Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 102 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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blaß, grünlich, mit einem zarten Knöspchen oben und am entgegengesetzten Ende hatte er einen winzigen Stiel. Er lag in einer Silberdose, eingehüllt in weißen, weichen Flachs, damit er keinen Schaden nehme. Und einen Duft verbreitete er, einen Duft sag' ich euch, ungleich schöner als die Gewürzbüchse am Sabbat-Ausgang. Von dem armen Lulav, dem doch an den Feiertagen der Segenssprueh galt, sprach man überhaupt nicht. Audi nicht von der Myrthe und der Weide, obgleich .«ie mit zum Festesstrauß gehörten. Am dritten Tage verspätete sich der mit Ungeduld erwartete Vater um einige Stunden. Immer lief ein anderer Knirps auf die Straße hin, um Ausschau zu halten. Endlich erwogen wir, daß es höchste Zeit für uns war, an die Ausschmückung der Laubhütte zu schreiten, die doch morgen von den Erwachsenen in einigen Stunden aufgerichtet werden konnte. Wenn wir nidit rechtzeitig fertig waren, wären sie fähig, das Werk unserer Hände zu verschmähen. O ich hatte noch vom vorigen Jahre her meine bitteren Erfahrungen. Unsere alte Dienerin Jaga, die alle jüdischen Gebräuche genau kannte und uns Kindern eine Schutzpatronin war, sdileppte für uns aus dem Garten die mächtigste Riesenmelone herbei. Wir machten uns daran, sie auszuhöhlen, in die Haut kleine Fensterchen zu schneiden. Wenn man die so zugerichtete Melone an der Decke der Sukka aufhängte und in das hohle Innere eiue brennende Kerze hineinsteckte, so gab das eine unvergleichliche Hängelampe, die an den Abenden die Bewunderung der Erwachsenen erregen mußte. Während wir in die Arbeit versunken waren, kam ein vierjähriger Bote atemlos herbeigelaufen. „Er ist da!" „Wer ist da?" „Der Ethrog ist da!" Wir stürzten in das Zimmer. Vater stand am Tisch und hatte eben eine weiße Holzkiste ausgepackt. Wir umlagerten ihn und streckten die Hände aus. „Will sehen, will sehen!" sdirie das Kleinste und zerrte heftig an Vater Rockschößen. Vater hob den zweijährigen Sdireihals auf die Arme. „Da sieh!" Vater entfernte den Deckel, und vier Ethrogim, neben einander in zwei Reihen ruhend, sdiimmerten blaßgrün durch die feinen Strähnen des weißen Flachses. Im Zimmer entstand Schweigen. Ein feiner, fast mystischer Duft verbreitete sidi, erinnerte an ferne, ferne Gegenden; mir gaukelte er unendliche Sandwüsten vor, unter einem tiefblauen Himmel, Palmenhaine, glitzernde Springbrunnen, an denen junge Mädchen in Krügen Wasser auffingen, um es knieenden Kamelen zu reichen. Die Mutter kam hinzu. Der Vater griff einen der Ethrogim heraus und betrachtete ihn zärtlich. „Ein „Muvchar" (Prachtexemplar)", sagte er, zur Mutter gewendet. „Sieh da, Evas Biß!" Er wies auf eine kleine Sdiarte in der grüngoldenen Haut, die in der Tat wie die Spur eines Zahnes aussah. „Als unsere Urmutter Eva den Adam im Paradies verführte, vom Baum der Erkenntnis zu essen — das war nämlidi der Ethrogbaum —, da biß sie zuerst hinein und reichte dann die Frudit dem Manne" erklärte unser Vater lädielnd die anmutige. Volksüberlieferung. „Einzelne Exemplare des Ethrog haben bis auf den heutigen Tag die Spur dieses Bisses behalten und werden darum geschätzt." Mir erwuchs nun die ehrenvolle Aufgabe, für die Myrthenzweiglein und die Weidenrute