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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-01-01 · 5 (1.1930) · p. Seite 180

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
5 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 180 (sequence 8)
Language
German
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einen rücksichtslos draufgängerischen Mann, der seltsam aus feiner, höflicher Art und aus ungezügelter Kraft gemischt war. Aber ich ahnte nicht, wie unerschöpflich reich dieser Geist war, dessen Träger so einfach und frei von aller Theatralik vor mir stand. Im Sachlichen, in seinen Plänen für das zu gründende Freie Jüdische Lehrhaus, gewann er midi rasch, obwohl unsere Unterhaltung bald eher schroff als höflich geführt wurde, und zwar von meiner Seite aus deshalb, weil ich fühlte, dass hier Widerstand von vorneherein die festeste Grundlage abgeben würde. Daraus wurde eine echte Freundschaft, eine Freundschaft, auf die idx in meinem Alter nicht mehr rechnen durfte. Er war damals 53 und ich 37 Jahre alt. Was aus dem Lehr haus wurde, davon sei hier nicht weiter die Rede. Das Lehrhaus hat in diesen gesdiichtlich ausgezeichneten Jahren seine Schuldigkeit getan. Es war lebensunfähig geworden, als Rosenzweig erkrankte, es hätte auch, wenn er gesund geblieben wäre, früher oder später sein Ende finden müssen, weil sein Programm nur für einen engen Kreis von Freunden geeignet, für ein grösseres Publikum aber zu akademisch war. Heute ist mir wichtiger, was mir die Frühzeit dieser Freundschaft brachte. Ich hatte viel von ihr erwartet, aber sie hat mir noch viel mehr gegeben. Dass Rosenzweig mich durch die Tiefe, die Fülle und den Reichtum seiner Kenntnisse immer wieder überraschte, war nicht das Wesentliche, sondern wesentlicher war sein Radikalismus, der stärkste, der mir je entgegengetreten ist. Er hatte die ganze müde Zeit, in der wir lebten, zu Ende gedacht, er war bereits ganz frei von der Einengung in die Gedanken, an denen sich die abendländischen Philosophen immer wieder abgequält hatten, ohne viel über die frühe Weisheit des Sokrates hinauszukommen, und er war ebenso frei von der zermürbenden Mannigfaltigkeit des immer üppiger gewucherten induktiv gewonnenen Wissens des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Er hatte im Gegensatz zu unserer Generation damals schon die Universitätsmöglichkeiten überblickt' und überwunden. Ganz beiläufig sagte er einmal, dass er eine philosophische Doktorarbeit gemacht habe, die sei, wie Doktorarbeiten eben seien. Er würde sie heute nicht mehr schreiben. Nicht viel später las ich, dass diese Doktorarbeit ein sehr wertvolles und umfangreiches Buch über den Staatsbegriff bei Hegel sei. Aber er verachtete die Universitätswissenschaft nicht, wie so viele grollende Menschen, denen der ersehnte Erfolg versagt geblie- . ben ist. Sein Verhältnis zur Universität war und blieb vornehm und voll anmutiger Liebe. Er achtete sie mehr, als die meisten, die mit ihr nicht gebrochen hatten. Er betonte seineSchülerschaf t zu Hermann Cohen, und noch viel wirklicher fing er damals an, ein Elementarschüler des unvergessenen Frankfurter Rabbiners Nobel zu werden. Nichts ist er damals leidenschaftlicher gewesen, und doch war ihm klar, dass das, was er bei Nobel lernte, Vorbereitung zu ganz anderen Dingen war. Berufenere werden beschreiben, was er damals dachte und wollte. Mir wurde nur klar, dass er an früh abgebrochene Linien des Schicksals der Menschheit wieder anknüpfte, an Bruchflächen, die vor aller abendländischen Philosophie lagen, und dass er einen Weg in die Zukunft sah, der zugleich ein Weg in blühenderes Leben war, als die Wege der Philosophie und Naturwissenschaften. Er war der erste Mensch, den ich trotz feinster Bildung und schärfstem Denken unanstössig wieder von Gott, von der Ewigkeit und von der Bestimmung des Menschen sprechen hörte. Er tat das nicht naiv, und gerade das unterschied ihn von andern und hob ihn über sie hinaus. Zugleich sah ich in ihm den ersten Juden, der alle Unfreiheit des Ghettos überwunden hatte. Sein Judentum war weder düster und unheimlich, noch Ausfluss irgendeiner Pietät. Es war frei und männlich, erquicklich und schön. Hier versagen alle Definitionen jüdischen