Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 123 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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123 125 Jahre Philanthropin. Legenden und TJa t s a c h e n. Von Studiendirektor Dr. Otto Driesen Siegmand Geisenheimer, der Gründer des Philanihropins (1775—1828.) Jubiläumsstimmung: Musik und Abendrot. Wohlwollen und Verzeihen. Händeschütteln und Schwelgen in Erinnerungen. Pointen, Anekdoten, Legenden. Unproblematische Zufriedenheit bis zum Fallen des Vorhangs. Am andern Morgen erwacht die Besinnung. Kritik. Das Tageslicht der Tatsachen fällt klar und kalt in die Augen. Die Zeiten sind nicht festlich. Trotz 200 Jahren Lessing und trotz 200 Jahren Mendelssohn, trotz allem, was die inhaltschweren zwei Jahrhunderte von 1729 bis 1929 an gewaltigen geistigen Errungenschaften für unsere Menschheit bedeuten: Wir verzichten auf ein Jubiläum mit Legenden. Darum vor allem eines: 125 Jahre Philanthropin waren 125 Jahre Kampf. Das ewige, naturgebotene Wechselspiel von Beharren und Werden. Die Geburtswehen des Lebens. Nicht Sieg oder Niederlage, nicht Recht oder Unrecht. Einfach Entwicklung. Nur kann man sich den Kampf erleichtern. Gerade wenn man weiß, daß er keine Ausgeburt der Bosheit ist. Aufklä kann nicht ewig vor der Klagemauer stehn. Eine Mauer bleibt eine Mauer. Und Klage ist nicht schöpferisch. Leid ja, Klage nicht. Keine Gemeinschaft kann es auf die Dauer vertragen, wenn das einzige Denkmal, das alle ihre Richtungen ehren, ewig ein Denkmal des Weinens bleibt und des Jammerns. Gewiß, wir wollen nie vergessen: unser weltliches Schicksal ist kein Vergnügen. Darf es nicht sein! Aber ist das Judentum, im allertiefsten Grunde nicht eine Religion der Freude — der Freude in Gott? Ist es nicht die Religion der „Simchath Thora"? Und ist die Jugend nicht die naturgegebene Verkörperung der Freude, also die jüdische Jugend ganz besonders? Und ist Freude nicht die stärksteSchöpferkraf t, die allerstärkste, bezwingendste, hinreißendste? Und schafft die jüdische Schule nicht Freude? Bemüht sie sich wenigstens nicht ernstlich, Freude zu schaffen? Das sind nicht Worte, die ich hierhersetze, einer billigen Antithese willen. Das ist die Ueberzeugung eines pädagogischen Lerung und Humanität sind schöne Ideale. Mau kann sie auf allen Seiten beherzigen. Sogar im Tageskampf, mit Einschluß der Taktik. Wir wünschen, im Verkehr der Verwaltungsinstanzen, keine Legenden der Vergangenheit. Geschichte bleibe Geschichte. Einfache, klare Geschichte, im Sinne Rankes: „Wie es gewesen ist." Aber wir wollen noch weniger Legenden von heut e. Wozu schufen wir die „moderne Sachlichkeit"? Also: in einer Voraussetzung sind wir einig': Das Judentum, seit Jahrtausenden, ist eine Minorität, seit Jahrhunderten eine Minorität ohne Hoffnung auf Majorität. Eine Minorität in solcher Lage lebt nur im Geist, schafft nur im Geist, sieht ihre Freude, ihr Glück nur im Geist. Nicht in der Macht der Welt. Erringt solch' bescheidene, solch' winzige Minderzahl politische Positionen irgendwelcher Art, so müssen sie kultur-politisch gründlichst fundiert sein. Fundiert im Geist, und nur im Geist. Darum — Partei bei Seite, — es gilt für uns alle der lapidare Satz des Bekenntnisses: „Wir glauben, daß wir Juden der Welt noch manches zu sagen haben." — In der Geschichte folgt auf das Scheitern jeder Machtpolitik eine Epoche der Kulturpolitik, eine Epoche des Geistes. So ergeht es in unseren Tagen, gerade jetzt, Deutschland, Europa, Amerika, der Welt. So erging es der Macht des Papstes: Auf das Ende des Kii-chenstaates folgte das Dogma der Unfehlbarkeit. So erging es dem Judentum wiederholt: auf die erste Zerstörung Jerusalems folgte die religiöse Reform Esras. Auf die zweite Zerstörung Jerusalems folgte der Ausbau der Schule in J abneh. Jawohl: der Ausbau! Der Ausbau, sogar ohne jeden Zwang einer Kirchensteuer. Diese Schule und die anderen, die ihr folgten, waren die Rettung des Judentums. Die Zeiten und die Kulturen haben sich gewandelt: Schulen jüdischer Patronate, mögen sie juristisch Gemeinschaftsschulen oder Konfessionssehulen sein, können nicht mehr ausschließlich theologisch orientiert bleiben. Selbst die Orthodoxesten Westeuropas, die religiösen Separatisten, (Richtung Samson Raphael Hirsch) proklamieren als Bildungsziel und verwirklichen seit mehr als 75 Jahren: „Religion, vereint mit Wissen um die Welt, vereint mit weltmännischen Formen". Also hat die jüdische Schule, zielbewußt, großzügig, in Kontinenten und Jahrtausenden denkend, von den Ewigkeitswerten ihrer Gemeinschaft erfüllt und getragen, alle geistigen Errungenschaften der Umwelt freudig aufgenommen, durchgearbeitet und gegen ihre Urtümlichkeit abgegrenzt: Heute steht sie, mit der ganzen religiösen und weltlichen Bildung ihres Jahrhunderts ausgerüstet, innerlich sicher in der Front der deutschen, europäischen und überseeischen Pädagogik. Was bedeuten 125 Jahre in der Geschichte der jüdischen Schule? Nicht mehr als 125 Jahre in der Geschichte des Judentums. Also gar nichts. Aber eines ist sicher: Das Judentum Michael Hess (1806—1855) bens. Ich habe Tagen, vorläufig in der kleinen, sie, in diesen kurz skizziert, mit einer Reihe Franz Josef Molitor (1807—1828.)