Futterale und für den Lulav Ringlein zu flechten. Der vorjährige vertrocknete Lulav wurde hervorgeholt und entblättert. Kunstgerecht schlangen sidi die schmalen, blassen Blätter unter meinen eschickten Fingern zu einem langen, weidien Futteral, der dieide eines Doldies ähnlich. Dann wurden einige Blätter in lange Fasern gespalten und zu festen, schön geflochtenen Ringlein geformt, die den neuen Lulav zusammenhielten und ihn schlank und geschmeidig machten. Am nächsten Morgen fiel mir die Aufgabe zu, einen Ausflug nach dem Bache zu machen und fünf Weidenruten zu schneiden, die den Feststrauß der „vier Arten" vollenden sollten. Als ich zurückkam, fand ich die Laubhütte schon vollständig aufgebaut, für uns Kinder blieb nichts zu tun übrig. Die hurtigen Hände der Erwadisenen hatten mit Hilfe von zwei benachbarten Bauern den Bau aufgeführt, in dem zwanzig Menschen bequem speisen konnten. Von außen an den vor vier Tagen eingerammten Pfahl, von der entgegengesetzten Seite an die Wand des Hauses gelehnt und ein Fenster einrahmend, aus allerlei primitivem Material fest gezimmert und von innen mit Teppichen und Matten überzogen, ragte die Laubhütte stolz in die Höhe und schien verächtlich auf die hilflosen Bretter herabzuschauen, die wir Kinder so eifrig herbeigeschleppt hatten. Aber noch fehlte das Dach. Vater besah meine Beute und nickte beifällig. Es waren fünf schöne geschmeidige Zweiglein, die idi gebracht, noch ganz jung, aber ansehnlich, die grünen Blätter schmiegten sich sanft an den Stengel, umstanden ihn symmetrisch und waren alle unversehrt, wiesen nicht die leiseste Spur von Raupenstich auf. \ch hatte meine Sache eut gemacht. Zum Lohn durfte ich die ausgehöhlte Melone, die wir Kinder gestern im Schweiße unseres Angesichtes hergerichtet hatten, an der Decke aufhängen, am Abend sollte darin eine Kerze, eine leibhaftige Kerze erstrahlen. Die Kleinen stürzten herein und umtanzten jubelnd das Wunderwerk. Aber Vater hob den Kopf und blickte sinnend nach allen Himmelsrichtungen. Er madite eine zweifelnde Miene. „Wer weiß, ob das sdiöne Wetter anhalten wird?" murmelte er. Wir erschraken förmlich. Was? Regnen sollte es? Heute? Nein, es durfte nidit regnen! — Wir protestierten alle, am energischsten Jaga und die paar Bauern, die die Sukka hatten aufbauen helfen. Es konnte heute gar nidit regnen, es waren ja jüdische Feiertage! Es war nämlidi eine alte Bauernregel, daß an jüdischen Feiertagen sdiönes Wetter sein mußte. Man redmete damit und verlegte auf diese Tage das Herausnehmen der Kartoffel und ähnliche Feldarbeiten, die sdiönes Wetter erforderten. Sollte der liebe Gott mit dem alten Herkommen plötzlich brechen? Aber der Himmel sah immer verdäditiger aus. Gegen Mittag wurde das „Sdiadi", das Laub für das Dach der Sukka, gebracht. Vater kletterte hinauf und streute es behutsam auf die Querbalken hin. Wir standen in der Sukka und hoben die Köpfe hodi, um zu sehen, ob der Himmel hineinblickte, denn allzudicht durfte die Decke nidit sein. Wenn nun sdion die Decke gelegt war und das Ganze fertig dastand und wir uns nach so viel Mühe und Arbeit so sehr auf den Abend freuten, dann mußte Gott dodi unbedingt ein Einsehen haben. Je näher der Abend heranrückte, um so gemütlicher sah es in der Sukka aus. Die Wände entlang wurden Bänke gezimmert, in der Mitte ein großer Tisch, ein