Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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der Wahrheit sehr nahe. Er versuchte nicht, sein Leiden zu tragen, sondern im Gegenteil, es zu bekämpfen. Jeder Bundesgenosse war ihm recht, und jeden hat er auf Herz und Nieren geprüft. Er war kein leichter Patient für mich oder . für den treuen Hausarzt seiner letzten Jahre, Richard Tuteur. Er machte auch nicht den leisesten Versuch, seiner Umgebung die Rolle des grossen Dulders vorzuspielen, seine Ungeduld war mit seine stärkste Kraft. Wie er den gelähmten Körper in den Dienst seines unversehrten Geistes zwang, ist schon technisch betrachtet auch wieder eine Geschichte für sich. Er starb viele Jahre später, als man dachte, an einer gegen das Ende hin auftretenden fieberhaften Erkrankung, in seinem Stuhl sitzend, nachdem er alle Mittel, die er scharfsinnig ausgeklügelt, um weiter leben zu können, erschöpft hatte. Er hat zweifellos unsagbar viel gelitten, aber er ist sicher weniger unglücklich gewesen, als man denken sollte, und vielleicht ist er glücklich gewesen. Dass er leben und arbeiten konnte, hat ihm seine Frau möglich gemacht. Nach dieser Erzählung scheut man . sich, nach, einer dürren Formel seines Lebens zu suchen. Mir scheint, dass er in der Reihe der grossen jüdischen Lehrer — einer derjenigen Lehrer gewesen ist, denen es beschieden war, den Juden ihre Religion wieder im hellen Lichte aufleuchten zu lassen, als sie in Gefahr war, aus der Reihe der grossen Menschheitsreligionen zu verschwinden, und dass er über die Judenheit hinaus zu den wenigen gehört hat, die wieder lehrten, dem einzigen und wahren Gotte zu dienen. Eduard Strauss. Der deutsche Jude Franz Rosenz w ei g. Es ist die Absicht dieser Aeusserungen, von dem zu sprechen, was Franz Rosenzweigs Eintreten in das Leben eines Einzelnen bedeutet hat. Nicht kann darüber gesprochen werden, was dies Kommen und Bleiben und nun dieses Gehen des in seiner Jugend so viel Reicheren, immer liebevoll Schenkenden und Helfenden dem um zehn Jahre Aelteren war und ist und für seinen Rest sein wird. Es entzieht sich jeder fremden Einsicht und es würde zum Unlebendigen erstarren, sollte es heute — und vielleicht jemals — Wort werden. Aber das kann in knappem Umriss und formelhaft zunächst angegeben werden, was an Klärung für das Wirken in dieser Zeit und an diesem Ort aus dem Zusammenleben mit ihm entsprang. Am 10. September 1919 habe ich Franz Rosenzweig zum ersten Male bei mir gesehen; äusseren und inneren Anlass zugleich bot eine kleine Schrift über den Zionismus, die er gelesen hatte. In den Stunden jener ersten Zwiesprache lag eigentlich schon keimhaft all' das, was uns Beide fortan immer stärker näherte und über das doch immer sachlich Verbleibende hinaus brüderlich verband: dass wir vor allem Unbekannt-Kommenden und also Nicht-Wissbaren Unser ganz gewiss sein konnten und dass Vertrauen Wünsche als Boten des Einen zum Anderen senden durfte. Mir war damals, eben an und nach jener Schrift, das innige Zusammen, die wirkliche und in meinem Leben nicht bezweifelte Durchdrungenheit jüdis^le'n Selens mit deutschem Wesen gegeben. Franz Rosenzweig brachte mir — in jeder Bewegung und jedem Blicke ganz erfüllter Jude, in jedem Wort und jeder Wendung voll durchgeistigter Deutscher —"das Jawort der Bewährung und zugleich die Aufforderung zur Arbeit. Gemeinsam wurde uns kritische Befreiung unseres Judeseins von aller Schablone, von aller Richtung oder gar Partei, gemeinsam auch der Weg seither von unserer immer doch idealistischen Schule zu einem neuen Denken, zu einer alles und jedes wie zu eigen geschenkt annehmenden Erfahrung. Immer ungetrennt und ganz streng parallel ging uns das Wirken um jüdische Wirklichkeit und das Befreien unseres .Denkens von jeder schemenhaften Abstraktion. Der „Stern der Erlösung" und das Hegel-Buch waren geschrieben: von der Verschwommenheit der „Erlebnis"-Schwärmerei jener Tage wussten wir Beide uns frei — ebenso