Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 125 (sequence 9)
- Language
- German
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allerhöchsten Falle etwas mehr als 30000 Mk., unter Umständen sogar weniger. Denn wir haben absichtlich, aus Gründen der Ersparnis, nicht die Form der Oberrealschule gewählt, deren Ausbau die Einrichtung und Unterhaltung eines kostspieligen naturwissenschaftlichen Apparats erfordert hätte. Es geht also, wenn man von „Ausbau" spricht, nur um 50 000 Mk. Gewiß, sie müssen da sein. Aber auch über die Kosten dieses sogenannten Ausbaus laufen Legenden umher. Und deshalb mußte darüber ein Wort gesagt werden. Wie auch ein Wort gesagt werden muß über die angebliche Zweckmäßigkeit der Rückentwicklung, also offen gesagt, des Abbaus zur Realschule. Wieder eine Legende! Man spreche uns nicht mehr von Realschule! Das wäre nämlich gar nichts anderes, als wenn ein Philologe heute organisatorische Vorschläge für die Ausbildung der Juristen ab 1. April 1950 machen wollte, aber auf folgender Fundicrung: Ohne jede Rücksicht auf die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens seit 1900, ohne Rücksicht ferner auf die großen juristischen, zivil-strafrechtlichen, handelsgesetzlichen und öffentlich-rechtlichen nationalen wie internationalen Kodifikationen seit 1870 und, last not least, ohne jede Rücksicht auf die Entwicklung und Errungenschaften der juristischen Fachliteratur, einschließlich der Entscheidungen des Reichsgerichts. Was würden juristische Fachkreise zu solch einem „Philologen- Vorschlag" sagen? Die Realschule als Bildungsstätte für das Wirtschaftsleben? Tempi passati. Heute gibt es dafür die ausgezeichnete „Mittelschule", die natürlich auf das allgemeine Bildungsziel einer höheren Lehranstalt verzichtet. Für weltanschauliche Bildungsarbeit von vornherein, wenigstens im Sinne eines Niveaus, im Sinne auch nur einer ganz bescheidenen Auseinandersetzung mit der Umwelt, wenn es nicht die all erplatteste Apologetik sein soll, in jedem Fall zu teuer. Oder es gibt noch das hervorragende „Berufsschulwesen", in Frankfurt durch die städtischen Handelsschulen glänzend repräsentiert. Ressort: nicht Unterrichts- Ministerium, sondern Handels-Ministerium. Also etwa eine „jüdische Handelsschule"? (Dabei ist und bleibt doch das Judentum eine Weltanschauung, eine Weltreligion!) Diese Frage stellen heißt hoffentlich nicht, sie bejahen. Die letzte Legende: Zweckmäßigkeit des Abbaus zunächst der Obersekunda. Wirklichkeit: Der Oberbau des Reform- Realgymnasiums der „Regelform" (Lateinbeginn in Untersekunda) setzt ein mit Unter Sekunda. Also bereits mit dem Ende der Ober tertia müßten die Schüler und Schülerinnen (das Philanthropin hat eine für Knaben und Mädchen gemeinsame Oberstufe des Reform-Realgymnasiums), die eine Oberstufe besuchen wollen, die Anstalt verlassen. 'Auf welche Frequenz wird dann noch gerechnet, wenn die Zwangsunterbinduns nicht einmal durch den Kopf, sondern mitten durch den Körper des Schulwerks geht? Etwa auf die Frequenz der Volksschule? Wir haben die Volksschule doch nur errungen — sie fiel uns wahrlich nicht als Geschenk des Herrn Ministers in den Schoß — als integrierenden Bestandteil, als die dringendst notwendige Grundlage eines auf wesentlich seelischen Faktoren aufgebauten einheitlichen Schulwerks. Das Ende des Reform-Realgymnasiums ist das Ende der Volksschule. So wie die Aussicht