Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 130 (sequence 14)
- Language
- German
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130 sdiild zur Aufbewahrung gegeben, das Haus Rothschild habe mit den von ihm aufbewahrten Schätzen gearbeitet, (was ja ohne Wissen des Besitzers eine Untreue gewesen wäre), und so den Grund zu seinem Reichtum gelegt. Heute hat die Geschichtsforschung längst nachgewiesen, daß M. A. Rothschild nur einige Kisten mit Akten aus dem kurfürstlichen Archiv eine Zeitlang in seinem Hause aufbewahrte, und daß es ihm gelang, jene Kisten unter Preisgabe eigenen Besitzes in Sicherheit zu bringen. „Nicht sein Vermögen, auch nicht Teile seines Vermögens, so urteilt ein berufener Kenner der Geschichte des Hauses Rothschild, hat der Kurfürst bei seiner Flucht Meyer Amsdiel Rothschild zur Aufbewahrung übergeben, und das Haus Rothschild verdankt nicht einem derartigen Zufall seinen Reichtum und seine Macht, vielmehr ist dessen Wachse tum wie auch seiue Vertauensstellung bei dem hessichen Fürstenhaus nur langsam und durch zähe Ausdauer gefördert worden." Audi in der Beurteilung des R o t h s c h i 1 d'schen Geschäftshauses und seiner Vertreter erweist sich S. M. v. B e t hmann als weit erhaben über die landläufigen Vorurteile seiner Zeit und seiner Standesgenossen, und dies ist um so höher anzuerkennen, als die Rothschilds in den Anfängen ihrer bankmäßigen. Geschäfte in scharfen Wettbewerb mit dem älteren ßankhause der Gebr. Bethmann getreten waren und es schließlich überflügelt hatten. Wie S. M. v. Bethmann über die Rothschilds und ihr geschäftliches Streben dachte, zeigt uns ein Brief, den er im Februar 1822 von Wien aus an sein Haus richtete, und in dem es heifit: „Ich begreife, daß die Rothschilds sehr nützliche Instrumente für die Regieruhgen sind, und bin weit entfernt zu tadeln oder sie zu beneiden. Salomon (einer der 5 Söhne Meyer Amsdiel Rothschilds) besonders ist von Charakterein sehr schätzenswerter Mann, dem ich von Herzen gut bin." Und weiter heißt es in diesem Briefe: „Von guter Hand habe ich erfahren, daß Salomon Rothschild sich geäußert hat, der 5 Brüder Bilanz habe einen reinen Gewinn von 6 Millionen Gulden in 20 fl. Fuß abgeworfen. Hier trifft das englische Sprichwort ein: Money makes money. Bei ihrer Tätigkeit und Vorsicht ist die Progression des Erwerbes zu erwarten, ja zu hoffen; denn der Umsturz dieses Kolosses wäre schrecklich. Die Einigkeit der Brüder trägt viel zu ihrem Flor bei, keiner läßt den leisesten Tadel je auf den andern kommen, keiner mißbilligt des andern Benehmen in den Geschäften, auch wenn der Erfolg den Erwartungen nicht entsprechen sollte. Salomon hat sich hier besonders beliebt gemacht, theils durch sein bescheidenes Wesen, theils durch seine Dienstbereitwilligkeit Niemand verläßt ihn ohne Trost." Warum wir diese alten Briefe hier und heute wieder ausgegraben haben? Was soll uns diese Geschichte lehren? Zweierlei. In einer Zeit, wo kaum ein Tag vergeht, der uns nicht den Zusammenbruch eines geschäftlichen Unternehmens meldet, und leider häufig in Zusammenhang mit strafbaren oder doch moralisch fragwürdigen Handlungen, meiner Zeit, wo durch Krieg und Inflation die moralischen Bindungen in der Geschäftswelt derart gelockert erscheinen, daß man bald von einer Vertrauenskrise unsrer Wirtschaft sprechen könnte, in soldi einer Zeit mag es nützlich erscheinen, aus den Schriften berufener Kenner zu erfahren; wie eine große Firma, ja eine unsrer größten, wie die der Rothschilds, die Blüte ihres Geschäftes begründet hat, nicht auf Zufall und nicht auf Schwindel, sondern auf Redlichkeit, auf unausgesetzte Tätigkeit und nicht zuletzt auf die Einigkeit ihrer Teilhaber. Und ferner: In einer Zeit, wo wiederum Vorurteil und Lüge sich mit Vorliebe an die Tätigkeit des jüdischen Geschäftsmannes heften, mag es uns zum Trost gereichen, an dem Beispiel des edeln S. M. v. Bethmann zu sehen, wie ein edler Mensch — gleichviel welchen Standes und welchen Glaubens — sich über die Vorurteile seiner Glaubens¬ und Standesgenossen zu einem unbefangenen und gerechten Urteil über Juden und jüdisches Geschäftsgebahren zu erheben vermag. Anläßlich des Philanthropin-Jubiläums darf daran erinnert werden, daß Simon Moritz von Bethmann sich nach der Gründung der Schule mit einem Jahresbeitrag von 100 fl. in die Subskriptionsliste eintrug und so seine edle Gesinnung auch durch die Tat bekräftigte. ^yf$t$&& Das leicht verdauliche VollkorniciniTictS'^rctbrot aus gewaschenem und ent_ hülstem Getreide! An Driesen von Franz Rosenzweig Ich seh dich, wie ich dich vor Jahren sah: In deinem Schulgesamt beim Unterrichte, Der Kinderscharen kecke Frohgesichte Auf dich geheftet, heitres „Oh!" und „Ah I" Ich seh vor mir, was weiter dann geschah : Du riefst herauf den kleinsten deiner Wichte, Schlangest den Arm um ihn, und die „Geschichte" Sprang von den frischen Bubenlippen da. So seh ich dich auch heut, bekämpft, umrungen, In deiner Schule dennoch heiter schalten, Um deine Kleinen deinen Arm geschlungen. Parteiengeist verfeindet dir die Alten, Die Liebe deiner Hunderte der Jungen Bleibt dir. So bleibe du auch ihr erhalten! Von einer Schulfeier im Jahre 1845. Stil und Mysterium. Zum Gastspiel der Habima Von Karl Wolfskehl. Das Mysterium in jedem Falle, ob Bild, ob Vorgang, ob inneres Erlebnis, ob dröhnende Wirklichkeit, hat statt außerhalb der Gesetze. Jene „Gewissheit", die den Mysten beim Anschauen durchdringt, jene vollkommene Seligkeit, jenes tiefe, wollüstige Erschrecken, hebt die Angeln der Ordnung aus ihrem Grund. Ferne und Nähe stürzen zusammen, damit alles, was als Gestalt, Ablauf, Beziehung uns gesichert hat. Wenn wir uns vorher umspült wußten: nun sind wir aufgelöst — in was? Aufgelöst ins Unnennbare. Das eben ist die „Gewißheit." Worte vermögen hier nicht weiter. Wer erfuhr, weiß.