Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 100 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach der Trauung begannen die Tänze, die jungen Leute zeigten Wunder mit den Füßen bis zur späten Nachtstunde. Als die Tanzenden eine Atempause einsetzten, befahl die Großmutter den Musikanten zu spielen, und sie fing dann an, allein zu tanzen. Die Versammelten standen im Kreis herum, um mit großer Heiterkeit dem wunderbaren Tanze der Großmutter zuzusehen. Kein Mensch aber ahnte, daß dieser Tanz nicht allein der Hochzeit der Enkelin galt. 11. . Friede im Haus Von J. L. Perez. Chaimist eiu Lastträger. Wenn er die Straße mit der Last auf dem Rücken passiert, verschwindet er fast hinter seiner Bürde, und es scheint, als ob der Wareukasten sich allein bewege, nur sein schweres Atmen ist schon von lerne zu hören. Nuu hat er die Last von sich abgelegt und erhält seinen Lohn. Er richtet sich auf, atmet tief, zieht die Ecken seines Kleides aus dem Strick, mit dem er umgürtet ist, wischt sich den Schweiß von der Stirn und eilt zum Brunnen, um etwas kaltes Wasser zu tanken. Vön dort eilt er nach Haus. Nun steht er im Hof, gestützt an die Mauer, erhebt seinen großen Kopf, so daß sein Bart und seine Nase sich in einer Linie befinden. Dann ruft er: „Channah!". In der Mansarde öffnet sich ein kleines Fenster, und ein kleiner Frauenkopf, be_deckt mit einem weißen Schleier, erscheint. „Chaim", antwortet ihm die Frau. Das Paar sieht sich gegenseitig freudig und mit Wohlwollen an. Er hüllt seinen Lohn in ein Stückchen Papier und wirft ihn in die Höhe in das Fenster hinein. Channah erhasdit ihn im Flug, wie sie es bereits gewohnt ist. „Ein wunderbares Geschöpf," sagt Chaim und will nicht vom Platz weichen. „Geh doch," ruft sie ihm gütig zu. „Ich kann nicht beim Fenster stehen bleiben, ich muß zum kranken Kind zurückkehren. Seine Wiege habe ich neben den Herd gestellt und ich koche und schaukle zu gleicher Zeit." „Und wie geht es ihm?" „Es ist ihm etwas leichter." „Gott sei Dank!" „Und Henny?" „Sie ist zur Näherin gegangen." „Und Jossei?" „Er ist selbstverständlich im Cheder." Dann senkt Chaim seinen Bart und geht seines Weges. Und Channah schaut ihm nach, bis er im Schatten des Eingangs verschwindet. Am Donnerstag und Freitag dauert die Unterhaltunglänger. „Wieviel hast Du da in diesem Papier?" fragt Channah. Sie fürchtet, vielleicht wird das Geld für Sabbat nicht ausreichen. „Und wieviel brauchst Du noch, Channah?" „Sechs Kopeken für die Salbe, dann brauche ich noch Kerzen, Sabbatbrote habe ich bereits, auch t% Pfund Fleisch. Dann brauchte ich noch Wein für Kiddusch und etwas Streichhölzer." „Holz ist auf dem Markt da, ich kann es schuldig bleiben und Dir bringen." „Und dann brauche ich noch . . ." und sie zählt an den Fingern alles auf, was sie noch für den Sabbat braucht, und nach langem Verhandeln stimmen sie überein, daß man auch Kiddusch über Brot machen kann und das Fehlen mancherlei Sachen doch letzten Endes nicht weiter schlimm sei. Die Hauptsache sind Kerzen zum Lichtsegen und die Arznei für das kranke Kind. Und trotzdem, wenn mit Gottes Hilfe die Kinder gesund und wohl sind, die beiden Kupferleuchter nicht verpfändet sind und wenn noch insbesondere der „Schalet" für den Sabbat gestellt wird, dann ist die arme Familie zufrieden und freut sich mit ihrem Teil. Und Channah eignet sich ganz besonders zum Vorbereiten des „Schalet". Ständig klagt sie über fehlende Zutaten. Einmal fehlt Mehl, ein anderes Mal Eier, dann wieder fehlt ihr Fett und trotzdem erscheint der Schalet immer schön, fett und süß. „So kocht der Engel," sagt Channah lachend. „Gewiß", antwortet Chaim. „Bist Du denn selbst nicht ein Engel Gottes, hast Du denn wenig von mir und von den Kindern auszustehen? Wie oft bedrängen Dich die Kinder, und ich selbst bin mandimal zornig — aber habe ich je von Dir einen Vorwurf gehört? Schreist du dann wie andere Frauen?" Channah lacht vergnügt, und er fährt fort: „Was ist „diese W e 11" für Dich, Du und die Kinder gehen nackt und barfuß und nicht selten leiden sie auch Hunger. Und wozu tauge idi? Wie man sagt: weder für Kiddusdi noch für Hawdoloh. Ein mißlungener Mensch, nicht einmal „Semiroth" verstehe ich riditig zu singen." „Und trotzdem," sagt Channah mit Vertrauen, „bist Du ein treuer Mann und ein barmherziger Vater. Möge Gott alle Töchter Israels so beschenken und gebe Er, daß