre, wollte er vielleicht noch eiuen Kommentar zur Bibel unternehmen. Vor dem ..Stern", im Mai 1920, hatte er sein zweibändiges Jugend werk „Hegel und der Staa t" veröffentlicht: die beiden Hölderlin-Zitate auf dem Titelblatt und mehr noch das Vorwort zeigen die veränderte Einstellung zu dem von glänzender wissenschaftlicher Begabung und Darstellung zeugenden Werk, das er nur noch abschliessen konnte, aber niemals mehr begonnen hätte. Nun galt es, sich auf dem „Trümmerfeld" neu einzurichten. Die akademische Laufbahn, die dem schon bekannt gewordenen jungen Gelehrten ungewöhnliche Erfolge versprach, sehlug er bewusst aus. Wieder wird eine persönliche Begegnung bestimmend. Ein Freund r;:,nt ihn bei dem Frankfurter Rabbiner Dr. Neliemias Anton Nobel eiu, der gerade damals, im Nebel der ersten Nachkriegszeit, wie ein Leuchtturm dastand. Am Sederabend 1919 kam er zum ersten Mal zu Nobel, die Festtagspredigt am folgenden Morgen machte ihn „für alle Folgezeit zu seinein Gefangenen'". Von da ab wird Frankfurt der örtliche Mittelpunkt seines Lebens. Zuerst kommt er immer nur vorübergehend, ein Kreis gleichgesinnter Freunde beginnt sich zu bilden. Er geht dann daran, sein eigenes Haus zu gründen und heiratet am 28. März 1920 die längst Erwählte: Edith Hahn, Tochter des Berliner Justizrats Rudolf Hahn, war aus ähnlichem Kreis hervorgegangen wie er selbst, in dem Kind schon hatte sich das aus verschütteten Quellen hervorbrechende Judentum fast gewaltsam den Weg bahnen müssen. Was sie durch ihren Mann und für ihn geworden ist, davon kann hier nur dies gesagt werden: sie hat das Wort der Schrift von der „Hülfe ihm zuseiten" im buchstäblichen und in jedem anderen Sinn wahr gemacht. Im Herbst 1920 begann Franz Rosenzweig seine Tätigkeit am „Freien Jüdischen Lehrliau s", das ganz nach seinem Plan auf den im Jahr vorher von der neu begründeten „Gesellschaft für jüdische Volksbildung" eingerichteten Vorlesungen aufgebaut wurde. Die Programme der einzelnen Lehrgänge wurden bahnbrechend, die Arbeit hatte in vieler Hinsicht in die Breite wie in die Tiefe grössten Erfolg. Aber sie war im Grunde doch auf ihn allein gestellt, wie sie allein aus seinem Geist die Form erhalten hatte und mußte, wenn auch langsam, zerfallen, als das Schicksal seinen Körper niederschlug. Im September 1921 kam das erste Warnungszeichen, vom Dezember ab verstärkten sich die Merkmale beginnender Störungen, aber erst einige Wochen später befragte er den Arzt und wusste sofort, was die Antwort bedeutete. Seine Vorlesungen hielt er noch bis Mitte Juni, aber den ihm auf Vorschlag der Israelitischen Gemeinde übertragenen Lehrauftrag an der Universität konnte er nicht mehr übernehmen. Auf kurze Zeit ging er nach Königstein, von wo er anfangs Juli zurückkehrte — zum letzten Mal in der freien Natur. Die Geburt des Sohnes Rafael, am 8. September 1922, und dessen Aufnahme in den Heiligen Bund war das letzte grosser Fest seines Lebens. Damals glaubte er, dass ihm nur noch kurze Zeit beschieden sei und vielleicht sehnte er sich sogar nach dem Tod. Er wusste, dass er „am Rande des Lebens'* stand, und „das dunkle Tor" hatte, wie er selbst sagte, ein vertrautes Aussehen für ihn erhalten. Aber bald erkannte er die andere Bestimmung und fügte sich ihr. Etwa gegen Ende des folgenden Jahres hatte er die innere Umstellung vollzogen, und nun begann nochmals eine Zeit angespanntester "Arbeit, von der sein Jehuda Halevi und die zahlreichen Aufsätze zeugen, noch mehr vielleicht die in ihrem Umfang und Inhalt kaum übersehbare Korrespondenz. Die letzte grosse Steigerung brachte Martin Buber in sein Leben, die Frucht war die gemeinsame Verdeutschung der Schrift. Der von Büchern umstandene Raum im Dachgeschoss des Hauses, in dem ein Freund im Dezember 1920 eine Wohnung geschaffen hatte, wurde zum Mittelpunkt eines, auch von den äussei reu Umständen abgesehen, unerhört tätigen und führenden I Kinwirkens auf Geschehnisse und Menschen der verschieden- | sten Art: junge und alte, Juden und Nichtjuden. Der Raum j wäre ein „kleines Heiligtum" gewesen, auch wenn nicht nach! seinem Wunsch an Sabbat und Festtag seine jungen Freunde I und mancher Aeltere sich zum Gebet dort versammelt hätten.! ' Aus der Geschichte des deutschen und jüdischen Geistes- J lebens im ersten Jahrzehnt nach dem Weltkrieg ist die I Gestalt Franz Rosenzweigs nicht wegzudenken. Sein äusser- | lieh nur wenigen sichtbarer Einfluss auf vielen Gebieten des! geistigen und politischen Lebens war ausserordentlich, viel | begehrt war sein Rat, keinem versagte er sich. Dem „Neuen j Denken" hat er in einer Zeit der Ratlosigkeit und des Zu- ] sammenbruchs den Weg gebahnt. Als Rabbiner Baeck die