wie von allem nur noch wissenschaftlich scheinenden Formalismus des Geistes. Ich erinnere mich der Stunden, in denen wir über Hermann Cohen sprachen; gegen meine damalige Zurückhaltung sagte Rosenzweig: „Warte das Nachlassbuch ab — in ihm ist der deutsche Idealist ganz Jude geworden." Dies war ihm Ausdruck der nun wieder greifbaren Verwirklichung des deutschjüdischen Menschen; er selber ist es gewesen, in dem — von zwei Strömen umhegtes und befruchtetes Erdreich — diese Verwirklichung schöpferisch wurde und jene „Problematik" aufhörte, von der er einmal sagte: „wo man vom „Problem" redet, da stimmt etwas nicht." Gerade dies Wort fiel damals, als er um jüdischer Bildung willen unser Freies Jüdisches Lehrhaus ins Leben rief und die Gedanken seiner Schrift „Bildung — und kein Ende" in die Tat umsetzte. Dass es keinen Gegenstand geben dürfe, den man in einem Lehrhaus — deshalb „Frei" — nicht als Jüdisch- Lebendiges behandeln könne und also müsse, war die Absicht dieser Gründung, mit der wir Anderes und mehr bezweckt haben, als das, was man gemeinhin mit Volksbildung bezeichnet. Und dass zum „Jüdischen" dieses Lehrhauses ja nicht etwa stetes Betonen gehöre, sondern allein dies Jude sein, das hat Rosenzweig einmal so ausgedrückt: „Man muss sich doch nicht auch noch citieren, wenn man schon selber da ist!" In dies umfassende Lernen in Gemeinschaft hat er meine Bibel-Lesestunden aufgenommen, die er gern einen „deutschen Sdiiur" nannte; hier durften und mussten wir vom Christentum reden, als der Schicksalsmacht Europas seit zwei Jahrtausenden. Und vielleicht hätten wir auch, wäre es dazu gekommen, in eben diesem jüdischen Lehrhaus aus unserer Art heraus Goethes Faust gelesen und — gelernt, wie Rosenzweig gelegentlich in jener zugleich scherzenden und tiefen Weise sagte, die ihm so beglückend zu eigen war. Der Ursprung unserer Gemeinschaft hat seine antreibende Kraft nie verloren: er bewährte sich bis in diese Tage des Arbeitens um den Palästinaaufbau und des Wirkens für den Bestand unseres Philantropins, in dem Rosenzweig das währende Zeichen eines Geistes sah, der den deutsch-jüdischen Menschen bildet und formt. Das ist, wovon ich heute Zeugnis ablegen darf, — ganz so, wie ich es dem Lebenden sagen könnte, wäre es mir vergönnt, wie so oft, ihn zu fragen: Weisst Du noch . . .? Karl Wolfskehl. Wer zu Franz Rosenzweig ins Zimmer trat überschritt einen magischen Kreis, befand sich in einem milden und doch zwingenden Bann, war selber ein Verwandelter. Maße und Formen des alltäglichen Lebens schwanden dahin, schmolzen weg, und das Unbegreifliche dieses Zustandes war Norm geworden. Hinter dem Tische, im breiten Stuhle lehnte nicht mehr, wie man sich es noch beim Ersteigen der vielen Stufen vorgestellt hatte, ein schwererkrankter, ganz und gar bresthafter Mann, dem fast jede leibliche Gewalt genommen war, den man nicht begrüssen konnte, an dem der Zuspruch fast zersprang: hinter diesem Tische, auf diesem breiten Stuhle thronte Franz Rosenzweig. Thronte und spendete. Wenn unser Auge in dies Auge traf, erstand die Gemeinschaft. Alles Körperliche, vom Dinglichen an bis zu Stimme und Widerhall, kam in einen neuen Fug, bezog sich mühelos, ohne dass es eines Anstosses, Antriebes, einer Umstellung, eines irgend bewussten Zwanges bedurft hätte, in diese ganz echte, ganz urgründlich wahre und von Schönheit umstrahlte Daseinsform. Es konnte einfach nicht anders sein, denn hier herrschte keine Not, kein Druck, sondern völlige Freiheit. Franz Rosenzweigs hoher Geist wollte es also, wollte schon bevor er von der Behausung schied, die er sich erwählt, selbsteigen sein, nur sich selber verschenken. So stand dann jeder, der vor Franz Rosenzweig stand, in dem heiligen Lichte der freiesten und freundlichsten Wahl. Und erhoben ward jeder, der im Lichte dieses Geistes stand. Nicht nur alle die kleinen Menschengefühle, Menschenängste und Beklemmungen waren weggewischt. Nicht nur das erbärmliche, selbstsichere Mitleid de*