Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 127 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen aus dem Philanthropin. Eine P 1 a u d 'e rei. Von Emil Carl Oppenheimer. Meine Mutter meldete mich 1874 bei Herrn Dr. Baerwald an, dem damaligen Direktor, und ich wurde als Schüler für die unterste Klasse aufgenommen. Der Direktor war besonders liebenswürdig, erkannte mit großem Menschenblick das „wertvolle Material" und schenkte mir eine Siegelmarke. Diesen huldvollen Beweis seiner Zuneigung habe ich natürlich auf dem Heimweg verloren, und ich erinnere mich genau, wie unglücklich ich deswegen war. Das ABC, die ersten Schreib- und Rechenkünste brachte uns Herr Heinemann bei, der mit unendlicher Güte und Geduld die Elementarkenntnisse in die Köpfe der Knirpse hineintrichterte. Des heute noch lebenden, hochbetagten Herrn sei an dieser Stelle in Dankbarkeit gedacht. Ein prachtvoller Mensch und hervorragender Pädagoge war unser Ordinarius in der Sexta. Seine liebenswürdige, gerechte Art, seine Anpassungsfähigkeit an uns kleine Männer hat stärk auf uns eingewirkt. Herr Scherer, den ich meine, erfreute sich außerordentlicher Beliebtheit bei Schülern und Eltern und es war reizend zu schauen, wie er in volkstümlicher, fesselnder Weise seine Lehren uns einprägte. Herr Scherer war wohl der populärste Lehrer der Schule und ein großer Kenner der jugendlichen Seele, die er in günstigster Art für das ganze Leben grundlegend beeinflußte. Er erweckte in uns den Sinn für Recht und Unrecht. Manches schöne Geschichtchen erzählte er uns, und ich erinnere mich gerne des herzensguten, tüchtigen Lehrers. Die beiden Brüder Müller unterrichteten im Schreiben und gaben uns die schöne, klare Schrift mit auf den Weg, die den Philanthropiner erkennen läßt. Die Schreibvorlagen benutzten wir auch zum Aufkritzeln ungehöriger Dinge, wie Verlobungsanzeiiren von Schülern und Schülerinnen der angegliederten Mädchenschule. Da gab es viele hochnotpeinliche Untersuchungen, um die Verbrecher zu entdecken. So viel ich^weiß, kam nie etwas heraus, denn wir hatten „Corpsgeist" und hielten dicht. Gefürchtet waren die gutgezielten Wurfgeschosse von Louis Müller, der vom Katheder aus mit Kreide auf die Hände derjenigen Schüler zielte, die beim Schreiben die vorschriftsmäßige Fingerhaltung vermissen ließen. Dem lieben Lehrer AdolfTeblee sei an dieser Stelle ein Denkmal gesetzt. Er führte uns in das praktische, kaufmännische Rechnen ein und seine menschenfreundliche, unparteiische Behandlung war vorbildlich. Ohne übergroße Strenge, mit feinem Takt leitete er uns. Einmal hatten wir die Tafel in das obere Loch gesteckt, sodaß der kleine Herr Teblee nicht hinaufreichen konnte. Er verschwendete nicht viel Worte über diese schülerhafte Unart, hat uns aber mit seiner gütigen Zurechtweisung ob dieses unfeinen Spasses sehr beschämt, sodaß Aehnliches nicht mehr vorkam. Alexander Stix, der Zeichenlehrer, war ausübender Künstler. Gute Graphik und schöne Oelgemälde sind unvergessene Kinder seiner Darstellungen. Er war Junsreselle und ein Sonderling. Die Messer zum Spitzen der Bleistifte wurden von ihm in der Stunde leihweise überlassen und nach dem Unterricht wieder eingesammelt. Dafür mußten wir, wenn ich mich recht erinnere, 5 Pfennig pro Schüler und pro Y\ Jahr zahlen. Wir nannten dies Messersteuer. Der gute Lehrer verstand es nicht, sich in Respekt zu setzen und wir böse Buben nutzten dies weidlich aus. Einmal ärgerten wir den armen Mann derart, daß er in seiner Verzweiflung zum Direktor flüchten