Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn nicht was dem einen aufgegeben ist, ist dem anderen aufgegeben. Aber alle zusammen bewirken, dass das Ganze ersteht. Das strengste wohl, weil es die natürlichste Scheidung zu überwinden gebietet, ist das Wort: „Der Mensch hat die Pflicht, über das Böse den Segen zu sprechen, den er über das Gute spricht, — was so verstanden wird: dass ers in Freude auf sich nehme, — wie gesagt ist: ,So liebe denn / IHN deinen Gott / mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht; /' Mit all deiner Seele: auch wenn er dir dein Leben nimmt. Mit all deiner Macht: alles was er dir geben mag, umwandle es in Dank — aus deiner Macht." Dieses Wort hat sich im grossen demütigen Dienst eines Menschen erfüllt. Im Alltag des Lebens. Bevor er sich diesen Ort eroberte, zeichnet er in seinem „Stern" den Weg des Denkens als einen Vom Tode (so beginnt das Buch) Ins Leben (so endet es). Und „aus einem Problem des Denkens ist eine Kraft des Herzens geworden." Das Andenken dieses Gerechten wäre verraten, wenn der „Mut zur Trägheit" unter den Menschen ihm den menschlichheiligen Boden entziehen würde. Das reine Andenken wird sein Angesicht so bewahren, wie es war: in grosser Liebe zu Gott und zu den Menschen, zugewandt der Welt, wie sie ist. Hans Trüb, Zürich. „Dieser Mensch ist kein Gläubiger, aber auch kein Ungläubiger. Er glaubt und er zweifelt. Er ist also nichts, aber er lebt. Genauer: or hat Glaube und Unglaube nicht, sondern Glaube und Unglaube geschehen ihm. Ihm liegt nichts ob,als dem Geschehen nicht davon zu laufen, und wenn es geschehen ist, ihm zu gehorchen. Das klingt beides, solange man weit vomSchuss ist, wie nichts; es ist aber so schwer, dass wohl keiner ist, der es immer, — nein, wohl Keiner, der es mehr als seltene gezählte Male fertig gebracht hat." (Aus Franz Rosenzweig: Die Schrift und Luther, Seite 28). Was Franz Rosenzweig mir bedeutet? Ich kann seine Bedeutung für mich noch nicht fassen und beschreiben. Oft versuchte ich es schon. Doch die Wirklichkeit verhöhnte meine Bemühung und hiess mich schweigen. Ich bin mir bewusst, dass ich diese Frage mit dem Leben zu beantworten habe. Nur indem ich dieses vorausschicke mag ich daran gehen, den Eindruck, den die wenigen Begegnungen mit ihm hinterlassen haben, wiederzugeben. Im Frühjahr 1926 sass ich zum ersten mal ihm gegenüber in seinem Arbeitszimmer in der Schumannstrasse. Was damals laut gesprochen wurde, habe ich beinahe vergessen. Es war nicht bedeutsam. Aber ein Gespräch hub an, ein stummes Zwiegespräch, das nie zu Ende ging, das auch heute nach seinem Tode in mir weiter lebt. Eindringlich und durchdringlich war der Blick seiner grossen Augen. Er traf mich in die Mitte und a wollte von mir wissen: „Wer bist Du, der da hereinkommt zu mir? Was willst Du hier? Was bist Du, was hast Du, was vermagst Du?" Was sind das. für Augen, die so in mich hineinschauen können? Wer ist denn dieser Mensch, dass vor seinen Augen alles, was mir zu eigen ist, so unerbittlich in nichts zerrinnt? ,. ■ Ja, wer ist er denn dieser Franz Rosenzweig, zu dem das Schicksal mich hingeführt hat? Ich antworte mit seinen Worten: Dieser Mensch, der so in meine Herzmitte hineinschaut, ist nichts, aber er lebt. Ihm geschieht etwas Unerhörtes und er läuft nicht davon. Ihm ist etwas geschehen und . er gehorcht. \ . Vor Jahren hat ihn eine Unheimliche Krankheit jäh. angefallen, hat ihn gelähmt und der Sprache beraubt. Das ärztliche Wissen sprach ihm das Todesurteil. Franz Rosenzweig wusste es. Die Krankheit hat ihm vieles genommen, Woran sein Herz hing. In qualvollen Tagen des Widerstrebens: hat er es sich-nehmen-lassen. Was konnte er dagegen tun? Er musste sich hineingeben, und er hat sich hineingegeben. So -hat-sie ihm aber . auch, etwas gebracht; einen neuen, grossen, unvergänglichen