und die Verkündung des Reform-Realgvmnasiums, das heißt der Vollanstalt, der Ansporn und die Hoffnung der Volksschule war und ist. Es gibt nur ein Philanthropin, wie es auch früher immer nur eines gegeben hat. Es gibt nur eine Frequenz des Philanthronins, wie es auch früher nur eine Frequenz-E i n h e i t s zahl des Philanthropins gegeben hat. Die G e s a m t-Frequenzzahl des Jahres 1929 mit fast 900 Schülern ist die höchste, die je erreicht wurde. Die Teilzahlen der Frequenz sind nur interessant in Bezug auf gewisse statistische Momente, die sich alle paar Jahre ändern und verschieben. Außerdem: In der ganzen Provinz Hessen-Nassau gibt es, mit Ausnahmen der durchaus zum Ausbau entschlossenen Samson-Raphael-Hirsch-Schule heute keine einzige höhere Lehranstalt für die männliche Jugend mehr, die nicht Vollanstalt oder auf dem Wege zur Vollanstalt ist. Zum Schluß: Die Finanzlage ist schlecht. Das ist keine Legende! Sie war auch im Jahre 1923 schlecht, als für die Gemeinde gesammelt wurde. Trotzdem ist seit 1924, seit der Stabilisierung, allerlei neu geschaffen und finanziert worden. Zweifellos: es muß gespart werden, und es wird gespart werden. Es ist übrigens auch bisher gerade von der pädagogischen und verwaltungstechnischen Leitung' des Philanthropins finanziell nicht gerade großzügig gewirtsi-Luftet worden. Und doch: nicht nur pädagogisch und psychologisch, religiös-weltanschaulich und kulturpolitisch gesehen: Caveant consules! Werden wir nicht pathetisch, trotz Jubiläum. Die Zeiten sind zu ernst. Und die finanziellen Warner meinen es eben so gut wie wir. Aber, immerhin; ehe man die Degri.lierang einer über Frankfurt hinaus ernst zu nehmenden Bildungsstätte — ich spreche gar nicht von der Vergangenheit — beschließt, zu einem seelenlosen, lebensunfähigen Utilitarismus-Quotient, eine Degradierung, die kaum zurückzunehmen ist, muß man den Mut haben, die Gesamtlage vor allen Dingen mit den Augen und dem Herzen eines jüdischen Patronats zu sehen und zu empfinden. Da kann unmöglich auch nur die Spur eines Willens zum Abbau lebendig . sein. Aus der Vergangenheit tönt eine Stimme: „Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben!" Es war die letzte Sekunde vor dem Opfer. Und das Opfer unterblieb. Wer hatte gerufen? Neu und Alt. Von Dr. Ernst Goldschmidt Vielleicht könnte man diese Schulanstalt eine Neu -Alt- Schule nennen, in gedanklicher Anlehnung an den Namen der berühmten Prager Synagoge, der A11 - N e u S c h u le;*) wie dort würde dies Wort prägnant die unlösbare Verbindung von Tradition und Leben bezeichnen. Und zugleich wieder einmal darauf hinweisen, daß nach altem deutsch-jüdischen Sprachgebrauch für Andachtsstätte und Lehrhaus nur ein einziger Ausdruck besteht und Lernen die Bildung aller geistigen, sittlichen, religiösen Kräfte bedeutet. Während aber Prags heiligem Haus das Beiwort „neu" zur Zeit seiner Entstehung, , der Name „alt" erst später gegeben wurde, als es selbst schon wieder ehrwürdig geworden war, ist das Philanthropin von heute aus betrachtet alt und jung. Denn aus der ehemaligen Bürgerschule wuchs langsam das moderne Reformrealgymnasium und ein Gesamtschulwerk, das dem Vergangenen verwandt, dem Künftigen zugewendet ist. In diesem Sinn will ich auch der Aufforderung der Schriftleitung, einige Schulerinnerungen den Lesern dieses Blattes mitzuteilen, nachzukommen versuchen. Wir können uns nicht mehr