mußte. Da gab es allerdings bald Ruhe, denn Herr Dr. Baerwald ließ in solchen Dingen nicht mit sich spassen. Dr. Ferdinand Neuburger, ein großer Literat und Schöngeist, war Lehrer an der Mädchenschule, und wir Jungens hatten ihn nur einmal kurze Zeit aushilfsweise. Mit diesem Lehrer kam kein Kontakt zustande. Das erkannte der kluge Herr bald. Er ließ uns machen, was wir wollten, und während er sein Trauerspiel „Larosche" in den Stunden beendete, vertrieben wir uns mit allerhand Allotria die Zeit. Mit dem Lehrer Isac Schönhof stand ich besonders gut. Er war ein gescheiter Mann, frei von jeder Engspurigkeit und kein sogenannter Magister. Er führte uns als Klassenlehrer in der Quinta. Zu seiner Silberhochzeit in der Ostendstraße waren außer mir noch zwei Schüler seiner Klasse eingeladen. So gut hatte ich mich bis dahin noch nie amüsiert. Ein Spiel „Singvögelchen" wurde aufgeführt. Die außerordentlich musikalische Familie stellte die Darsteller. Ich will keine Namen nennen, aber glücklicherweise leben noch viele der damaligen Mitwirkenden. Einen besonders tüchtigen Gesangslehrer hatten wir an Herrn Gotthold Kunkel. Ein schöner Mann, mit wallendem Bart, von dem wir uns erzählten, daß kein Frauenherz ihm widerstehen könne. Auch dieser brave Mann hatte seine schwere Last mit uns und wurde wütend, wenn wir beim Singen der Loreley stets intonierten: „ein Märchen aus uralten Zeiten", während es doch heißen muß aus alten Zeiten. Eine Oper von Kunkel „Der Invalide" wurde in Ischl aufgeführt. Dr. Berthold Stern brachte uns Kenntnisse in Englisch und Französisch bei. Er starb leider früh. Sein Nachfolger war Prof. Josef Herz. Aus diesem machten wir uns nicht viel. Wir hatten es nicht gut bei ihm und revanchierten uns dafür. Der „Seppel" hatte bei uns nichts zu lachen. Prof. Dr. Jos. Ferber stand über den Dingen. Ein hochgebildeter Mann, aber ihm war alles Wurst, und wir Schüler interessierten ihn kaum. Während er im Allgemeinen die Dinge gehen ließ, wie sie wollten, konnte er ab und zu sehr ungemütlich werden, und dann gab es Strafarbeiten von überhaupt nicht zu bewältigender Größe. Hier kam uns der glückliche Umstand zu Hilfe, daß Ferber ein sehr zerstreuter Professor war und nur in seltenen Fällen am folgenden Tag die Pensa einforderte. Wir Schüler hatten das bald heraus. Ein Albumblati aus dem Jahre 1888. (Original im Besitz von Frau Karoline Schleifer). I s a c Blum unterrichtete in Naturwissenschaft und Chemie. Ein lieber, freundlicher Lehrer, der viel zu gut mit uns Lausbuben umgegangen ist. Seine Name bleibt für alle Zeit, abgesehen von der Schule, durch das hiesige Senckenbergianum, in dessen Vorstand er sich große Verdienste erwarb, der Nachwelt erhalten. Einen außerordentlich tüchtigen Mathematiker hatten wir in Gustav Wertheim. Ein warmer herzlicher Mann, der gelegentlich mit uns umging wie mit seinesgleichen, und dem sich gerne die Seele des erwachsenen Schülers erschloß. Bei ihm war ich in Pension, und jeden Nachmittag fanden wir uns in der Windeckstraße ein, um unsere Aufgaben zu machen. Freitag Nachmittags wurde unter seiner Führung ein Spaziergang unternommen und in der Regel kehrten wir im „Felsenkeller" auf dem Röderberg zu Butterbrot und Käse ein. Herr Wertheim hatte einen wunderschönen, großen Obstgarten in der Rhönstraße. Da ergingen wir uns oft bis zur Obstreife. Dann wurde im Besuch des Gartens eine Pause gemacht, bis die Ernte unter Dach und Fach war. Der gute Mann wußte, was er tat. Eines Tages sagte Herr Wertheim zu mir: „Hör mal, mein Lieber,