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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 122

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 122 (sequence 6)
Language
German
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Geiger und andere hervorragende Männer des Judentums haben hier gepredigt. Hier wurde die Grundlage einer neuen Form des Gottesdienstes geschaffen, die nicht nur in Synagogen liberaler Richtung reformierend gewirkt hat; die Andachtsstunden hörten erst nach der Einrichtung des Gottesdienstes In der Hauptsynagoge auf. Man hat .schon damals den Geist des Philantropins angegriffen. Für diesen Geist trat aber der Vorstand der Gemeinde in einem Aufruf im Juli 1822 ein, in welchem es heifit: ..Das fortdauernde Zutrauen mehrerer achtbarer und einsichtsvoller, in der Erziehung der Kinder nicht sparenden Väter ist der unwidersprechlichste Beweis von der zweckmäßigen inneren Einrichtung der Anstalt und von der in ihr wallenden Ordnung. Es ist zugleich die triftigste Widerlegung alles, was hier und da von Leuten, die niemals Kinder in der Schule hatten, in Beziehung auf religiöse Bildung gegen dieselbe geäußert wird." Nicht immer trat der Vorstand in dieser Weise für die Schulleitung und den Schulrat ein, der die selbständige und dem Vorstand nebengeordnete Verwaltungsbehörde der Schule bildete. So mußte sich der Schul rat in einem an den Vorstand gerichteten Schreiben aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts darüber beschweren, daß die Gemeinde eine Bewilligung für die Einrichtung einer Turnhalle mit geAvissen Forderungen hinsichtlich der Abschaffung der Schulkonfirmation verquickte. Nach Heß leitete die Schule Sigismund Stern, ein Mann, der als Pädagoge, Politiker und kraftvoller Führer auch in jüdischen religiösen Dingen sich Verdienste erworben hat, die in der Darstellung des Dr. Arthur Galliner, die demnächst in den von der Stadt Frankfurt herausgegebenen Lebensbildern erscheinen wird, ihre besondere Würdigung finden. Die Verdienste der folgenden Direktoren Hermann Baerwald und Dr. S a 1 o A d 1 e r sind der heutigen Generation noch zu genau bekannt, als daß man hier einzelnes zu würdigen hätte. All diese Männer verstanden es, unterstützt durch ein geistig und pädagogisch hochstehendes Lehrerkollegium, zu dem Männer von so großer wissenschaftlicher Bedeutung gehörten, wie Lazarus Geiger, Bielschowsky, Kracauer vu'a., die Leistungen der Schule auf einer Höhe zu halten, daß sie auch den besten Schulen der Stadt mindestens gleichkam. Es kamen auch Zeiten, in denen das Sdmlwerk gefährdet war, so 1895, als „Erwägungen innerhalb der Gemeindebehörden stattfanden, die Schule allmählich aufzulösen, weil der Zuschuß, den die Gemeinde der Schule geben mußte, mehr als die Hälfte der Gemeindesteuern in Anspruch nehme und daher die Gemeinde zu stark belaste." Die Absicht wurde im wesentlichen auch durch die Denkschrift des damaligen Direktors Dr. Hermann Baerwald verhindert, * welcher in eindringlichen Worten davor warnte, „die Schule, die ein lebendiger Protest gegen Unduldsamkeit, eine Pflanzstätte der Humanität und religiöser Duldung sei, aufzulösen und damit Pflichten der Pietät zu verletzen, deren sich eine große Gemeinschaft ebensowenig, wie der Einzelne entziehen dürfte, ohne selbst an dem Besten und Heiligsten Einbuße zu erleiden." Die Schule blieb erhalten. Sie bezog im Jahre 1908 unter Leitung Adlers ihre neuen Räume in der Hebelstraße. Sie überdauerte die Schwere der Kriegs- und Nachkriegszeit und hat unter ihrem derzeitigen Direktor Dr. D r i e s e n jene Ausgestaltung gefunden, durch die sie ein der jetzigen Zeit entsprechendes reichgestaltetes Schulwerk darstellt und durch die Einheitlichkeit der verwaltungsmäßigen und pädagogischen Leitung auch eine Einheitlichkeit des geistigen Philanthropins verbürgt. Kindergarten, Volksschule, Reformrealgymnasium mit Realschule, Lyzeum mit Frauenschule bilden dieses Werk, das so die Möglichkeit