Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094351--2093-3096832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wenn sie nicht gehindert wurde, gewillt war, deutsche Wissenschaft und deutsche Kultur zu fördern, wie sie es auch in Zukunft weit über den Anteil, den sie zahlenmäßig im deutschen Volke einnahm, bewiefien hat.*) Das Wirken Lessings und Mendelssohns schuf bei Christen und Juden die seelische Voraussetzung zur Wegschaffung des äußerlich Trennenden zu gemeinschaftlicher Arbeit. Es ent-v standen schon im achtzehnten Jahrhundert jene Schulen, die sich als „Philanthropin" bezeichneten und unter Anerkennung aller religiösen Verschiedenheiten die Gemeinschaftserziehung im Sinne der Aufklärung, Humanität und gegenseitiger Duldung erstrebten. Zu diesen Erziehungsanstalten hat Mendelssohn in seinem Schreiben, die „philanthropinische Erziehung jüdischer Kinder betreffend", schon Stellung genommen. In Dessau, Mendelssohns Vaterstadt, war unter dem Einfluß Basedows, das „Dessauer Philanthropin" gegründet worden, und man hatte dort die Absicht, „Kinder jüdischer Nation" aufzunehmen, und desfalls auch jüdische Lehrer anzusetzen. Ungeachtet es öffentlich bekanntgemacht wurde, so fanden sidi doch keine Juden, die von diesem menschenfreundlichen Anerbieten Gebrauch machen wollten. Das Philanthropin bezeugte an Herrn Mendelssohn seine Verwunderung, und von der Empfindung einer mißlungenen Absicht beseelt, war der Brief etwas anzüglich. Den Brief des Leiters der Schule, Campe, beantwortete Mendelssohn in einem ausführlichen Schreiben, dessen Einladung lautet: „Vorausgesetzt, daß sich alles wirklich nidit anders verhalte, als sichs Ihr etwas ängstlidier Eifer für die gute Sache vorstellt, daß nämlich kein Einziger meines Glaubens sidi das Anerbieten des Philanthropins wird zu Nutzen machen, und daß so manche Ihres Glaubens sich dieserhalb ein schadenfrohes Hohngelächter erlauben werden; dieses Alles, sage ich, als ungezweifelt vorausgesetzt, was folgt daraus?'Daß Sie Ursache hätten, den Schritt, den Sie getan, zu bereuen? Sicherlich nicht! — Wohl aber, daß vor der Hand weder Christen nodi Juden eine philanthropinische Erziehung gehabt, und daß ein solches Institut dem menschlichen Geschlechte desto notwendiger sei. . . . War denn der Schritt wirklich - so außerordentlidi, so kühn, den das Philanthropin zum Besten meiner Brüder getan? Liegt es nicht schon im Begriff des philanthropinischen Instituts, daß ihm der Mensdi als Mensch erziehungswürdig und willkommen sein muß?" Wie stark in Frankfurt Mendelssohn die Geister beeinflußt hat, ergibt sich schon aus der großen Zahl der Subskribenten der Mendelssohnschen Bibelübersetzung. Die Subskribenten sind in dem Gemeindeblatt, das dem Andenken Mendelssohns gewidmet war, verzeichnet, und es finden sich dabei zwei Namen, (Reis und Kulp), die wohl die Eltern der zwei Männer waren, die bei der Gründung des Philanthropins mitwirkten und schon durch die Bibelübersetzung Mendelssohns Gelegenheit hatten, besten deutschen Sprachgeist sich anzueignen. Der große äußere Anstoß, der auch in Frankfurt das jüdische Erziehungswesen umgestalten sollte, kam von Westen durch die französiche Revolution, die nidit nur dauernde Umgestaltung des politischen Europas, sondern mehr noch seiner Gedankenwelt herbeiführte. Seit dem Jahre 1793, in welchem die Franzosen zum ersten Male Frankfurt besetzt hatten, bis zum Jahre 1804, dem Gründungsjahre des Philanthropins, war ohne wesentliche Aenderung der Rechtsverhältnisse der jüdisdien Gemeinde doch eine weitgehende tatsächliche Veränderung eingetreten. Die strenge Trennung zwischen den Angehörigen der jüdischen Gemeinde und der übrigen Bevölkerung Frankfurts war tatsächlich aufgehoben; *) Hier mögen die Worte Franz Rosenzweigs aus seinem Vorspruch zu einer Mendelssohn-Feier wiedergegeben werden: „Mendelssohn, der erste deutsche Jude in dem schweren, beide Worte verantwortenden Sinn, in dem wir Deutschjuden unser Deutschjudentum nehmen." auch geistig zeigte sich die