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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 101

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 101 (sequence 53)
Language
German
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vollem, eingefallenem Gesicht. Manche tragen an Stelle des Reisekoffers ein Bündel unter dem Arm. Alle laufen eilig dem Städtchen zu. Man sieht manche in einer Droschke fahren, vornehme Juden, reiche Chassidim. Ganz Ger gleicht einem Hotel, jeder Jude bewirtet einige Chassidim, es gibt aber auch richtige Gasthäuser. Wer Quartier genommen hat, richtet seine Kleidung, zieht einen Gürtel an, wäscht sich die Hände und eilt zum Rebben, um ihn zu begrüßen. „ S c Ii a 1 o m nehmen-. Ich gehe zum Rebben, um „Schalom zu nehmen". Aus allen Häusern ziehen Menschen zum Hof des Rebben. Man tragt einander: „Ist schon geöffnet? Wird man schon vorgelassen?" Ich komme in den Hof. In der Mitte des Hofes, "der ungefähr 50 m breit ist, steht ein großes Haus, die Wohnung des Rebben mit dem Beth-hamidrasch. Rechts ist die Wohnung, eine Treppe hoch, parterre sind die Zimmer des llebben, in denen er die Chassidim empfängt. Das Bethhamidrasch ist ca. 30 m lang, 15 m breit und 8 m hoch, an der Ost- und Westwand sind je 8 große, oben runde Fenster. An der Westseite ist der Eingang vom Hof her, hinter der Ostseite sieht man einen großen Hinterhof mit freier Aussicht auf Feld und Wald. Die Decke ruht auf einer Doppelreihe von Säulen, die von Norden nach Süden verläuft. In der Mitte steht der Almemor, an beiden Seiten die Stufen. Rechts und links vom Eingang stehen zwei große Tische, auf der Ostseite steht nur bei den Fenstern an der rechten Seite ein großer Tisch mit festen Bänken, die am Boden angenagelt sind. Links davon, dem Almemor gegenüber der Aronhakodesch und der Platz des Vorbeters. Auf der Nordseite sind Türen zu der Wohnung des Rebben und große Regale mit heiligen Büchern". Auf der Südseite ebenfalls Türen und Bücherregale und ein großer Kachelofen. Leber dem Almemor ist in der Decke eine Oeffnung von einem Quadratmeter ausgeschnitten, die mit einer Türe versehen ist. Zwischen dem Beth-hamidrasch und dem Empfangszimmer ist ein kleines Zimmer mit einem Tisch und Büchern* Jeder Wohlhabende läßt hier seinen Namen eintragen und spendet für das Beth-hamidrasch. Ein großes Stimmengewirr. Auf dem Hof gehen große Scharen von Chassidim hin und her. Man begrüßt sich, junge Leute gehen zusammen, halten sich gegenseitig am Gürtel fest und sprechen über chassidische Fragen. Kleine Jungen, barfuß, mit langen Pejes und erwachsene Juden verkaufen Sodawasser, Käppchen, Gürtel, Kalender, Zizith, Thephillin, Bücher und verleihen Käppchen. Im Beth-hamidrasch gehen Chassidim in Gedanken auf und ab. Manche sitzen bei Tisch und lernen, junge Bachurim sprechen über talmudische und chassidische Fragen mit ihren zukünftigen Schwiegervätern. Vor der Türe, die zu der Wohnung des Rebben führt, stehen . die Chassidim und warten, bis die Tür geöffnet wird. Tiefer Ernst prägt sich auf allen Gesichtern aus. Jeder überlegt, was er dem Rebben zu sagen hat. Jeder denkt an seine größten Leiden, sie dem Rebben zu erzählen, und an Leiden fehlt es uns Juden doch nicht! Der eine hat ein schlechtgehendes Geschäft, der andere eine kranke Frau, ein dritter möchte seine Tochter