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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 98

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 98 (sequence 50)
Language
German
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Die Eheleute und das Jenseits. Zwei Erzählungen (Aus dem Hebräisdien von B. Messerer.) 1. Halb und Halb Von Ben Elieser Nach dem Morgengebet pflegte der Großvater in der Synagoge noch sitzen zu bleiben und in Talit und Tenllin gehüllt, seinen täglichen Abschnitt zu „lernen". Diese Stunde war ihm heilig. Der Großvater hatte die Gewohnheit, lautlos, innerlich vertieft, zu lernen, und von ferne schien er wie angewachsen an seineu Platz. Die Gespräche an der Ostwand, wo er seinen Platz hatte, erreichten ihn nicht, und die Geräusche hinter dem Almemor störten ihn nicht im geringsten. Das Lernen nahm ihn ganz in Anspruch. Hatte er seinen Tagesabschnitt beendet, so schloß er den Folianten und schaute sich mit verlorenem Blick um, wie aus einer Ferne zurückkehrend. Gelassen legte er Talit und Tefillin zusammen, richtete sich auf und ging mit seinen kleinen Schritten in froher Stimmung aus der Synagoge, wie ein Mensch, der seine Schulden bezahlt und das Bewußtsein hat, audi ferner kreditfähig zu sein. In solchen Stunden war der Großvater milde und nachgiebig gestimmt und sehr zugänglich, obwohl er sonst ein Pedant im Umgang war. Die Thora verlieh ihm ihre Gnade und läuterte sein Gemüt. Er fühlte Mitleid mit der Menschheit, und die ganze Welt schien ihm dann liebenswert zu sein. So betrachtet derjenige die Welt, der sich erhaben über ihr fühlt und den Menschen und ihrem Getümmel fernsteht. Begegnete der Großvater einem in den „Cheder" laufenden Jungen, so hielt er ihn an, kniff ihn liebsam in die Wange, fragte nach seinem Vatersnamen und schenkte ihm dann eine kleine Münze für Nüsse. Zuhause angelangt — die Großmutter war ausgegangen — stopfte er seine Pfeife, setzte sieh ans Fenster, rauchte behaglich, im Bewußtsein sich dieses kleine Vergnügen hienieden nach einem dreistündigen Gottesdienst leisten zu dürfen. Bald darauf hastete eine kleine untersetzte Frau mit runzligem Gesicht ins Haus; einen Blick auf den Dasitzenden werfend eilte sie in die Küche. Das war die Großmutter. Einen Augenblick später stand sie vor dem Großvater und entschuldigte sich ob ihrer Verspätung. „Die reinste Räuberstadt. „Ich hörte, daß Chane, die Witwe, krank sei und ging hin, sie zu besuchen. Ich fand sie entkräftet daliegen: in der Wohnung ist es kalt, die Kinder weinen. Nebenan wohnen ja' Nachbarn, aber fragt nur, ob einer sich um die Kranke kümmert. Da kann einer verschmachten und vergehen, kein Mensch fragt danach. Ich heizte dort den Ofen, fütterte die Kinder, reichte der Kranken eine Erfrischung, und mittlerweile verstrich die Zeit." Der Großvater hört die Entschuldigungen ruhig an, er ist schon daran gewöhnt und weiß, daß seine Frau „Mizwot sammelt." In der Regel schweigt er, wenn ihm die Großmutter über derartige Dinge berichtet auf seinem Gesicht ruht ein leise lächelnder Ausdruck. So .betrachtet wohl ein begüterter Mann, der täglich Hunderte und Tausende verdient, einen bedürftigen Menschen, der seiner Freude über die wenigen von ihm verdienten Grosdien Ausdruck gibt. Aber manchmal wendet er sidi an die Großmutter mit den Worten: „Weldien Nutzen bringen Dir alle von Dir gesammelten Mizwot. wenn dodi alles, alles mir gehört? Inder Gemoroh steht gesdirieben: alles was die Frau erwarb, erwarb ihr Mann — also? Die Großmutter hört zu, und ein leises Lädieln überzieht ihr Gesidit. ..So grausam wirst Du dodi nicht sein, um Dir mein ganzes Vermögen zu nehmen? Nidit wahr? Nidit sdilimm. nidit schlimm, ich werde Didi nodi vor ein Din-Thora rufen lassen, aber einstweilen geh Didi wasdien. das Frühstück ist bereit." Das Haus des Großvaters steht am I'jule des Marktplatzes. Es ist ein steinernes Haus, auf dem die Ehrwürdigkeit des Alters ruht. Gegenüber rechts und links stehen neue Häuser, die nach den Bränden erbaut oder wieder hergeriditel worden sind, nadi moderner Art: nur das Haus des Großvaters änderte sein Aeußeres nidit. Damals, als die Gutsbesitzer noch auf ihren Gütern lebten und der Weg nadi der Großstadt zwei Taue und eine Nacht dauerte, die Wälder ringsherum groß und zahlreidi waren und das gelobte Land Amerika nodi weit, weit am Ende der Welt lag, — in jenen Tagen diente das Haus des Großvaters als Gasthaus und war die Ernährungsquelle für das halbe Städtdien. In jenen Zeiten war die Großmutter von früh bis spät besdiäftigt. Die große Stube an der Marktseite diente als Sdiankzimmer, die hinteren Zimmer waren für die Großkaufleute und Gutsbesitzer bestimmt, die nach der Stadt kamen, um ihre geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen. Den ganzen Tag über wimmelte es im Gasthause von Vermittlern, Maklern, Krämern und Handwerkern aller Art. Es war ein stetes Kommen und Gehen, die Tür drehte sich