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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-01-01 · 5 (1.1930) · p. Seite 182

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
5 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 182 (sequence 10)
Language
German
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Wohlbefindens floh aus gereinigter Seele. Weit mehr begab sidi: das eigene Heiltum schien vor diesem im höchsten Verstände Heilen erst wahrhaft gesichert und geistgemäss. Er, der durchaus bei sich selber Befindliche, verlieh dem Besucher, Aver er auch war, den gleichen Adelsbrief. Man kam zu sich bei Franz Rosenzweig, man war entbürdet, entschwert, entengt bei Franz Rosenzweig. Jeden der zu ihm kam brachte er zur Zwiesprache, und wie sein stummes Lauschen schon an sich beredt war, nicht nur durch den unvergesslich warmen Tiefenblick des Auges, das leise Beben um die Lippen erwiderte, aufforderte, bestätigte und führte: so waren die Antwortssilben, die er durch den Mund der Würdigen und Schicksalsgewürdigten an seiner Seite zu geben vermochte — nein zu geben geruhig und willens war, was sie auch dem äusseren Sinn nach besagten, ganz erfüllt von jenem, zugleich plötzlichen und endgiltigem Lichte der Eingebung, die den Schleier zerreisst. Raum, Zeit. Wandlung und Beharren, alles woran wir uns sinnfällig halten, alles was uns stört oder stösst, war und geschah hier im Zeichen und in der Absicht von Franz Rosenzweigs Geist. Ehrfurcht war das Gesetz dieses Geistes, Erkenntnis war sein Drang, Liebe sein Brot und sein Wein. Und Lächeln war sein Glück. Denn er war ohne alle Narben der Qual, ohne die Schwielen der Ueberwindung, er war leicht und war da, so wie er selber gewollt, und solange es ihm genehm war und recht. Und uns ist heute, heute, da ihm eine andere Weise genehm wurde und recht, als sei nur ein unmerklicher Ruck vorgegangen, keine Entrückung. Franz Rosenzweig, auf immer hältst Du uns in Deinem milden zwingenden Bann. Rudolf Hallo, Kassel. Ohne ein Wort persönlichen Bekenntnisses ist Franz Rosenzweig inmitten einer Schaar wahrhaft Mittrauernden in die Erde gebettet worden. Nur ein Psalm wurde verlesen. Wie alles und jedes in diesem heroischen Leben bedacht und beabsichtigt war, so war es auch diese stille, fast stumme Trauerfeier. Aber nicht von je war es Franz Rosenzweigs Absicht und Gedanke gewesen, in solcher Sprachentäusserung dem Haus der Ewigkeit geweiht zu werden. Er wusste. wie es verstanden werden würde, als er an einem frühen Tage seiner Krankheit auf eine Grabrede verwies, die ihm in jeder Hinsicht würdevoll und schön erschien. Ich hatte das Gespräch in mich verschlossen, um seinem letzten Willen nicht im Weg zu sein. Nun da ihm dieser Wille geworden ist, darf ich es wohl behutsam offenlegen; es war die Grabrede Ulrich von Wilamowitz- Moellendorfs auf Paul de Lagarde! Ich habe sie wieder und wieder gelesen. Musste ich doch damals schaudernd fürchten, in' soviel Monaten an seinem Grab sprechend zu stehen wie nun nach Jahren schweigend. Es ist nicht möglich, diese herrlich trotzige, protestantisch unkirchliche Rede auf Rosenzweig zu übertragen. Dazu gehörte, wie in jenem seltenen Falle, die gleiche Höhe des Sprechers mit dem Besprochenen. Es ist auch nicht nötig, sie auf Franz Rosenzweig zu übertragen, denn dieser stumme Tag der grauen Grablege hat schon bislang mehr Münder zum Bekennen und zum Zeugnis aufgetän, als alle laute Klagefeier je vermocht hätte. Aber es ist notwendig, sich ins Gedächtnis zu rufen und darin festzuhalten, dass Franz Rosenzweig auf den höchsten Scheitel seiner steilen Bahn, auf der Akme seines Lebens, um es mit klassischem Griechisch zu bezeichnen, mit innerster Verbundenheit den platonischen Eros dieser Männlichkeit geniessend und erlösend empfand, der in dem warmen Lob eines masslos reichen Lebens lag. Lagarde verkörperte für Rosenzweig das scharfe jederzeit bereite Wissen wie die klare überzeitige Weisheit, die verzehrende Glut des vom Glück seines Volkstums Beseligten wie die heilige Zornmütigkeit des im Tiefsten eifernden