verheiraten. Bachurim müssen dem Flebben erzählen, wie weit sie im Jüdischen sind, und holen sich Rat beim Rebben, was weiter zu tun ist. Manche halten kurzgefaßte Bittschriften in der Hand. Alles drängt sich nach vorne, jeder möchte bald darankommen. Das Gedränge ist so stark, daß man kaum atmen kann. Plötzlich öffnet sich die Tür. In der Türe steht der Diener und sorgt für Ordnung. Der „Schammes" ist ein magerer Jude von mittlerer Größe und langem grauen Bart und Pejes, gelblichem Gesicht, langem Kaftan und Gürtel, Halbschuhen und weißen Strümpfen über den Hosen, ein Käppchen auf dem Kopf und darüber eine vierkantige Mütze. Alles stürzt sofort auf die Tür zu, der Schammes darf aber hur zwei Personen auf einmal hereinlassen. Es stehen aber m> viele Männer in der Tür, daß er sie nicht wieder schließen kann. Besonders die jungen Leute wollen mit Gewalt hinein. Der Schammes gestikuliert mit den Händen und ruft: „Ihr Frechen, warum drängt Ihr so, Ihr kommt alle herein!" Es hilft aber nichts, viele sind schon drin. Der Schammes teilt Ohrfeigen aus, reißt die Mützen herunter und wirft sie hinaus. Das ist das beste Mittel, denn ohne Mütze kann man doch nicht zum Rebben hinein. Vorwitzige bedecken den Kopf mit der Hand und laufen, ihre Mützen zu suchen. Endlich, nach vielen Mühen ist es mir mit Hilfe meiner Arme gelungen, bis zur Türe vorzudringen und dort zu warten, bis sie wieder geöffnet wird. Ech komme ins Empfangszimmer. Es hat je eine Türe an der Nord- und Südseite. An der Ostseite sind zwei Fenster, die zum Garten führen. Beim Fenster ein mit Büchern bedeckter Schreibtisch, darauf ein Stoß von -Zetteln, die die Chassidim geschrieben haben. Davor ein Sessel, an den Wänden Schränke mit Büchern. Wie ich das Zimmer betrete, werde ich von Angst und Ehrfurcht befallen. Vor dem Tisch steht der Rebbe und empfängt die Chassidim. Habt Ihr schon einmal einen Engel gesehen, einen Engel, der mit seinen Flügeln tausende an Geist und Körper gecruälte Menschen schützt, ermuntert, Trostworte für die Armen findet? Wer kann das leidende Gesicht dieses heiligen Mannes schildern? Die hohe, gewölbte Stirn ist voller Falten, die großen, unschuldigen, aber klugen Augen: wenn er auf jemanden sieht, meint man, er könne alles lesen, was in dem Inneren des Menschen vorgeht. Zitternd und voller Ehrfurcht treten die Cassidim zu dem Rebben, reichen die Hand, geben die Zettelchen ab und bringen kaum ein Wort hervor. Manchmal gibt der llebbe eine kurze Antwort, manchmal sieht man, wie sein leidendes Gesicht noch leidender wird, wie die Stirn sich noch mehr faltet. Er geht schnellen Schrittes hin und her, seufzt tief, daß es jedem zu Herzen geht. Die Chassidim reichen ihm noch einmal die Hand, gehen rückwärts zur anderen Tür und verlassen das Zimmer. Beginn des Festes. Die Sonne senkt sich schon zum Westen, und es wird immer dunkler. Lieber dem Städtchen liegt ein tiefer, feierlicher Ernst. Die Chassidim strömen in großen Scharen eilends zum Beth-hamidrasch. Alle haben seidene Kaftane an, ihr Haupt ist bedeckt mit einer Pelzmütze, sie tragen Machsorim. Das Beth-hamidrasch ist vollgepackt mit Menschen, sie stehen gedrängt wie eine Mauer. Audi die beiden Höfe sind voll von Menschen. Draußen dunkelt es, nur im Beth-hamidrasch strahlt das Licht. Alle stehen in Gedanken vertieft und warten auf den