Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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und Rudolf Hallo. Judische Menschen sprachen im Lehrhaus zu jüdischen Menschen, meist zu solchen, die, ihres Judentums kaum mehr bewusst, nach seinem Sinne suchten. Sie einzuführen in jüdisdies Wissen und Leben, in Sprache und BrafTdi, in Geschichte und Politik war die natürliche Aufgabe der Bildung. Und da es keine Grenze des Jüdischen gibt, gab es audi nichts, das uns fremd sein sollte. Und dodi kam es nidit auf Vollständigkeit an, sondern auf Lebensnähe, auf die Verknüpfung des Gelehrten mit dem Gelebten. Wie es im Fragen keine „Rücksidit" gab, so auch nidit im behandelten Stoff. Das Christentum und die Weltreligionen gehörten so gut ins Lehrhaus wie Goethe und Dostojewski. Die Christen Paquet und Schafft sprachen neben den" Rabbinern und Talmudgelehrten. Und auch die Gegensätze von Liberal und Orthodox, von C.-V. und Zionismus waren in der gemeinsamen Arbeit überwunden. Um der Not der Lernenden gerecht zu werden, stufte Franz Rosenzweig den Stoff in dreifacher Weise ab. Den inneren Sinn dieser Dreiteilung legte er einmal in folgender Briefstelle dar: die „grossen Vorlesungen . . . sind der notwendige Anfang. Was man unfreundlich Sensation nennt, dieses Mund- und Naseaufsperren kann man auch Thaumazein nennen; dann sieht es gleidi ganz anders aus. Es darf gewiss nicht das Letzte bleiben, der Weg zum Fragen und weiter der zum Lernen muss gemacht werden. Es ist auch natürlich, dass der eben ins Fragen Hineingekommene verächtlidi auf den Staunlustigen zurücksieht, wie der eben ins Lernen Gekommene ebenso auf den Fragelüsternen. Zuletzt darf aber keines von den dreien ganz " aufhören. Auch wer noch so tief im Lernen steckt, darf das Fragen nidit verlernen und das Staunen nidit vergessen. Ueber das Mass der dreie kann man diskutieren, nidit über die Notwendigkeit." Franz Rosenzweig hat durch sein Leben den Sinn dieser Dreiheit am reinsten verwirklicht. Martin Goldner. Berlin. Erste Begegnung. Augusttag 1921, in einem Walddorf des Fichtelgebirges war der Bundestag der Kameraden, 500 junge jüdische Mensdien suchten Erfüllung ihres Sehnens: fanden im Leben, Tun und Lassen dieser Tage Verwirklichung des Bundes. Ein Fremder, den einer der Unseren mit heraufgebracht hatte, freute sich dieser Jugend und ihrer Gemeinde — und nahm den einen und den anderen abseits zu sich ins Gespräch. Später traten wir — Schöpfer unseres Bundes, noch weit entfernt Geschöpfe im Bunde, — wähnend mit dem Bilde der Gemeinschaft ihr Leben selbst gepackt und neugeschaffen zu haben und nun es lenken und abstecken zu müssen — in eine Aussprache. Ueber den Sinn und das Wesen der Jugend, des Bundes, des Judentums. In vielen und begeisterten Worten wurde gesprochen und —' noch am geahnten Anfang eines Weges stehend — versuchten wir das Ziel, den so und so zu bildenden Menschen zu sehen und abzuzirkeln. Aber die Reden schleppten — und so eng auch die Gemeinschaft geschlossen und die Bundestreue die einzelnen verband — ein jeder hatte eine besondere Meinung vom „Wesen" und vom „Sinn." Da nahm plötzlich der Fremde das Wort — wir sassen in weitem Kreise am Waldrande in der Abendstunde um ihn herum. Nicht ganz so „jugendlich" gekleidet wie wir erregte er sofort vieler Misstrauen, und als seine Worte nicht so schnell und leicht — begeistert flössen, sondern langsam und ernst — beseelt kamen, horchten die meisten wohl erstaunt auf — „so ernst" genommen zu werden, aber überhörten das Feuer, das i n diesen sdiweren Worten brannte und die Liebe, die aus ihnen drängte und sahen nicht, dass der Mann, dessen Bild zu entwerfen sie sidi gemüht hatten, dass der Führer zu dem neuen jüdischen Leben vor uns stand und uns zurecht