ich mit dir ein hohes Alter erreiche." Und das Paar sieht sich gegenseitig mit Freude und Liebe an, als ob sie eben getraut worden wären. Am Sabbat macht Chaim sein Nadiniittagsschläfdien, und dann geht er in die kleine Synagoge, um Thora-zu hören. Dort liest einer der „Melamdim", der Lehrer, den Wochenabschnitt mit dem Kommentar „Aisdiech". Der Meiamed trägt vor, und auf den Gesiditern seiner Zuhörer, deren Zahl immer zunimmt, liegt eine große Müdigkeit, Manche sdilummern, niandie gähnen, aber als plötzlich, der Vortragende mit Erzählungen von der jenseitigen YV e 11 beginnt, von der Höile, in der man die Bösen mit Feuersgluten bestraft, vom Paradies, wo die Gerechten mit den Kronen auf den Häuptern sitzen und Thora lernen, da erwachen die Zuhörer, sie hören mit offenem Mund zu, ihre Gesichter röten sich und die Ohren suchen jeden Laut des Vortragenden zu erhasdien. Chaim steht an den Ofen gestützt, seine Augen sind voll von Tränen, manchmal aus Kummer und manchmal aus Freude, und er zittert am ganzen Körper. Er leidet zusammen mit den Bösen, er versinkt mit ihnen im brennenden Pedi, er kostet mit den Gerediten das Paradies, er erschaut das zukünftige Lidit, Engel fliegen umher, er kostet den Leviathan und den Riesenodisen, trinkt den alten Wein und sdiaut in den Glanz der Schechina. Als der Meiamed das Buch küßt und sdiließt, da erwadit er aus seinem Traum und kehrt unwillig in diese Welt zurück. Dann atmet er auf und betet: „Lieber Gott, besdiere doch ein klein bißchen, nur ein winziges Teil vom Paradies mir, meiner Frau und meinen Kindern." Aber dann bemächtigt sidi seiner der Kummer und er fragt sidi: „Für welches Verdienst? Ich bin dessen nicht wert, idi bin dessen nicht wert." Einmal nach dem Lernen trat er an den Meiamed heran und sagte: „Rabbi" und seine Stimme zitterte, „Rabbi, womit kann idi mir die jenseitige Welt verdienen?" „Lerne Thora, mein Sohn," antwortete der Meiamed. „Idi bin aber unkundig." „Dann lerne Misdinajoth ... En jaakow, wenigstens Pirke aboth." „Idi sagte bereits, idi bin unwissend." „Dann säge Psalmen jeden Tag." „Psalmen kann idi sagen, aber idi habe keine Zeit dazu." „Dann bete mit Andacht." „Idi verstehe nicht die Deutung der Worte." Der Meiamed wendet sidi voller Mitleid zu ihm. „Und was ist Deine Beschäftigung?" „Ich bin Lastträger." „Sehr gut, bediene dann die Thoralernenden." „In welcher Weise?" Der Meiamed denkt etwas nadi und sagt: „Bringe jeden Abend Tür die Lernenden etwas kaltes Wasser zum Trinken in die Synagoge." Chaims Gesicht leuditete vor Freude. „Und hiermit werde idi mir die jenseitige Welt erwerben?" „Mit der Barmherzigkeit Gottes," antwortet der Meiamed. „Rabbi," fragt Chaim weiter, „und meine Frau?" Der Meiamed erklärt ihm, dal? des Mannes Verdienst auch auf die Frau übertragen werde, und wenn er auf seinem Thron im Paradies sitzt, dann sitzt seine Frau zu seinen Füßen. Chaim kehrt nadi Haus zurück, um Hawdoloh zu machen. Channah sitzt und betet das Gebet „Gott Abrahams". Er erzählt ihr die Worte des Meiamed, aber plötzlidi füllt sidi sein Herz mit Erbarmen und er spridit: „Und idi sage, Channah, daß idi dem nidit zustimmen kann; ich bin in keiner Weise einverstanden, daß Du als Sdiemel für meine Füße dienen sollst. Ich werde Dich erheben und werde Dich zu meiner Rediten setzen und wir werden zusammensitzen. Es wird genügend Platz für uns beide auf einem Stuhl sein und ich bin überzeugt," fügt er starken Herzens hinzu, „daß der Heilige, gelobt sei er, zustimmen wird; ganz gewiß, und sei es gegen seinen Willen, wird er zustimmen. Rosch Hascharia in Ger. Von Eliahu Burstyn. Vorabend. Schon verspürt man in dem jüdischen Städtdien Ger*) die Stimmung des hohen Festtages. Jeder Zug der Kleinbahn bringt viele Hunderte Chassidim aus allen Gegenden Polens, die die hohen Feiertage beim „Rebben" verbringen wollen. Die schmalen Gassen, die vom Bahnhof in das Städtdien führen, sind voller Menschen. Juden mit langem Bart und Pejes, mit viereckigen Samtmützen und Käppchen; viele haben die Pajes unter den Mützen verstedct. Sie tragen lange Kaftane. Die meisten in hohen Stiefeln, andere in Halbschuhen, die Strümpfe über die Hosen gezogen. Man sieht auch Badiurim mit blassem Gesicht, junge Leute, die beim Schwiegervater wohnen, und ältere Juden mit sorgen- *) Ger ist ein Städtchen südlich von Warschau, Sitz eines berühmten chassldischen Rabbi. -