Rebben. Der Rebbe ist noch in seinem Zimmer eingeschlossen, und die Chassidim wissen, was das bedeutet. Sie wissen, jetzt beginnt der „Jörn hadin". Gott setzt sich auf seinen Richterstuhl, und die ganze Welt wird gerichtet. In diesen furchtbaren Tagen wird Gericht gehalten über Völker und Länder, über Leben und Tod, über Armut und Reichtum. Alles wird abgewägt. Wer kennt nicht den Ernst dieser Tage? Wer wird nicht vom Zittern erfaßt, wer nicht von Angst befallen, wenn er dieses bedenkt? Sogar die Engel im Himmel erbeben vor den Schrecknissen dieses Tages. Und der Rebbe, der göttliche Mann, der der Herrlichkeit Gottes näher steht als alle anderen, und der für ganz Israel Verzeihung erbitten muß, wie groß ist seine Furcht in diesen Tagen! Er ist noch immer in seinem Zimmer, in die Herrlichkeit Gottes vertieft. Die Türe öffnet sich, Zittern durchläuft die ganze Gemeinde: der Rebbe! Sofort wird eine Gasse gebildet, von der Tür bis zum Aron hakodesch. Der Rebbe geht schnell, mit geschlossenen Augen, in Gedanken vertieft an seinen Platz. Die Gasse schließt sich, nur um den Aron hakodesch und den Platz des Chasan läßt man etwas Raum für den Rebben und den Chasan. Bald hört man eine süße laute Stimme, die jeden ergreift. Der Chasan singt mit der Rosch-haschana-Melodie: „Borchu . . ." Wie ein Donner antwortet feierlich in Ekstase die die achttausendköpfige Menge: „Boruch haschem hamwauroch." Man betet Maariw. Danach geht man zum Rebben: „Leschono tauwo". (Aus dem jüdischen Manuskript übertragen.) Die verregnete Sukka. Erinnerungen aus verscholl e n e n 'I' a gen. J. Saphra. Der Jom Kippur war zu Ende, und wir kehrten heim in unser benachbartes Dorf. Zu Hause angelangt, holte Vater, kaum daß er die Hawdala gesprochen, noch mit den Sabbatgewändern angetan, aus der Ecke den großen, schweren Hammer hervor und begab sich beim Schein der Windlaterne, von der ganzen frohlockenden Schar seiner Sprößlinge begleitet, in den großen Garten hinaus, um den Pflock für die Laubhütte einzurammen. So wurde die Sukka unmittelbar an den Jom Kippur angeschloßen, und nichts Wochentägliches hatte sich dazwischen gedrängt. Nun war das Fundament für die Laubhütte gelegt, und wir Kinder fingen an, die Pläne für den Bau zu entwerfen. Am nächsten Tage standen wir früh auf und machten uns rechtzeitig an die Arbeit. Ich war der Baumeister, und die Kleinen schleppten nach meinen Befehlen allerlei Material herbei, als da waren: Bretter, Leitern, Planken, und wir versuchten mit vereinten Kräften, eine Wand aufzurichten; aber es mißlang allemal. Vater lachte vergnügt über unseren Eifer und tröstete uns, daß ja das Aasschmücken der Sukka, wenn stärkere Hände sie aufgebaut, auch eine schöne Sache wäre. Inzwischen beschäftigte uns der Ethrog. Am zweitnächsten Tage sollte Vater in die Stadt fahren und ihn herbeibringen. Wir sprachen von ihm wie von einer märchenhaften, sehnsüchtig erwarteten Persönlichkeit. Die Kleineren, die entweder noch nie einen Ethrog gesehen hatten oder sich seiner nicht zu erinnern wußten, blickten mit einer Art Bewunderung zu mir auf, der ich ihn von Angesicht zu Angesicht kannte und ihnen erzählen mußte, wie . er aussah: wie ein Apfel und doch nicht wie ein Apfel; denn er war länglich; wie eine Zitrone, aber doch viel, viel feiner,

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