wies mit der Unbedingtheit seiner Sprache: in der Anklage gegen die leichtfertigen Reden, Zielsetzungen und Bekenntnisse, die des ersten gelebten Anfanges nicht würdig seien — und inyder nüchternen Forderung: zu lernen, Sprache, Wissensgut — damit dann zur Stunde aus Kenntnis Bekenntnis, aus Wissen Bewusstsein werden könne. Und so dringend und sdiwer wurde Anklage und Forderung, dass darüber die Stunde seiner Rede zur ersten Lehrstimde wurde, und dass sie selbst schon half, Schuld abzutragen und Forderung zu erfüllen. So trat Franz Rosenzweig zum ersten Mal in unser Leben . . . Er ging damals allein wieder hinab, aber langsam folgten immer mehr, die er angesprodien, ihm nach und fanden über unseren Bund zu dem seinen — bereit seine Bauleute zu sein. Otto Driesen. Sein Leben in Frankfurt: eine Heimkehr. Nur den Eingeweihten anfangs verständlich. Eine Besessenheit, in sich klar, mit sidi fertig, mutig, ernst, abgrundtief, bedächtig, besorgt, an der Oberflädie ruhig, verzehrend ungeduldig im innersten Tempo: Zurüdc zu des Juden geistigem Kern! zurück auf alle Gefahr! Inmitten der unübersehbaren geistigen Fülle einer überreidien Persönlidikeit zielsidier im einzigen Letzten, unheimlich zielsicher, mitleidlos mit sidi selbst. Im hellsten Bewusstsein der Gesamtkultur der Gegenwart, seine letzten Dinge nur in Vergangenheit und Zukunft erlebend. Und darum lächelnd und wie selbstverständlich Sieger in der schmerzlidisten Gegenwart. Freund aller innerlich. Freudigen und Tatfrohen. Nothelfer durdi blitzenden Bück, blanken Gedanken und — tief liebendes Schweigen. Ein Genie des Wesentlidien, selbst in der Form, niemals i alltäglidi. Künstler und Kämpfer, Freund und Vater, — ein Mann! Henry Rothschild. Nadi all dem Wunderbaren, was seit dem Hinscheiden Franz Rosenzweigs gesagt und geschrieben wurde, fühle ich midi nidit berufen, Gleiches zu tun. Wenn er noch da wäre, | ginge ich hinauf, wie so oft bei allen möglichen Fragen und j bäte um seinen Rat. Wenn ich sage, in allen möglichen Fra- ' gen, so ist das ganz wörtlich zu nehmen. In jüdisdien und wissenschaftlichen Dingen aller Art war er selbstverständlich mein nächster Berater. Aber vor allem auch in mensdilidien Fragen und sogar in rein praktischen war dies der Fall. Es ist unseren Freunden bekannt, zu welch besonderem Glück meine Frau und ich es uns anrechneten, ihn und seine verehrte Frau, seitdem sie in Frankfurt ansässig waren, als Hausgenossen zu besitzen. Die Tür, die seine Wohnung mit der unserigen verbindet, wurde in all den Jahren, die er bei uns verbrachte, niemals gesdilossen. Wir gingen gegenseitig ein und aus ohne Förmlichkeiten und bis zur Erkrankung ohne jede Anmeldung. Seit der schweren Krankheit war es natürlich nidit möglidi, ihm einen unangesagten Besuch zu machen. Nidit, dass sein-offenes Wesen sich irgendwie geändert hätte, sondern, weil die unglaublich emsige Arbeitsweise für jede Minute eine Bestimmung hatte. Aber auch in dieser j Zeit bedurfte es keines langen Wartens, um zu ihm zu kom- | men. Jedesmal, wenn man bei ihm eintrat, empfand man dies | als eine besondere Gnade.. Auch meine Kinder fühlten sich j mit ihm und den Seinen innigst verbunden, und es war für sie immer eine Weihestunde, wenn sie zum Freitagabend oder zur Hawdoloh oder wann sonst immer bei ihm weilen , durften. Welche.Freude machten ihm Kinder überhaupt! Zu den Chanukka-,. Purini- und Simchath .Thora-Feiern, die er seinem Rafael bereitete, konnten. garnicht Kinder genug einge-. laden werden. Auf solche Zusammenkünfte passte ganz besonders das von ihm geprägte Wort,-äass Öias enge Zimmer, in dem er die Jahre seines größten Schaffens verbringen mußte, Wände von Gummi hätte. Noch so viel Menschen, die er um sidi sehen wollte, sie fanden immer Platz.