Wesens, die mir bekannt waren. Hier gab es insbesondere keine Problematik, die sonst aller Erklärungen jüdischen Wesens Kern ist. So lebten wir in einfachster und erfreulichster Freundschaft dahin, bis im Januar 1921 der „Stern der Erlösung" erschien, dessen wesentliche Teile wörtlich im Granatfeuer des Krieges geschrieben waren. Ich erkannte, dass mein lieber Freund von sehr grossem Format war. Und das hatte idi trotz allem doch nicht so ganz gemerkt. Aber, mit dem Erscheinen dieses Buches setzte auch langsam, aber sicher und stetig eine Veränderung seines Wesens ein. Vielleicht war er selbst erstaunt, als er sein Buch gedruckt las. Jedenfalls verbarg er jetzt nicht mehr, dass ihm das Mass dieses Buches bekannt war. Er sagte, dass er diesem Buche nichts mehr hinzuzufügen habe, und dass sein Lauf in dieser Welt damit am Ziele angelangt sei. Er war derselbe geblieben bis auf den einzigen Unterschied, dass er jetzt auchderVerfasser seines Buches war. Die Ziele, die er mit dem Freien Jüdisdien Lehrhaus verfolgte, waren sehr einfach. Er wollte da jüdisches Wissen verbreiten, wo es ausgestorben war und vor allem die hebräische Sprache wieder lehren, wo man von ihr nicht viel anderes wusste, als dass sie die Urform des Mauschelns war. Es blieb ihm versagt, an die vielen Juden heranzukommen, die vollkommen assimiliert, fast getauft und gleichzeitig von der Natur verschwenderisch ausgestattet und für die Zeit wertvoll waren. Er, der einen rituellen Haushalt führte, sagte immer wieder, dass die getauften Juden nicht die schlechtesten Elemente darstellten, sondern leider oft die besten. Dann kam seine Krankheit und mit ihr wurde aus Franz Rosenzweig ein anderer Mensch. Der harmlose Freund verschwand, und der zur Legendenbildung reife, andere Mensch, die unvergessliche Gestalt, die sich den Grossen unseres Stammes einreiht, kam allmählich zum Vorschein. An einem Januartage des Jahres 1922 besuchte er mich und bat mich, ihn zu untersuchen. Ein bedeutender Neurologe habe ihn bereits untersucht und eine sehr ernste Diagnose gestellt. Ich möge ihn auch untersuchen und ihm meine Ansicht sagen. Wenige Minuten genügten, um uns jeden Zweifel über die schauerliche Natur seiner Krankheit zu nehmen. Er meinte, er habe das nicht anders erwartet, er habe im Leben ja doch nichts mehr zu tun, aber er wolle die Geburt seines Kindes, er sagte fast überzeugt, seines Sohnes, erleben. Was hier wirklich in ihm vorging, ist mir unbekannt geblieben. Was ich sah, fasste ich zuerst als geschmackvoll heroische Haltung auf, später wurde mir klar, dass hier sicher kein Theater gespielt wurde. Es ist mir wahrscheinlich, . dass er nichts anderes sagte, als was er dachte. Seine Krankheit war eine schon weit vorgeschrittene Entartung des ganzen Bewegungsapparates des Körpers, angefangen von den Bewegungszellen der Grosshirnrinde bis zu den Muskeln hin. Die meisten Bewegungskerne des verlängerten Markes, die Bewegungszellen und Bahnen im Rückenmark starben ab. Die Bewegungszellen selber und die Muskeln waren in Entartung begriffen. Auch das Zwerchfell beteiligte sich bald, an dem Prozesse, so dass der Kranke oft in Gefahr geriet, zu ersticken. Bald traten schwere Störungen im Sprechen und Schlucken auf. Er war nach kurzer Zeit an Arm und Bein gelähmt, stumm und fast schluckunfähig. Die Krankheit war die Folge einer Hirngrippe, die er 1918 im Felde durchgemacht hatte. Er wusste davon nur, dass er sich „gesund geschlafen" hatte, und dann fiel ihm erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1921 auf, dass er gelegentlich ohne Grund stolperte und hinfiel. Er hat dann wider Erwarten die Geburt seines Sohnes erlebt und ist erst acht Jahre nach dem deutlichen Beginn der Erkrankung gestorben. Wie er sich mit dieser Krankheit auseinandersetzte, ist eine Geschichte für sich, für die Medizin vielleicht ein Unikum, menschlich betrachtet etwas sehr Grosses. Wir alle wissen, dass er nicht im Bett dahinsiechte, sondern in der seinem Leben wie durch ein Wunder hinzugefügten Zeit ein Werk nach dem andern schuf. Kein Wort würde hier weniger passen, als das übliche von der grossen Geduld, mit der er sein schweres Leiden trug. Das Gegenteil kommt

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