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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 126

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 126 (sequence 10)
Language
German
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126 Das Sdiulgebäade von 1845—1908, jetzige Annasdiule. Es ist natürlich, daß Fragen der Disziplin wie in jeder Schule häufig erörtert wurden. Dabei hielt der Schulrat stets unverrückt m\ den schon in der ersten Schulordnung sanktionierten Anschauungen fest, die weit humaner waren als eine Reihe anderer Schulgesetze jener Zeit, z. B.'als die Preufi. Cabinetts-Ordre von 1825, welche nur gesundheitsschädigende Strafen verbot. Gelegentlich eines besonderen Falles glaubte im Jahre 1844 der damalige Schulleiter — es war der temperamentvolle und bedeutende erste „Oberlehrer" Dr. Michael Heß — für die Zulässigkeit körperlicher Strafen gegen junge Das neue Schulgebäude an der Hebelstraße Bengel eintreten zu müssen. Es berührt wohltuend, daß er seine Meinung ausdrücklich und inhaltlich auf Pestalozzi gründete, dessen Bedeutung für unsere Schule Prof. Dr. Nicolay und Studienrat Dr. Siegmund Hirsch im Frankfurter Pestalozzi-Gedenkbuch 192? gezeichnet haben. Ebenso wohltuend wirkt es aber auch, daß der Schulrat in dieser Frage trotz der Autorität des großen schweizer Pädagogen dem Oberlehrer nidit folgte. Dasselbe Problem veranlaßte im Jahre 1863 zwei Lehrer, Lazarus Geiger und Isaak Schönhof, in einem gemeinsamen Gutachten Stellung zu nehmen. Es läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen, was in diesem Gutachten von Geiger, dem berühmten Begründer einer neuen Methode in der Sprachforschung, und was von Schönhof stammt. Das Gutachten ist derart erschöpfend, daß ihm auch in unseren Tagen kaum etwas hinzugefügt werden könnte. Noch reiner aber als in den Aeußerungen des täglichen Schullebens läßt sich der Geist jener Männer, welche die Schule gebaut und ausgestaltet haben, vielleicht in dem finden, was sie befreit von der Last ihrer Verwaltungs- und Berufsarbeit dachten und planten. Eine Festschrift der ..Loge zur Aufgehenden Morgenröthe" aus dem Jahre 1835 läßt neben dem Meister der Bilder aus dem jüdischen Familienleben Oppenheim, der auch unsere Schulfahne gemalt hat, eine Reihe der Männer vor uns erscheinen, deren Namen oder Familien in den Akten der Schule immer wiederkehren; feierlich oder lyrisch, je nach Veranlagung, verkünden sie dort ihre Ideale: Humanität und Toleranz. Was alle bewegte spricht Oberlehrer Heß in diesem Büchlein aus: ..Aus diesem Verhältnis, zum höchsten und vollkommensten Geiste entspringt ^in anderes: Daß die Bewohner dieser Erde eine große Familie ausmachen, daß die Mensehen als Kinder eines Gottes eine große Brüderschaft bilden. Wenn diese Wahrheit in ihrer vollen Bedeutung nur von den zur Blüte der Humanität gereiften Menschen begriffen wird, so zweifelt doch, selbst der in verjährten Fesseln schmachtende Neger und der an die Scholle gefesselte Weiße nicht, daß sie mit ihren Herren gleichen Geschlechtes sind, mit gleichen Befugnissen und Pflichten. Der Begriff von gesellschaftlicher Ordnung ist daher um desto edler, je mehr die Idee von dem Brudertum der 'Menschen, von der Gleichheit der Rechte darin vorherrschend wird." Dies war und ist der Geist, in dem man all die Jahre hindurch die Schule zu leiten bemüht war. Noch heute gehen von hier die Ströme in unser Leben, vermittelt durch eine lebendige Tradition, die einer vom andern übernimmt und weitergibt. Unzählige Namen müßte man nennen, unendliche Dankbarkeit all denen weihen, welche dem ,,P h i 1 a n t h r o p i n", der Schule der Menschenliebe und Toleranz, ihre Kräfte gewidmet haben. Den Gründer der Anstalt Sigmund Geisen heinier grüßen auch heute wieder die Worte, welche der Vorstand der Gemeinde auf die Gedenktafel am Schulgebäude schrieb : „Generationen unserer Gemeinde segnen dankbar sein Werk."

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