Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 99 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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lige Bücher im sogenannten Jüdisch-Deutsch, an denen sie sich labt und in deren Inhalt sie sehr bewandert ist. Aber das alles reicht nach ihren Begriffen nicht an die Thora heran, all diese Bücher sind nur ein Schatten der Thora und nicht mehr. An der Ost wand hängen die Bilder ihres Sohnes und der Enkelkinder. An jedem Freitagabend, nach dem Lichtersegen, tritt sie an die lieben Gesichter heran, schaut sie an und grüßt sie mit den Worten: „Gut Schabbos, meine Lieben!" Dabei ergreift ihr Herz Wehmut, denn das sind doch bloß Schatten — wohl dem Auge, dem vergönnt ist, die wahren Gesichter zu schauen. — Sechs Söhne und fünf Töchter gebar die Großmutter, aber von allen ihnen blieben am Leben nur eine einzige Tochter, verheiratet au einen reichen Mann und ein einziger Sohn, der ein Rabbineramt in einer entfernten Stadt bekleidet. Und obwohl die Tochter in der gleichen Stadt wohnt, besucht die Großmutter sie dennoch selten. Sei es, weil die Tochter ihr nicht so lieb war oder aber, weil der Großvater seinen Schwiegersohn nicht leiden mochte. Ihr ganzes Tun und Trachten widmeten die Großeltern ihrem einzigen Sohne. Er war der Stolz und die Zierde der Familie, und der Gedanke au ihn erfüllte die Herzen der Eltern mit den zartesten Gefühlen. Sie saßen oft beide zu Tisch, ohne daß ein Wort zwischen ihnen fiel. Kaum aber wurde der Name des Sohnes erwähnt, so kamen sie sidi in gemeinsamem Erlebnis nahe. „Mir scheint, es sind bereits drei Wochen verflossen, seit wir von unserm Abraham einen Brief erhalten haben" — beginnt die Großmutter das Gespräch. „Was hat er denn eigentlich zu schreiben?" erwidert der Großvater. Und so entspinnt sich ein Gespräch über Abraham, der Großvater zählt rühmend seine guten Eigenschaften auf, die Großmutter greift Ereignisse aus seiner Kindheit auf und spricht von seiner Art und seinen Gewohnheiten. Der Tag, an dem ein Brief von Abraham kommt, ist ein Feiertag. Der Großvater liest den in hebräischer Sprache abgefaßten Brief und deutet ihn Satz für Satz. Das Lesen und Uebersetzen des Briefes geht langsam vor sich. Die Großmutler hört auf jedes Wörtchen mit Aufmerksamkeit hin und mehr noch als mit dem Ohr, das ihr den Inhalt des Briefes übermittelt, greift sie mit den Augen nach den Bewegungen und dem Mienenspiel des Großvaters, und ihre Phantasie ergänzt und verbessert manche Unebenheiten in des Großvaters Uebertragung. Und nach jedem Lesen, nach jedem Gespräch verrichtet die Großmutter ein stilles Gebet: ..O möchte es mir noch zu meinen Lebzeiten vergönnt sein, ihn zu sehen!" Die in derselben Stadt mit ihren Eltern wohnende Tochter hat auch eine einzige Tochter, der man schon „Partien" anträgt, die jedoch nicht so recht Zustandekommen. Doch einmal kam der Richtige und die Freude war groß. Der Bräutigam war der Sohn reicher Eltern, aus einer guten Familie und gut geartet; er stellte seinen zukünftigen Schwiegervater und Schwiegermutter zufrieden nnci gefiel auch der Braut. Es ist erklärlich, daß die Vorbereitungen zur Hochzeit groß und mannigfaltig waren. Jedes Familienmitglied gab Ratschläge und machte Votschläge, die Hochzeit schöner zu gestalten, damit dieser denkwürdige Tag in aller Erinnerung für ewig haften bleibe. Die Mutter der Braut stellte dem Großvater und der Großmutter vor, daß es durchaus angebracht sei. daß Abraham zur Hochzeit komme. Der Großvater machte Ausflüchte, sagte, es wäre eine zu große Anforderung an einen Rabbiner, sich von seiner Gemeinde für eine ganze Woche zu entfernen. Aber da mischte sich die Großmutter ein und bemerkte, das wäre eine Gelegenheit, die man ergreifen sollte: „Zehn Jahre sind es, daß ich ihn nicht gesehen habe, und wer weiß, wann es mir sonst vergönnt sein würde, ihn wiederzusehen/' Vielleicht wollte auch der Großvater seinen einzigen Sohn sehen,vielleicht wollte er der Großmutter entgegenkommen, wie dem auch sei, er gab seine Zustimmung und versprach, Abraham zum Hochzeitstage seiner Enkelin herzubitten. Und der Tag, an dem die Eltern ihren Sohn wiedersahen, war ein großer Feiertag in ihrem Leben. Er kam mit seiner Frau und Kindern: nach der Begrüßung verteilten sich die Gäste, der Großvater belegte seinen Sohn mit Beschlag, die Großmutter widmete sich der Schwiegertochter und den Enkelkindern. Der Empfang am Hochzeitstag ist vorbei, die Eltern des Brautpaares hatten währenddessen Zeit genug gehabt, sich zu zanken und wieder auszusöhnen; das Haus ist voll von Männern, Frauen und Kindern, die zusammengedrängt stehen und der Musik und den Reimen eines Volksdichters lauschen. Kurz vor der Trauung