Lebenstag. Diesem Lebenstag gab er sich hin. Ihm verschenkte er sich. Ihm gehörte er bis zum letzten Atemzug. Und sein Herz wurde voll des Dankes. Und seine Augen strahlten aus seine Glückseligkeit. So fragten mich seine grossen Augen: „Ist mein Lebeustag kürzer als der Deine? Ist der Deine ein anderer als der meine?" Und so fragen sie mich noch heute. Und ich wünsche mir, dass sie mich durch mein ganzes Leben immer neu so fragen mögen. Und so fühle ich ihn bei mir als unsichtbaren Bruder und danke es der Fügung, die mich seine Hand berühren liess. Franz Wolf. „Wohinaus aber öffnen sich die Flügel dos Tores? Du weisst es nicht? Ins Leben." So beschloss Franz Rosenzweig seinen Stern der Erlösung, und wir haben sehen dürfen, wie er dies Wort buchstäblich bewährte, im kleinen wie im grossen, Tag um Tag noch in all den Jahren, in denen er sich so leicht hätte hinweg vom tätigen Leben verführen lassen können. Der wirklichkeitsnahe Denker und tatkräftige Jude mußte notwendig auch um wirksamen Einfluss kämpfen im Geschehen der jüdischen Gegenwart. Freilich machte Franz Rosenzweig Politik auf seine eigene Art — wahrhaft souverän. Er vermochte Elemente zu einen, die auseinanderzustreben schienen, indem er sie löste aus der Umklammerung fruchtloser Prinzipien und an die konkrete Aufgabe band. Es konnte um diese Gemeinde gehen — ihre Finanzpolitik interessierte ihn wie ihre Schulpolitik — es. konnte um die Organisation des deutschen Judentums gehen oder um die Versachlichung der Arbeit für Erez Israel, stets war man seiner Anteilnahme und seines oft genug weiterführenden Rates oder auch seiner Tatbereitschaft gewiss. Dass sein sachliches Denken und sein scharfes Urteil vor keiner Partei haltmachte, war selbstverständlich, ebenso aber, dass er die Parteien als ein Stück Gegebenheit nicht unterschätzte. Er konnte es wagen, Menschen jeder Partei um sich zu versammeln zu dem Versuch, innerhalb der getrennten Lager das gemeinsame Ziel aufleuchten zu lassen. Franz Rosenzweig war ein politisches Kraftzentrum des deutschen Judentums. Allmählich geht da und dort Saat auf, die er säte. Einer solchen Kraftquelle sollten wir nun entbehren? Sie darf nicht versiegen in unserer Mitte: unser Dank sei, dass wir sie bewahren — dass es gelinge, sei unser Gebet. Rudolf Stahl, Bad Nauheim. Franz Rosenzweig hat uns unter seinen Werken eines hinterlassen, das uns mehr bedeutet, als ein abgeschlossenes Buch: das Frankfurter „Freie jüdische Lehrhaus". Im Nachdenken über dessen Wirkungen und Ausdrucksformen erkennen wir wieder und wieder die Züge seiues Schöpfers, der damals um dieser Schöpfung willen Frankfurt zu seinem Wohnsitz nahm. Es ist schon oft gesagt worden, dass das Lehrhaus, dessen Wesen Franz Rosenzweig in seinem Briefe „Bildung und kein Ende" enthüllt hatte, keine Volkshochschule sein wollte. Und es zeugt für die Genialität Franz Rosenzweigs, dass er schon damals in seinem Lehrhaus die Entwicklung vorweg nahm, die in der allgemeinen deutschen Volksbildungsarbeit erst später einsetzte: die vom toten Wissen zum lebendigen Leben hinführt. Deshalb forderte Rosenzweig Menschen, die sich ganz und rückhaltlos in dieses Haus der Lehre hineinstellten, mit all ihren Zweifeln und Fragen, mit all ihrem Ahnen und Wissen. Die Lehrer und Schüler in gleichem Masse Fragende, Wünschende und Vertrauende, so dass der Lehrer der einen Vorlesung der Schüler einer anderen wurde und damit eine lebendige Beziehung entstand zwischen allen, die in diesem Hause ein- und ausgingen. Ihnen allen war Franz Rosenzweig leuchtendes Beispiel, er gab ihnen alles — sich selbst. Und noch in den Jahren seiner Krankheit blieb er der unsichtbare Führer, dessen Auge alles überschaute. Von Lehrern seien hier neben ihm nur einige genannt: Nehemia Nobel, Eduard Strauss, Martin Buber, Richard Koch