Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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rium der Ebenbildlichkeit als Antlitz geschaut wurde, „das auf midi blickt und aus dem ich. blicke", wird da gesagt: „Wohinaus aber öffnen sich die Flügel des Tors? Du weisst es nicht? Ins Leben." Bedarf auch dieses Wort noch der Erläuterung? Es hat eine gefunden, und eine von unüberbietbarer Deutlichkeit In dem Aufsatz von 1925 .,Das neue Denken", in dem Hosenzweig Art und Ort seines Werkes dargestellt hat, wird das Ende des „Sterns" zugleich als „Aufhören des Buches" und als„Hineintreten mitten in den Alltag des Lebens" bezeichnet. Das ist nicht allgemein gesprochen, sondern persönlich und personhaft. Im Ausgang des Heiligtums stehend, darin ihm die Wahrheit als das Leuchten des göttlichen Angesichts erschien, erfährt der Autor, dass er nun .nicht mehr Autor, sondern der lebende Mensch ist, dass er nun nicht mehr zu verkündigen, sondern zu leben, Gott nicht mehr in Buchstaben, sondern in Handlungen zu bekennen, dass er die Wahrheit zu bewähren hat. „Wahrheit hört auf, zu sein, was wahr ,ist', und wird das, was als wahr — bewährt werden will", so hat Rosenzweig die Herzader des „neuen Denkens" pochen hören, und so hat er getan. „Ich werde kein Buch mehr schreiben", pflegte er nach dem Erscheinen des „Sterns" zu sagen. Er war mitten in den Alltag des Lebens getreten. Als Ehemann, als Vater, als Lehrer, von der Tora aus lebend und in Israel wirkend wollte er die Wahrheit bewähren. Da wurde ihm bedeutet, dass dies noch zu gering sei — „zu gering dafür, dass du mir Knecht wardst". Unsäglich Schwereres. Unsägliches wurde ihm aufgeladen und aufgetragen: die Krankheit kam. Sie sollte ihn nicht, wie er meinte, als er jene Aufzeichnung schrieb, auf einem kurzen Weg, sondern durch acht Jahre der Bewährung zum Ende führen. In diesen acht Jahren hat Franz Rosenzweig die Wahrheit, die er geschaut hatte, im Angesicht Gottes bewährt. Am ganzen Leib gelähmt, ritt er für die Sache der Treue. Er kämpfte für die Treue, indem er treu war, für die Verbindlichkeit des Geistes, indem sie an ihm offenbar wurde. In die Ketten des Siechtums geschlagen, Hess er nicht ab im Dienst am Geist, aber der Dienst war ganz eingetan in die Heiligung des Alltags, und mehr noch als mit seinem Wort lehrte er, unmittelbar und mittelbar, mit dem Bild seines Daseins. „Das ist ein Phänomen des Geistes", sagten die Aerztc, die ihn unähnlich dem klinisch vertrauten Krankheitsverlauf überwinden und überdauern sahen. Aber es war ein Phänomen des Geistes, der ganz Wirklichkeit werden will. Zu einem so grossen Standhalten genügt selbst der Glaube nicht: er bedarf eines wundersamen Bundesgenossen, des Humors. Glaube ist Angelobtsein. Aber der •Humor ist not zur Erfüllung der Angelobung inmitten aller Widrigkeiten und Widerlichkeiten des faktischen Geschehens. Wer glaubt, akzeptiert das Leben-im ganzen: aber das Leben in der Reihung seiner Einzelheiten akzeptieren. Augenblick um Augenblick, ein Leben der äussersten Pein und leiblichen Preisgegebenheit, das vermag nur der gläubige Humor. Ich habe in all diesen Leidensjahren an Franz Rosenzweig nichts so sehr bewundert wie sein Lächeln. Es war kein zustandegebrachtes, kein geisterzeugtes Lächeln: es stiegauf aus der untersten Echtheit der Kreatur. Es war nicht überlegen und nicht resigniert, es war gläubig und gegenwärtig. Die Scherze, die fast auf jeder Seite seiner Bemerkungen zu meinen Uebersetzungsmanuskripten standen, waren richtige natürliche Scherze und doch wie Dank-, ja, wie Dankgebete. * Wir dürfen jene Psalmverse etwa so übersetzen: Deinen Sehwertgurt schling um die Lende, Held, deine Glorie und deinen'Glanz! in deinem-Glänze, Heil dir, reite für die Sadie der Treue, der gebeugten Wahrhaftigkeit, und im Furchtgebietenden unterweise dich deine Rechte! Unser Ritter hat