vorstellen, daß der Schulleiter „mit einer Glocke Anfang und Ende jeder Stunde pünktlich anzeigt", wie es die Schulordnung des Jahres 1822, das erste Gesetz der damaligen „Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde", dem Leiter zur persönlichen Pflicht machte. Auch die Bestimmung: „Verschüttet ein Kind Dinte auf den Boden, so zahlt es vier Kreuzer", ist nicht mehr aktuell, ebensowenig wie die Vorschrift: Die Schreiblehrer sollen die Federn außer den Lehrstunden schneiden und ausbessern". Und warum neben den jüdischen und allgemeinen christlichen Feiertagen auch „an einem der Weinlesetage" die Schule geschlossen war, ist uns heute fast unverständlich, nachdem die Weinpflanzungen des Lohrbergs und anderer edler Hügel in Frankfurts Umgebung restlos verschwunden sind und nur der Name der Wingert-Straße noch eine schwache Erinnerung an diese Saure-Trauben-Zeit enthält. Beziehungsvoller für die Gegenwart ist ein im gleichen Jahre (1822) veröffentlichter Aufruf der Verwaltungsbehörde der israelitischen Gemeinde, in dem es heißt: „Dieses fortdauernde Zutrauen mehrerer achtbaren und eiusichtsvollen, in der Erziehung ihrer Kinder nichts sparenden Väter ist der unwidersprechlichste Beweis von der zweckmäßigen innern Einrichtung der Anstalt und von der in derselben waltenden Ordnung. Es ist zugleich die triftigste Widerlegung alles dessen, was hie und da von Leuten, die niemals Kinder in der Schule hatten, in Beziehung auf religiöse Bildung gegen dieselbe geäußert wurde. Viele ihre Kinder zur wahren Gottesfurcht und Frömmigkeit erziehende Väter werden der Schule das Zeugnis geben, daß sie ihren Schülern und Schülerinnen in den heiligen Schriften und in den auf denselben gegründeten Religionslehren gründlich Unterricht erteilt und auf ihre Sittlichkeit ein wachsames Auge hält, wie es denn auch jedem frei steht, dem Unterrichte beizuwohnen und sich von der Beschaffenheit desselben eine richtige Einsicht zu verschaffen. In der Tat haben einsichtsvolle Gelehrte und Schulmänner der Anstalt immer Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als eine der besten anerkannt. Ihr Ruf ist weit verbreitet, und mehrere auswärtige Gemeinden sind dadurch zur Errichtung ähnlicher Institute angefeuert worden, so daß ihr wohltätiger Einfluß sich bis in die Ferne erstreckt." Auch wo die erwähnte Schulordnung von 1822 ins allgemeine geht, wo sie beispielsweise ausspricht: „Fehler und Eigenheiten der Kindheit lassen sich mit Worten, oft mit einem Blick und fast immer durch Herzlichkeit so weit entfernen, daß sie keine strafbaren Ausbrüche veranlassen", wo sie die Lehrer ersucht, „durch beständiges Hinweisen auf den innern Beifall der Kinder allem Bösen entgegen zu arbeiten," da schlingt sich sofort ein Band aus jenen Tagen zu uns. *) Für den Namen „Altnenschol" (dem übrigens Theodor Herzl den Titel seines Romans AHneuland entlehnte) gibt es noch eine andere Deutung, die an den hebräischen Ausdruck ,,al tnai", d. h. „unter der Bedingung" anknüpft. Nach der Legende wurden nämlich beim Bau der Prager Synagoge Steine verwandt, die von dem Tempel in Jerusalem stammten und nach dessen Zerstörung von Exulanten nach Prujj gebrückt wurden. Die Verwendung dieser Steine sei jedoch nur „unter der Bedingung" gestattet worden, daß sie beim dereinstigen Wiederaufbau des Tempels wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückgebracht würden. (Schriftl.)