Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 148 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Verein Gegenseitigkeit. Wir machen diejenigen Mitglieder, die mit ihrem Beitrag für das Jahr 1929 (RM. 5.—) im Rückstand sind, darauf aufmerksam, daß satzungsgemäJß die Mitgliedschaft erlischt, falls der Betrag nicht bis zum 15. Dezember d. J. unserem Kassierer (M. Tannenbaum, Postscheckkonto No. 52800) überwiesen ist. Verein Hauptsynagoge. Jeden Montag um 4 Uhr im Hörsaal Spiel- und Lesenachmittag für Kinder jeden Alters. Bücher können entliehen werden. Jugendgottesdienst am Versöhnungstag. Liebe Gertrud, obwohl ich Dir erst kürzlich schrieb, muß ich schon wieder mit Dir plaudern, weil ich etwas unsagbar Schönes erlebte, was Dir auch sehr zu Herzen gegangen wäre. Heute war Versöhnungstag, und der Beginn des Nachmittagsgebets bei dem von der Gemeinde im Philanthropin eingerichteten Filialgottesdienst war ein Jugendgottesdienst. Liebe Gertrud, weißt Du noch, wie wir vor 10 Jahren in starkem Ringen mit Gott und Welt waren, wie wir Rabbiner und Religionslehrer aufsuchten und doch nicht zur Klarheit kamen, wie wir unser Judentum verwirklichen wollten und es nicht erreichten? Siehst Du, Gertrud, heute ist mir klar geworden, was uns damals fehlte: wir durften wohl hören, was vor uns gedacht wurde; Tradition spielte sich vor uns ab, ohne daß wir daran teilnehmen konnten, da wir in einer anderen Zeit aufwuchsen, als diejenigen, die die Gottesdienste, den Unterricht gestalteten. Heute dürfen wir offen zugeben, was wir uns damals leise gestanden: die Synagoge war uns Theater. Nun höre, was hier in Frankfurt von unserem hochverehrten Rabbiner Dr. Gottschalk und dem Leiter des Filialgottesdienstes Herrn AlbertCohen, zum 1. Male in dieser Form gestaltet wurde: nur jugendliche Laien funktionierten. Du glaubst nicht, mit welcher Inbrunst Fritz Cohen, (Oberprima),vorbetete, aus der Thora vorlas, aus dem Buche Jona rezitierte. Ich schreibe Dir das absichtlich so, weil es mich ganz seltsam berührte, daß der Junge das Hebräische viel inniger zum Ausdruck brachte, als ob seine Liebe zu Gott sich in dieser heiligen Sprache äußern müsse; dazu kommt allerdings seine prachtvolle Stimme und sein starkes musikalisches Talent. Aufgerufen wurden nur junge Menschen, die sichtbar stolz auf diese Ehre waren. Im Mittelpunkte der Feierstunde stand die Ansprache Jakob Flörsheimer's, eines 25jährigen jungen Kaufmanns. Er gehört zum Vorstande des hiesigen Iii, ist sehr eifrig, tritt aber stets bescheiden und schlicht auf. Du hättest hören sollen, wie schön und klar er von den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sprach, wie er selbst voll tiefer Dankesgefühle, ganz aus sich seine Altersgenossen und jüngeren Freunde ermahnte, treu zu den Eltern und Erziehern zu stehen, wie er frei sein als Herr seiner selbst sein definierte. Da spricht man oft von verwahrloster Jugend — heute haben wir gesehen: wenn Jugend den Weg zu Gott geht, ist sie nicht verloren; sie findet ihn, wenn sie ihre eigenen Wege suchen darf, wenn sie nicht nur mechanisch nach altem Ritus im Gebetbuch folgt, sondern wenn sie selbst gestaltet und für das Gebotene verantwortlich ist. Zum Schluß sang Hans Grünebaum, auch Ilimitglied, mit warmen Empfindungen Beethovens Bußlied. Walt er Würzburger begleitete alle Gesänge auf der Orgel und erzielte ebenfalls gute Leistungen. Eines war noch nicht entsprechend: die Chorgesänge müssen von der ganzen Gemeinde gesungen werden. Vielleicht läßt es sich das nächste Mal ermöglichen, daß einzelne Stimmführer im Räume verteilt werden und auch die Schüchternen zum Mitsingen veranlassen. Dann wird es ein vollkommener Jugendgottesdienst, an dem die gesamte Jugend teilnimmt. Und warum schreibe ich Dir alles ganz ausführlich, Hebe Gertrud: wir haben beide Kinder, heute noch klein, aber wir sind uns stets unserer großen Verantwortung bewußt, unserer Pflicht, sie zu sittlichen Menschen zu erziehen. Wir müssen versuchen, ihr Gottvertrauen zu wecken, ihre religiösen Gefühle zu pflegen, sie nicht mechanisch zur Pietät zu ermahnen, sondern ihnen früh zur selbständigen Frömmigkeit verhelfen, ihre Gefühle verwirklichen lassen, — auch wenn wir Aelteren ein wenig — selbst am höchsten Feiertag — zurückstehen; der Dienst an der Jugend ist es wert. Herzlichst grüßt Dich Deine R. HAPAG MITTELMEER mK dam IfltrgnBgtingsreisen-Dampfer „OCEANA" Vom 25. Jan. bis 13. 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