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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 124

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 124 (sequence 8)
Language
German
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124 von Kollegen veröffentlichten Festschrift dieses Jubiläunis, der Festschrift „Bausteine praktischer Pädagogik", in dem einleitenden Aufsatz: „Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung". Und darum glaube ich ein Recht zu haben, ja sogar die Pflicht, in allem Ernst zu erklären, ohne eine Spur von Ueberheblichkeit, sondern, klar schauend, sub specie aeternitatis: Die jüdische Schule wird und muß die Klagemauer überdauern. Die Klageniauer der Frommen in Jerusalem, und die Klagemauer aller anderen Juden in der Welt Wo sie auch, heute oder morgen, klagen mögen, aus seelischer oder materieller Not. Damit könnten diese Zeilen schließen: Mit der Ueberzeugung, auf die materielle Glanzpolitik der Vorkriegszeit muß, auch für die israeHtische Gemeinde Frankfurt, eine Zeit der Kulturpolitik folgen, also eine Politik im Geiste, eine vertiefte Bildungs-Politik. Aber ich verzichte auf diesen Schluß. Denn eine Ueberzeugung kann der Leser zwar achten, aber er braucht ihr nicht zu folgen. Darum also noch der Versuch des Beweises, daß meine Ueberzeugung nicht in Widerspruch steht mit den wenig erfreulichen Tatsachen der Gegenwart, mit den Schwierigkeiten des Reiches, der Länder, der politischen und religiösen Gemeinden. Zunächst aber, in aller Brüderlichkeit: Die Legenden der Gegenwart müssen aufhören: Jeder Psychologe weiß: die Persönlichkeit des Jugendlichen, in ihren entscheidenden und bleibenden Zügen, formt sich erst nach der Pubertät. Deshalb, und nur deshalb, muß die jüdische Schule, wenn sie durch ihre Arbeit Menschen bilden will, die das Judentum wirklich kennen und es zeitlebens bejahen und fördern sollen und es stets von Herzen lieben wollen, den Werdenden in ihrer freudigen Gemeinschaft betreuen und formen können bis zur geistigen „Reife", (Nicht umsonst ist gerade dieses der pädagogische Fachausdruck) und bis zum Zeugnis der Re i f e, also bis zur Universitäts-R e i f e. Das ist und bleibt der psychologische Kernpunkt des Ausbaus! Des Ausbaus zum Reform-Realgymnasium 1925, und des Ausbaus—mutatis mutandis—zur Frauenschule 1922,(Vgl. für die Frauenschule den soeben in der oben erwähnten kleinen Jubiläums-Festschrift erschienenen Aufsatz von Dr. Max Seelig: „Wie die Frauenschule des Philanthropins zur sozialen Arbeit erzieht" (1929). Kann die jüdische Schule mehr tun, als daß sie für die junge Welt der Knaben und Mädchen, jenseits des 15. Lebensjahres, eine besondere, von der gesamten Oberstufe, von Obersekunda ab, in freiester Aussprache geführte Arbeitsgemeinschaft einrichtet? Eine Arbeitsgemeinschaft „P r obleme des Judentums", abgekürzt „A. P. I.," deren Namen, Arbeit und Wirken seit Beginn des Ausbaus, 1925, jedem Schüler und jeder Schülerin der Oberstufe des Philanthropins bekannt und vertraut ist, für die es im Reifezeugnis Noten gibt, und die — eine seiner liebsten Betätigungen — vom Direktor selbst als Historiker geführt wird. Eine tatsächlich „soziologische" Arbeitsgemeinschaft, gewidmet, durch die ganze Weltgeschichte hindurch, einzig und allein der sofenannten „Judenfrage". (Gibt es doch schon ein großes Kapitel der Wissenschaft: „Antisemitismus im ägyptischen und im klassischen Altertum.) Eine Arbeitsgemeinschaft, deren drei Hauptgesichtspunkte dauernd bewußt gehalten werden: Religion, Abstammung, soziale Schichtung, und Wertung in der Umwelt. Eine Arbeitsgemeinschaff, die nie theoretisch und weltfremd, auch nicht einseitig werden kann, aus zwei Gründen: Methodisch: sie beruht auf der Grundlage des „Gesamt-Unterrichts", also auf freiester Initiative und innerer, ungezwungenster Beteiligung der Schülerschaft. (Siehe die .Jahresberichte" des Philanthropins, Bd. 1915/26, 1926/27, 1927/28, 1928/29). Stofflich: sie geht, von dem Interesse der Schülerschaft getragen, dm wesentlichen von Tagesfragen aus: So hat sich z. B. der Direktor bereits das gesamte, höchst umfangreiche Aktenmaterial des soeben beendeten großen Nürnberger Talmud-Prozesses gesichert (Kostenlos! Anmerkung zur Kenntnis der Finanzkommission. D. Verfasser.) Und nun bedenke man: Die Gemeinde fängt neuerdings an, in Würdigung der soeben skizzierten seelischen Bedürfnisse der reiferen Jugend und ihrer von Tag zu Tag bedränglicher werdenden Problematik, Jahr um Jahr größere Summen für, in erster Linie geistig gemeinte Jugendvereins- Subventionen und allgemeine Jugendfürsorge auszuwerfen. Wenn die gesamte Oberstufe des Philanthropins verschwinden sollte, so wird in einigen Jahren der Gesamtposten, „Jugendfürsorge" die jährlichen Gesamtkosten der Oberstufe des Philanthropins mindestens erreichen. Denn die seelische Verfassung der reiferen Jugend, die ein Widerspiel der gesamten Kultur- und Wirtschaftslage Deutschlands und Europas ist, (nicht ohne Grund neigt heute die europäische, insbesondere die deutsche reifere Jugend zu den politischen und religiösen Extremen!) kann durch organisatorische, rein mechanische Maßnahmen natürlich nicht beeinflußt werden. Was kostet aber die gesamte Oberstufe des Philanthropins, das heißt, was kostet die Einrichtung und Unterhaltung des Uebergangs von der Realschule zum Reform-Gymnasium? Im 3 ..." * :t rv\*Vi i *** : .. ° Otto Driesen seit 1921

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