Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Die Gemeinde. Sobald das Hinscheiden Franz Rosenzweigs bekannt wurde, beschloss der Gemeindevorstand, ihn in der ersten Grabstätte auf. dem Ehrenfeld des neuen Friedhofs beizusetzen. Die Vorstandssitzu hg vom 16." Dezember - wurde mit einem tiefempfundenen Nachruf des Vorsitzenden Justizrat Dr. Blau eröffnet. Zugleich wurde die Veranstaltung eiiicr öffentlichen Gedenkfeier beschlossen. In der öffentlichen Sitzung der Genieindevertretung vom 11. Dezember hielt der Vorsitzende Dr. Richard Merzbach die untenstehende Ansprache. Justizrat Dr.. Blau V o r sitzender des G e m cindev o r s t a n d s. Als idi seinen flammenden Aufruf „Zeit ist's" zum ersten Mal las. da brannte ich darauf, ihn kennen zu lernen. Was seit langem meine ob ihrer Erfüllungsschwierigkeit nur zagend ausgesprochene Ueberzeugung gewesen — dass nämlich nur der Jude im Judentum die Quelle seines Lebens sehen und es lieben könne, aber dann mit jener opferfreudigen, Not und Tod überwindenden Liebe, der es ganz von seinen Quellen her erfasst hat —, ward hier mit einer erfiillungsheischenden Kühnheit und jeden Widerspruch zurückweisenden Sicherheit als eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen. Und als er. die strahlende Jugend in Person, midi dann auf einem Ausflug in den Taunus aufsuchte, da ist er mir sdion nach kurzer Unterhaltung als der von der Vorsehung gesandte jugendliche Genosse und Mitstreiter erschienen, der vermöge seines starken Geistes, seines staunenswert umfangreichen und tiefen Wissens und seines ungestümen Tatendrangs berufen war. das Ideal der tatsächlichen Gleidiliereditigung der deutsdien Juden he it, die nach meiner Ueberzeugung nicht einen Augenblick früher in die Erscheinung treten wird, als bis das Judentum in Deutschland, besonders in der universitas literarum, als gleidiberechtigt anerkannt ist, seiner Verwirklichung entgegenzuführen. Dein Alternden wurde er dann der Trost, den seine Seele erfleht, und die Hoffnung, dass wenn wir Alten den Stab aus der Hand geben müssen, er ihn ergreifen wird, um kraftvoller und erfolgreicher als wir voranzusdireiten und zu führen. Weh' im Herzen haben wir nadi und nadi diese Hoffnung sdiwinden sehen müssen: aber audi da ist er uns nodi ein grosses, ein wertvollstes gewesen: Zeuge der jüdisdien Wahrheit von dem Primat des Geistes, ein wahrer Kodausdi. Noch ist er uns zu nahe, noch versdiliesst der frische Sdimerz den Mund, als dass wir seine ganze Bedeutung für Gegenwart und Zukunft des Judentums erfassen können. Dessen aber sind wir gewiss: Franz R o s e n z w e i g w i r d nie vergesse n w erden; sein B i 1 d u n d seine W e r k e werden fortleben und z u T a t e n anfeu e r n. die des Grossen, des Ko da usch würdig sind. Dr. Richard Merzbach , Vorsitzender der Gemeindevertretung. Unsere Gemeinde ist in tiefe Trauer versetzt, Franz Rosenzweig, einer unserer Grossen, ein Grosser der Judenheit und der Mensdiheit ist gestorben. Mit ihm ist uns ein Mann entrissen, der erfüllt war von wahrhaft prophetisdier Glut. Prophetenähnlidi war auch sein Weg. Seine Jugend verbradite er,- wenn audi aus jüdisdiem Hause stammend, abseits vom Zentrum jüdisdien Lebens. Die Ueberlieferung erzählt von Propheten, die plötzlich eine Stimme hören, die ihnen ihre Berufung kündet, und sie antworten demütig: Hier bin idi. So sdiien audi Rosenzweig einer Stimme zu gehordien, die ihn zur Arbeit in die Mitte des geistigen Lebens des Judentums rief. Er hat Grosses gewirkt. Er sdienkte der Mensdiheit ein Werk der Weltweisheit, das ihm ein ewiges Gedächtnis sidiern wird. In wunderbarer Sprache hat er die jüdischen Diditer ins Deutsdie übertragen und sie durdi die Kraft seiner Einfühlung uns