Propheten, den völlig germanischen und den vollkommenen christlichen Geist. Franz Rosenzweig ist dem grossen Toten von 1891 in unheimlicher Gefolgschaft nachgewachsen, an Wissen und -Weisheit, an Unerschöpflichkeit und an Glauben. Er ist uns zu dem Sinnbild des vollendet jüdischen Deutschen, des' vollendeten deutschen Juden geworden. Auch über seinem Grab wird kein Meister ganz gleich welcher Wissenschaften stehen, der nicht, in einem weit tieferen und umfassenderen Sinne als es einst Wilamowitz tat, sich selbst die Frage vorzulegen hätte: Wo ist wohl der, der all die Sprachen lesen könnte, iii denen Er uns Texte hinterlassen hat? Nahum Glatzer. In der Verherrlichung grossen Schicksals, und besonders wenn es sich vollendet hat, sündigt oft die Nachwelt, indem sie es von den Wurzeln löst, durch, die es mit den Gesetzen unseres eigenen Schicksals verbunden ist. Indem sie den Grossen aus einem Gesetz, das nicht das unsre ist, als Heiligen, als Unirdischen begreifen möchte, enthebt sie sich der Pflicht, das Eigene an diesem andren Leben "zu prüfen, und in der durch dieses Leben erweiterten, bereicherten Welt den eigenen Ort neu zu suchen. Alte jüdische Biographie, der es um den Menschen, nicht um den Helden zu tun war, pflegte darum ihre Gestalten in oft überbetonter Kreatürlichkeit und Erdnähe zu zeichnen, um den Nachlebenden als Geschöpf verwandten Blutes zur Auseinandersetzung, aber auch zur Nachfolge zu zwingen. Und nur solcherart kann die Vergegenwärtigung des Lebens Franz Rosenzweigs sein, soll das Andenken dieses Ge-- rechten zum Segen sein. Sonst würde der Sinn verdunkelt werden, dem er in aller Klarheit gedient hat. Durch sein Leben und sein Werk — durchs Leben, das er dem Tode abtrotzt, und durchs Werk, das er dem Leben abtrotzt — geht ein Kampf gegen Ausnahme, gegen Nimbus und Privilegium, wie gegen ein Gespenst, das seine Welt zersetzen möchte. Einmal sagt er zwar: „Der Leidende allein hat die Erlaubnis, Gott aus seinen Werken zu preisen"; und man glaubt, er meine sich selbst und sein Leiden, man ist ergriffen, denn, er darfs!, man ist glücklich, dass er sein Vorrecht weiss und es nutzen mag, — und er fährt fort: „Aber alle Menschen leiden." So verzichtet er aufs Bürgerrecht in höheren Sphären der Genies und der Dulder, wohl wissend, Avie gern es die Umwelt ihm zubilligen möchte: weil Ausnahme nicht verpflichtet (sondern die Regel, hier die der mens sana, gar noch bestätigen würde); weil Nimbus — Nebeldunst auf deutsch — erlesen ist, Exil zu sein für Geister unbecpiemen Ausmasses für die Welt; weil Privileg den, dem es erteilt wurde, schliesslich noch zu Dank verpflichten niüsste. Er aber, zwingt sein in dieser Welt also gefährdetes Schicksal in eben diese Welt hinein, ordnet sich der Menschengemeinschaft einriebt nach Sitte der Gesunden und in Form jüdischen Gesetzes, das, weil es das Sein bis ins Kleinste regelt, die Bereitschaft ..aller Glieder" verlangen muss. Wer nichtsi gesehen.„hat von dem ungeheuren Kräfteeinsatz und der strengsten Energie der zwei Menschen Franz. und Edith Rosenzweig, — die, auch wo sie nicht zusammen genannt werden, immer zusammen gedacht werden müssen, wo von diesem Leben gesprochen wird, —-der wird es nicht für. möglich halten. Und doch, war es möglich, während Arbeit und Gesprächs zu vergessen, wie beides erkämpft wurde. Besann man sich wieder, da wusste man: hier sitzt ein Sieger. Der Tod war eingeschlungen in den Sieg. . Wer nicht kämpfen will, wer aufs Glück des Sieges verzichtet, um nicht mit der Schmach der Niederlage rechnen zu müssen, der hat ein Drittes zur Wahl: Flucht. Auch Flucht zu Gott ist Flucht. Dehn wahrer Dienst ist, dort auf. dem Posten zu .stehen, wo Gott einen hingestellt hat. Im Leben Franz Rosenzweigs ist ein Posten von Schwere und Gefahr, der anderen Menschen selbst Ort der Flucht sein würde; zum Ort der Bewährung geworden. Unsere Ueberlieferung, die .den Zusammenhang zwischen Lehre, und Leben hütet, denkt sich die Erfüllung, des Gesetzes hervorgehend aus dem Tun eines jeden in seiner Art,

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