versammelte sich in einem kleinen Zimmer eine kleine Gesellschaft: der Großvater, die Großmutter und der Rabbiner Abraham, ihr Sohn. Sie sitzen da in Gedanken versunken. Da unierbricht die Großmutter die Stille: „Das ist nun der lang ersehnte Tag. Ich werde mich nicht vom Platz rühren, bis er mir nicht verspricht, daß es so sein wird." „Ich verstehe nicht recht, was die Mutter wünscht" sagt Abraham. „Was ist da zu verstehen? Ich wünsche, daß er mir unterzeichnet, daß alle Mizwoth, die ich im Leben erworben habe mir allein gehören und von dem Lohn, den er nach lnintlei l/.v/anzig Jahren für das Thora-Lernen erhalten wird, auch mir ein Teil übertragen wird." Der Großvater, der bis dahin ruhig gesessen hatte, sprang auf, bewegte die Hand zum Zeichen des Unwillens, seine Augen erhielten einen zornigen Ausdruck und seinem Munde entschlüpfte das Wort. „Dummheit!" Auf dem Gesicht des Rabbi Abraham erscheint ein leises Lächeln. Mit liebevollen Augen betrachtet er das runzlige Gesicht seiner Mutter, fasst ihre Hand und bemerkt mit einem Gefühl voller Barmherzigkeit: „Mutter, sorge nicht, der Ewige wird Dir Deinen Lohn nicht vorenthalten. Er, der Allmächtige, kennt deine guten Taten." Aber die Großmutter beruhigt sich nkht, mit Entschlossenheit wandte sie ein: „Ich schwöre bei meinem Leben, wenn ich das Schriftstück nicht erhalte, gehe ich nicht zur Trauung." „Dann wird die Trauung ohne Dich stattfinden," erwidert beleidigt der Großvater. Die Großmutter schweigt und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Der Rabbi Abraham wendet sich zu ihr und versucht sie zu beruhigen. j „Was weinst Du, Mutter, der Vater ist bereit, auf seinen | Anteil an Deinen Mizwoth zu verzichten, und sie werden | Dir allein gehören. Nicht wahr, Vater?" i Der Großvater nickt mit dem Kopf, aber die Großmutter beruhigt sich nicht. „Er muß mir einen Teil von seinem Lernen abschreiben." „Ich willige nicht ein," erklärt der Großvater. Eine Weile war es still im Zimmer, schließlich begann j die Großmutter, wie zu sich selbst redend: „Vierundfünfzig Jahre sind verstrichen seit dem Tage, da ich geheiratet habe. Er möge mir sagen, ob er irgend eine Klage gegen mich hat. Habe ich denn nicht alles getan, um das Haus in Frieden und gerecht zu führen?" „Das ist doch aber Deine Pflicht!" hielt sich der Großvater nicht zurück. „Meine Pflicht? Ist es denn überall üblich, das Joch der Familienernährung auf die Frau zu wälzen? Kannte ich je in meinem Leben ein anderes Vergnügen als das zweifelhafte Vergnügen, den ganzen Tag zu stehen und Kunden zu bedienen? Wer weiß so genau wie er, wieviel schlimme Tage i über uns im Leben gekommen sind, ich aber mich stets bej mühte, jedes Unheil und jede Sorge von ihm fernzuhalten!! Es waren Tage, an denen uns die Schulden über den Kopf | wuchsen und mein Gehirn schier platzen wollte vor angej strengtem Nachdenken, wie ich die Gläubiger befriedigen würde — er aber wußte nichts von alledem. Die Last der Rindererziehung — mein Gott, wieviel schlaflose Nächte, wieviel Tränen, wieviel Schreckenstage! — alles das ertrug ich, ihn aber schonte ich, um ihn beim „Lernen" nicht zu stören. Und jetzt behauptet er, daß ich keinen Anteil an seinem Thoralernen habe!" Rabbi Abraham wendet sich an den Großvater. „Vater, versprich ihr!" „Ich bin erbost über die Mahnungen! — Weiß ich denn nicht, daß sie des Lohnes für meine Thora würdig ist? Ich hasse aiber die Klagen." Die Tür geht auf, und es kommt jemand, um Rabbi Abraham zu rufen. Der Großvater blieb vor dem kleinen Tische an seinem Platz sitzen, seine Augen verrieten Nachdenken und seine Hand strich den weißen Bart, was bedeutete, daß er seine Gedanken ordnete. Endlich stand er von seinem Platz auf, um das Zimmer zu verlassen. Als er aber an der Großmutter vorbeikam, die in ihre Gedanken vertieft dasaß, und ihre Augen voil Tränen sah, hielt er sich eine Weile auf, schaute ihr ins Gesicht und sagte: „Steh auf, komm, es ist nicht schön — was werden die Leute dazu sagen!" Schweigen. „Sara," wandte sich der Großvater zu ihr, „ich habe Aergernis davon, hör' auf!" Die Großmutter wandte ihm ihren Blick zu, rührte sich aber nicht vom Platz. „Sara," begann der Großvater, „sehe ich denn so aus in Deinen Augen? Glaubst Du mir denn ohne Schriftstück nicht? Bin ich denn so geizig, um alles für mich allein in Anspruch zu nehmen?" Die Stimme des Großvaters wurde weich und voller Mitleid, indem er hinzufügte: „Gott im Himmel weiß, daß ich mein ganzes Leben lang Dir nur Anerkennung für all das, was Du für mich tatest, geschenkt habe, stets hegte ich den Gedanken: sie arbeitet für uns beide in dieser Welt, und ich mühe mich für uns beide um jene Welt. Teil um Teil gehört uns beiden, halb und halb,"