neu gesdienkt. An ihm wurde das Psalmwort zur AVahrheit: *npK 'n atra imzn Viku? nsai ^iddk „Midi umgaben die Fesseln des Todes: die Aengste des Grabes erfassten mich, darief ich den Namen des Ewigen an." Denn mit fast erstorbenem Leib hat er das grosse Werk übernommen, in Geineinsduuft mit dem Freunde der Welt eine neue deutsche Bibel zu schenken. Kein Zufall war es, dass er der Glut seines Herzens; folgend, sich diesem gewaltigen Werk widmete. Denn die Bibel, jenes Werk geschaffen aus ileni Geist jiidisdier Gemeinschaft und als Werk des Judentums selbst immer neu schaffend, nuisste ihn, den begeisterten jüdischen Denker und Dichter in seinen Bann ziehen, und so verdeutschte er, der Sprachgewaltige, ..dichterisch und seherisch Fühlende, das.Buch der Bücher in einer Form, die er als die Zukunft deutscher Sprache erahnte. So wird auch dieses Werk, das zu vollenden ihm leider nicht vergönnt war, ein dauernder Erbbesitz dem deutschen Judentum sein, und audi durch.dieses Werk wird er uns und allen späteren Geschlechtern fortleben. Die Gemeindevertretung bekundet durch mich ihre tiefe Trauer und ihr Mitgefühl mit seiner Witwe, die ihm bis zur letzten Stunde eine so verständnisvolle Helferin war. Als äusseres Zeichen grosser Ehrerbietung hat der Vorstand, zur Genugtuung der Gemeindevertretung beschlossen, Franz, Rosenzweig das. erste Grabmal auf dem Ehrenhof des neuen Friedhofs einzuräumen. . Worte aus dem Kreis. Martin Buher. Für die Sache der Treue. Ueber sein 1921 erschienenes Hauptwerk, „Der Stern der Erlösung" hat Franz Rosenzweig als Motto die Worie aus dem 45. Psalm gesetzt: fiftK "DT b$ Auf deutsch etwa: Reite für die Sache der Treue. Das vorangehende und zugehörige, dem Verb 23*1 koordinierte Wort fl1?^ — auf deutsch: dringe durch, habe Glück, es gelinge dir, sinnhaft am besten durdi „Heil dir" in der echten Bedeutung des Wegsegens wiederzugeben — hatte er in das Motto liidit mitaufgenommen, ebenso wie das den Vers einleitende *J*lTni' cms am ehesten zu verstehen ist: in deinem Glanz. Welche Gründe Rosenzweig zu dieser Auslassung bewogen, geht hervor aus einer Aufzeidinung von 1922, dem Anfangsjahr seiner Krankheit, als er nodi selber schreiben konnte, aber die Hand, wie aus den Sdiriftzügen zu erkennen ist, die sichre Führung schon zu verlieren begann. Er trug zu jener Zeit in ein kleines Notizbuch abwechselnd ergänzende Gedanken zum „Stern" und Bestimmungen ein, was nach seinem Tode geschehen sollte, dessen Kommen er schon damals, und sdion damals mit gläubigem Standhalten, erwartete. Die Aufzeichnung lautet: „Bei der 2. Auflage des zvSsoll dem Motto das fehlende flVS vorausgesetzt werden. Cohen hatte mir damals das Ganze gesagt, aber bei der ersten Auflage, die midi ja dodi ,ins Leben' führen' sollte, Hess ichs weg — nemo ante mortem beatus." Hermann Cohen war es gewesen, , der — und zwar 1918, kurz vor seinem Tod, gleichsam im Abschied — dem jungen Freund den Spruch auf den Weg gab, „das herrliche Wort an den Helden", wie es in seiner „Religion der Vernunft" heisst. Er hatte natürlich das-fJ^X mitgesagt. Aber Rosenzweig liess es weg, weil ihn das Buch ja doch „ins Leben" führen sollte, ein Mensch aber ein Glücken, ein Gelingen, ein Heil sich selber als Lebendem nicht zusprechen dürfe, sondern nur eben posthum, somit nicht mehr auf den Weg, sondern in die gesdiehne Vollendung. Denn „niemand ist vor dem Tode glückselig": die einzige wahre HüV^n ist, wenn der Tod eines Menschen in Wirklichkeit seine Vollendung bedeutet. „Die midi ja doch ,ins Leben' führen sollte" . . . Diese Aussage Rosenzweigs über die innerste Absicht seines Budies wird durdi dessen Sdiluss erläutert. Von dem Tor jenes Heiligtums, in dem die göttlidie Wahrheit im Myste-