Teppich bedeckte die rauhen dicken Bretter, und darüber streckte sich ein blütenweißes Tisdituch. Das Innere gewann mehr sabbathliches Aussehen. Ans obere Ende legte Mutter die großen gefloditenen Sabbat-Brote und breitete ein weißes, gesticktes Tischtuch darüber, am entgegengesetzten" Ende des Tisches tauchte der sechsarmige silberne Sabbat-Leuchter auf, in jedem Arm eine Kerze tragend und still den herabsinkenden Abend erwartend, um aufzuleuchten. Vom Himmel fiel kein Tröpfchen, obwohl der Horizont ganz von Wolken umhüllt war und von Zeit zu Zeit verdächtige Windstöße sich erhoben. Es dunkelte schon, als eine Anzahl Nachbarn sich zum Gottesdienst einfanden. In der Sukkah flammten die Kerzen auf, auch unsere Melone sandte von der Decke ihr bescheidenes Flimmern herab. Wir waren indessen in der großen guten Stube versammelt, die an den Feiertagen als Betsaal diente. Der Gottesdienst begann. Klopfenden Herzens lauschte ich hinaus. Nur das Rasseln verspäteter Bauernfuhren war vernehmbar, es regnete offenbar nidit. Es wollte nicht regnen. Es durfte nidit regnen. Wenigstens heute nidit. Heute wirds nidit regnen. Gott wird es nidit zulassen. Schon hat sich die ganze Gemeinde in das Gebet vertieft. Es wird nicht regnen. Da — mitten in der stillen Schemoneh Esreh — läßt sich ein eigentümliches Rauschen vernehmen. Ganz, als ob es regnete. Ich halte den Atem an. Das eigentümliche Rauschen hört nicht auf. Regnet es wirklich? Es wagt zu regnen? Doch halt. Es ist wieder tiefe Stille. Es war nur eine Drohung, ein Versuch. Ah, es ist wirklich still geworden. Der Gottesdienst ist zu Ende. Die anderen empfehlen sich und eilen davon. In die Sukka werden die silbernen Kiddusdibecher und die goldig leuditende bauchige Weinflasche getragen, und Vater ordnet an, daß alle Erwachsenen den Kiddusch, zugleich rezitieren, damit wir rascher fertig würden. Es droht doch eine Gefahr, ging es uns durch den Sinn. Doch es regte sich nichts. Mit einerr.-feierlichen, klangvollen Melodie ging der Kiddusch zu Ende. „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns befohlen hast, zu sitzen in der Sukka ." Da . . . ein großer Tropfen fiel klatschend herein und traf just eine Kerzenflamme, die aufzuckte. Aber das war wohl nur so . . . Wir guckten alle in die Höhe, durch die Oeffnungen in der Decke wollte jedes von uns einen Stern öder zwei, drei wahrgenommen haben; abgerissene Wolken jagten einander, für eine Sekunde blickte sogar der Mond hindurch, verhüllte aber,,; sogleich sein Angesicht. Dann fingen die Tropfen an, sdinell hintereinander zu fallen. Wir saßen noch eine Weile, lautlos, mit gesenkten Blicken. Dann wurde der Tisch geräumt, die Lichter wurden hinausgetragen. Wir wandten uns ab und gingen langsamen Schrittes, wie beschämt und zögernd, hinaus. An der Sdiwelle wandte ich midi noch einmal um und umfaßte mit wehmutsvoll sehnsüchtigem Blick die Laubhütte, die dunkel und einsam dalag. Gott hatte nicht gewollt, daß wir in der Sukka saßen. In dem geräumigen Speisezimmer strahlten die Lichter, in der Flasche funkelte der goldige Wein. Auf dem Tische dampften die köstlichen Speisen und verbreiteten würzigen Duft. Aber wir saßen alle schweigend da, Fröhlichkeit wollte nicht aufkommen. Es war Festtag, Gott aber wollte nicht, daß wir heute in der Sukka saßen. Er hatte unsere Mizwah verschmäht . . .