andere Einstellung der Juden in dem selbstbewußten Stil ihrer Eingaben an die Behörden. Die Zahl derer, die sich zu deutscher Kulturgemeinschaft rechneten, war schon groß genug, um auch innerhalb der Gemeinde ihrem Willen Wirklidikeit zu verleihen. Die Kraft zur entscheidenden Tat hatte die Jugend; führend war Siegmund Geisenheimer. Mit ihm gemeinschaftlich begründeten das Philanthropin Isaac Michael Reis, Isaac Hirsdi S t i e - bei und Daniel Hirsch Kulp; die drei letzteren in Frankfurt geboren, ersterer aus Kreuznach stammend und dort vielleicht schon besonders von den Ideen der französischen Revolution beeinflußt. Geisenheimer, der Aelteste der Vier, war 28 Jahre, der Jüngste 22 Jahre. Geißenheimer war audi auf anderen Gebieten führend gewesen. Er hat die Freimaurer-Loge „Zur aufgehenden Morgenröte" gegründet. Infolge seiner Einwirkung bauten die fünf Brüder Rothschild (die fünf Frankfurter) die Häuser der israelitischen Krankenkassen. Er war besonderer Vertrauensmann des Gründerg des Hauses Rothschild,, und aus dem Archiv dieses Hauses ergibt sich, daß das älteste Geschäftsbuch, das noch aufzufinden ist, beginnend im Jahre 1795, von ihm eingerichtet ist. Er erhielt auch die erste Anregung zur Schulgründung durch Meier Anselm Rothschild, der ihm einen Knaben zur Erziehung übergab. Die Schule wurde im Gegensatz zu dem bisherigen Erziehungswesen der jüdischen Gemeinde gegründet. Sie hat von Anfang an, trotz der Betonung, daß es sich um ein „jüdisches" Philanthropin handelt, auch christliche Schüler aufgenommen und den bewußten Zweck, jüdische Kinder neben religiös-jüdischer Erziehung der deutschen Kultur zuzuführen und sie zu geistig gleichwertigen Mitgliedern der deutschen Kulturgemeinschaft heranzubilden. Die Schule sollte eine deutsche Schule sein, deren jüdisches Patronat es als selbstverständliche Pflicht ansah, die religiösen Werte des Judentums den jüdischen Schülern zu vermitteln; so sollte jene, in Mendelssohn zu höchster Vollendung kommende Synthese von Deutschtum und Judentum der Gesamtheit zu eigen werden. Die Schule nahm einen großen Aufstieg, trotz mancher Schwierigkeiten und Rückschläge. Sie erfreut sich großen Ansehens.*) Sie zeigt das Vorwiegen des philanthropinischen Charakters schon dadurch, daß sie anfänglich einen christlichen Leiter hatte; dann übernahm die Führung Michael Heß, der ungefähr fünfzig Jahre an der Spitze blieb. Trotz seiner großen Verdienste um die Entwicklung des Schulwerks, das schon damals aus verschiedenen Teilen (Realschule, Mädchenschule, Volksschule und Kindergarten) bestand, war er als Anhänger Voltaire'scher und Rousseau*scher Gedanken nicht die entscheidende Persönlichkeit in der Riditung der religiösen Erziehung. Auf einem der von ihm überlieferten Bilder findet sicli ein Satz,**) der seine rein menschliche Auffassung kennzeichnet und sich der Form nach als Protest gegen tendenzhafte Einwirkung von Staat und Kirche darstellt, aber in seinem Unterton vielleicht sich gegen jede konfessionell betonte Erziehung richtet. Wegweisend waren damals für die religiöse Erziehung der Schüler andere Männer des Lehrerkollegiums: Johlsohn, Creizenach, Jost und Jacob Auerbach. Die Andachtsstunden wurden von Heß geschaffen, ausgebaut aber von den anderen, und sie brachten ein' Neues in den Gottesdienst durch Einführung der deutschen Sprache, der Predigt und der Konfirmation von Knaben und Mädchen. In jenen, in ganz Deutschland berühmten Andachtsstunden zu predigen galt für eine Ehre, und auch Abraham *)* Von ihr schreibt Bettinavon Arnim an Goethe: „Mich interessieren die neuen Schulen nicht so sehr, wie das Juden-Institut, in das ich oft gehe." **) „Den israelitischen Jugendlehrer kräftige in seinem mühevollen Beruf der Gedanke, daß keine weltliche Macht und keine Priesterschaft ihm Fesseln anlegt, und daß es ihm vergönnt ist, die Jugend auf eine Weise zu bilden und zu leiten, daß das Band der Humanität und der Verbrüderung sie an die Menschheit knüpfe."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.