gibt, dem Kinde von frühester Jugend und ohne störende Umschulung bis zur Reifeprüfung zu gelangen. Die Kämpfe und Mühen, die erforderlich waren, um diese für ein lebensfähiges Schulwerk der israelitischen Gemeinde notwendigen Ausbau herzustellen, müßten besonders beschrieben werden. Es ist der menschlichen, Natur gemäß, immer wieder von neuem die Frage der Notwendigkeit der von der Gemeinschaft geschaffenen Institutionen zu prüfen, und mehr als je wird diese Frage auch hinsichtlich dieses Schulwerks von solchen Mitgliedern der Gemeinde gestellt, die dem Schulwerk weder persönlich noch durch ihre Kinder verbunden sind. Hier mag nur gesägt sein, daß innerhalb einer Großgemeinde, schon mit Rücksicht auf die Dauer ihres Bestandes, auf die Wünsche derer, die in einem auch jüdischreligiös orientierten Schulwerk ihre Kinder erzogen wissen wollen, nicht nur nach ihrem zahlenmäßigen Anteil Rücksicht genommen werden sollte. Eine religiöse Gemeinschaft darf auch, selbst bei der heutigen Gestaltung des öffentlichen Schulwesens ihr Interesse an der Erziehung der Kinder durch Unterhaltung einer Schule betätigen; und die Unterhaltung einer öffentlichen Schule, die in ihrem deutschen Geist und ihren Unterrichtszielen allen anderen öffentlichen Schulen gleichsteht, aber gleichzeitig die Beziehungen zu jüdischem Kulturgut in dem Kinde lebendig werden läßt, verhindert, daß die Wurzeln verdorren, die aus jüdisch-religiösem Erleben erwachsen. Eine Religionsgemeinschaft, die eine kleine Minderheit darstellt, hat hierzu viel mehr Anlaß als die Angehörigen der großen Religionsgemeinschaften, deren religiöse Interessen ohne weiteres in der öffentlichen Schule nicht nur bei dein Religionsunterricht, sondern auch in anderen Fächern (Geschichte, Literatur, philosophische Arbeitsgemeinschaft etc.) immer Berücksichtigung finden werden, da es selbstverständlich ist, daß die den Mehrheitsreligionen angehörigen Lehrpersonen trotz aller Vorurteilslosigkeit und Willen zur Gerechtigkeit die für sie in Betracht kommenden religiösen Werte niemals bei der Betrachtung der Entwicklung ausschalten können. Gegenüber den Gedanken, auf denen das Schulwerk des Philanthropins beruht, scheidet die politische Frage, wer den maßgebenden Einfluß auf die Schule ausüben soll, Staat oder Kirche, völlig aus. Dieses Schulwerk hat keine machtpolitischen Ziele; das pädagogische Ziel der Schule negiert in keinem Teil den Supremat des Staates und verlangt nur Freiheit zur Auswirkung in dem Kreis der Erziehung, der auf religiöser Grundlage beruht; also Einwirkungen, deren Pflege der Staat selbst als wertvoll durch Gewährung von Mitteln anerkennt. Die Aufgabe der Religion hat Lessing in der „Erziehung des Menscheiigschlechts" als eine Erziehungsaufgabe bezeichnet. So ist ein Schulwerk, das der Aufklärung und Humanität dient und durch die Verknüpfung mit der alten jüdisch-religiösen Kultur den Fortbestand des Judentums sichert, ein Sehulwerk im Sinne Lessings und( Mendelssohns. In diesem Schulwerk, das einen Geist gegenseitigen Verstehens pflegt, hat jede Richtung des Judentums, die mit der anderen in Frieden leben will, Raum gefunden, und Eltern und die große Zahl der Schüler, die aus dem Schulwerk hervorgegangen sind, erkennen dankbar Geist und Leistung an. Der Frankf urter Gemeinde ist das Werk anvertraut, es durchzuführen über gute und schlechte Tage. Der preußische Unterrichtsminister hat vor wenigen Tagen sich über Kulturpolitik geäußert: „Es wird in später Zeit einmal ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Tage bilden, daß allen finanziellen Schwierigkeiten zum Trotz unsere Hochschulen und Forschungsstätten über die Leistungsfähigkeit der Vorkriegszeit hinaus weiter entwickelt wurden." Nadi diesem Ruhmesblatt möge auch die Israelitische Gemeinde streben! Gedenkt bei allen freudigen Anlässen der Jüdischen Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. Postscheckkonto Nr. 54893

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