ununterbrochen in ihren Angeln, und die Augen des Städtdiens waren ständig auf die Bewohner dieses Hauses gerichtet. Der Großvater mischte sich niemals in die Geschäfte. Er saß in einem nur für ihn bestimmten Zimmer, das niemals vergeben wurde; dort lernte er oder hielt auch sein Nadimittagssdiläfdien. Er war der wichtigste Gast im Hause, und die Großmutter kümmerte sich um ihn und behandelte ihn mit größerer Sorgfalt als sämtliche Gutsbesitzer. In dem Städtdien war der Großvater der am meisten beneidete Mensch, denn er besaß ja beide Welten — die gegenwärtige und die zukünftige. Das war einmal. Jetzt aber, da die große Umwandlung in die Welt gekommen war, die Gutsbesitzer nicht mehr sind, die Eisenbahn das Städtchen der Großstadt nahe gebracht hat, die Wälder zum teil abgeholzt wurden, um der Eisenbahn Platz zu madien, Amerika im Städtchen populär geworden ist und viele dorthin auswanderten, — jetzt sank auch dieses Gasthaus in seiner Bedeutung und seinem Ansehen. Die Sdiänke verödete, nur ab und zu, an Markttagen, kehren dort nodi alte Bauern ein, die manchmal nach dem Wohl der Großmutter fragen; sie schütteln die Köpfe und reden von den guten alten Tagen. Sie halten sich noch ein Weildien auf und verlassen dann das Haus. In den hintern Zimmern, wo früher die Gutsbesitzer und Großkaufleute saßen, halten sidi jetzt Wanderprediger oder für wohltätige Zwecke sammelnde Boten auf. Die schlediten Zeiten jedodi begannen für die Großeltern erst zu der Zeit, als die Kinder selbständig wurden und das Elternhaus verließen. Da blieben der Großvater und die Großmutter allein. Ihre Bedürfnisse sind gering, und ihren Lebensunterhalt finden sie heute durdi Vermieten der Wohnungen. Die Großmutter dankt oft ihrem Schöpfer, der wohl weise die Dinge leitet; denn hätten sich die Zeiten nidit geändert, so müßte sie weiter Tag und Nadit im Erwerb stehen und hätte dann gar keine Zeit gehabt, sidi um die künftige Welt, um ihr Seelenheil zu kümmern. Und in diesen letzten Jahren besdiäftigte sich die Großmutter aussddießlich mit „Sammeln von Mizwoth". Sie ist besorgt um jede Gelegenheit, die ihr etwas von der künftigen Welt eintragen kann. Es scheint, als ob sie jetzt das nachholen wollte, was sie in den reidien Jahren verabsäumt zu haben meint. Alles das aber genügt ihr nicht. Sie beneidet den Großvater um sein gottgefälliges Handeln, um sein Thoralernen, von dem er gänzlich erfüllt ist. Aus den heiligen Büchern, die sie liest, weiß sie, daß der Lohn für das Lernen im Jenseits unermeßlich groß ist. und ihr Mann befaßte sich sein Lebenlang mit Lernen. Wie groß muß da der ihn erwartende Lohn sein! Sie hadert manchmal mit Gott, daß Er die ganze Thora nur den Männern gegeben hat. Was würde dem Allmächtigen abgehen, wenn Er einen Teil der Thora auch den Frauen zuteil werden ließe. Und sie kam zum Ergebnis: es ist unverständlich, weshalb der Eine Tausende und Abertausende besitzt, der Andere aber nichts, und genau so unerforsdilidi sind die Wege Gottes, weshalb Er die Männer beglückt und die Frauen benachteiligt. Nach dem Mittagssdiläfdien pflegte der Großvater Tee zu trinken. Er hatte sich zu diesem Behuf sogar eine besondere Tracht zugelegt, die er täglidi zum Teetrinken anzog. Wenn er aus dem Schlafzimmer kommt, findet er den Samowar bereits brodelnd und zischend auf dem Tische, Gläser und Tassen dazu. Er geht zum Schrank, holt sich ein Buch heraus und legt es vor sich auf den Tisch. Unterdessen schenkt man ihm das erste Glas ein, und er öffnet das Buch. Die Großmutter sitzt auch am Tisch, in gemessener Entfernung, sie hält einen Strickstrumpf in den Händen, und ihre Lippen bewegen sich. Ab und zu blickt sie mit Ehrfurcht nach dem Großvater hin. An seinen Gesichtsbewegungen erkennt sie die Art des Buches, in das er schaut. Runzelt er die Stirn und bewegt er den Kopf langsam hin und her. während seine Redite den Barl streichelt, dann ist es eine Gemara: bleibt aber das Gesicht ruhig, während die Augen allein hin und her gehen, wobei abgebrochene Silben ertönen, wie — wieso denn — wie? — dann ist das Budi ein Sdiulchan-Arudi. Blickt aber der Großvater nidit allzu ernst, dann ist es irgend ein Aufsatz eines der vielen Rabbinen. Die durch das Städtchen reisenden Rabbiner, gewöhnlich Verfasser besagter Aufsätze, kehrten beim Großvater ein und wurden an den Sabbattagen gespeist. Es entspann sich manchmal ein heftiger Streit, wobei die Augen blitzten und die Stimmen laut und lauter wurden; ein Uneingeweihter konnte vermuten, daß sidi hier Menschen zankten. Die Großmutter aber war daran gewöhnt und wußte, daß der Streit ein Thora-Disput war. Das Wort „Thora" erweckt in ihr die zartesten Gefühle, ein besonderer Zauber ist für sie in diesem Namen enthalten. Die Einbildungskraft der Großmutter stellt sich die Thora als etwas Hocherhabenes vor, als ein Heiligtum voll unermeßlicher Pracht und Herrlichkeit. Sie liest viele hei-

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