keinen Teufel zur Seite, denn wir wissen von keinem, in allen l'ebelu die uns befallen erkennen wir Sendlinge Gottes: er hat auch nicht den Tod zur Seite, den hat er zu sich in den Sattel genommen. So reitet er im Glänze seines Leids und seines Lächelns. n*?2J sagen wir. seiner Anordnung gemäss, weil er nun tot ist. AberflbS i*t doch ein Wunsch, ein Wegsegen! Und er reitet ja noch fort, der Weg zum Sieg ist noch weit, die Wahrhaftigkeit hat kaum den Kopf vom Boden gehoben. Wir aber glauben mit ihm: fl^S- Riehard Koch. Je länger ich' Franz Rosenzweig kannte, um so mehr habe ich ihn bewundert und verehrt. Eine besondere Hochschätzung hat mich an ihn gefesselt. Er hat es. so lange ich ihn kannte, mit dem Wort sehr genau genommen. Deshalb muss ich der Gefahr entgehen, dass der Ausdruck „besondere Hochschätzung" hier nicht formelhaft, wie in Wendungen des Briefstils, gemeint ist. Er ist hier kein Ausdruck der Höflichkeit, sondern im nackten Wortsinne der Ausdruck einer tiefen L eberzeugtheit von dem seltenen Wert des Mannes, von seinein llerausragen aus der kleinen Zahl der Menschen des intimen Kreises. Das blieb unverändert von der ersten Minute unserer Freundschaft bis zur letzten. Trotz dieser Gleichmässigkeit der Einschätzung hatte unsere Bekanntschaft zwei Abschnitte, und diese Abschnitte decken sich mit der Zeit seines Gesundseins und seines Krankseins. Es war eine schlimme Zeit, in der ich ihn kennenlernte. Der Krieg war zu Ende. In den Millionen Soldatengräbern, die sein einziges Ergebnis gewesen sind, lagen prozentual genau so viel jüdische Soldaten, als christliche, und trotzdem gab es nichts Ehrverletzendes, was den überlebenden jüdischen Männern nicht nachgesagt wurde. Ueberdies war die bürgerliche Sicherheit der Juden in Stadt und Land schwer bedroht und schlimmer als beides, ausser für Orthodoxe und Zionisten war das Judentum für die Juden selber inhaltlos geworden. Es bestand für weite Kreise aus kaum etwas anderem, als aus einer besonderen Art von Verhasstheit. Mit die besten Juden hatten jeden Boden unter den Füssen verloren. Sie verstanden ihre Feinde nicht, aber sie waren auch nicht ganz sicher, ob die Feinde mit ihrem Hasse nicht vielleicht in irgendeinem Sinne recht hatten. Die jüdischen Seelen waren in Gefahr. Iii dieser Zeit hatte ich in einer der jüdischen Logen Frankfurts einen Vortrag: „Zurück zum Judentum*' gehalten, in dem ich gerade den Liberalsten und am meisten Assimilierten zu erklären versucht hatte, dass es sich für uirs viel weniger um die Juden, als um die jüdische Lehre handele, dass wichtiger als jede Art der Abwehr das Kennenlernen der jüdischen Lehre sei, dass wir in dieser Brüderschaft aufs Neue wiederfinden könnten und müssten. wofür frühere Generationen noch weit mehr Leid und Not freiwillig auf sich genommen hatten, als von uns in dieser gewiss schlimmen Zeit verlangt wurde. Die Einsicht, dass uns die alte geistige Heimat verloren war, erschien mir wichtiger, als jede Abwehr und der Versuch, die alte Lehre wieder kennen zu lernen, als ihre wirksamste Art. Damals hatte Rosenzweig seinen „Stern der Erlösung" bereits geschrieben und plante nun in Frankfurt a. M. ein „Freies Jüdisches Lehrhaus" zu gründen, in dem das gelehrt werden sollte, was ich in meinem Vortrage als zu lernen notwendig bezeichnet hatte. Nun suchte er Menschen, lehrende und lernende, und ich schien ihm zu beidem geeignet und zwar zu lehren aus keinem anderen Grunde, als weil ich selten frei von allem jüdischen Wissen war und trotzdem das Ziel, auf das es ankam, aus den Zeitumständen und aus den mir in meinem ärztlichen Berufe zugänglichen ^Wissenschaften heraus gesehen hatte. Als er, wie viele andere Besucher, unmittelbar nach der Stunde des Mittagessens in meinem Arbeitszimmer erschien, war mir wohl sofort klar, dass es sich hier um einen Besuch besonderer Art handelte, um