Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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59 Judentum und Weltfriede. i. Jüdische Friedensarbeit. Von J. Raphael. Lange genug hat man in jüdischen, positiv religiös eingestellten Kreisen gezögert, ehe man sich in aller wünschenswerten Deutlichkeit und Klarheit zur entschiedenen Arbeit für den Frieden, für die Völkerverständigung, für Abrüstung und für Ethik im Leben der Staatengebilde untereinander bekannte. Als vor einigen Monaten sich in Berlin der Jüdische Friedensbund bildete, durfte die Hoffnung leise aufkommen: es sei endlich eine Umstellung der Gesinnung und des Willens auch bei uns Juden erfolgt. Gewiß ist es überflüssig zu betonen, daß das Judentum eigentlich gar keines besonderen Bundes bedarf, um seine Aufgabe im Leben der Völker, im Getriebe der Politik und Wirtschaft irgendwie zu dokumentieren. Und dennoch ist diese Gemeinschaft jüdischer Friedenskämpfer eine zeitbedingte Notwendigkeit, — erstens schon aus dem Grunde, weil ja unseren jüdischen Menschen der Sinn von der hohen Mission des Judentums überhaupt längst verschüttet worden ist, und weil die sogenannten Realitäten des Daseins zumeist jede ethische Regung beiseite drängen, — dann aber auch, um mit aller Entschiedenheit zu beweisen, daß man den Kampf um den Völkerfrieden, der zu den heiligsten Geboten religiöser Menschen gehört, nicht allein den Organisationen überlassen darf, die mehr oder weniger negativ in religiöser Hinsicht dastehen, die aber bisher — das muß ohne weiteres zugestanden, werden — in ihrem schweren Ringen um eine gerechte, sittliche, friedliche Weltordnung einen wahrhaft religiösen Kampf geführt haben. Denn wer für den Frieden streitet, der ist ein Streiter Gottes. Nun aber findet sich auch — spät, doch nicht £ u spät — -die offizielle jüdische Religion ein, um in die Front der Kriegsgegner einzutreten. In erster Linie muß diese jüdische Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes eine erzieherische sein. Nicht etwa. Erziehung durch bloßes Dozieren und Predigen. Es gibt nur ein Mittel, das imstande ist, wenigstens einigermaßen erzieherisch zuwirken: das ist die vorgelebte Tat, das Beispiel, — besonders das Beispiel, und Vorbild des berufenen Führers! Gerade die junge Generation, die allem Religiösen mit einer gewissen Ueberlegenheit entfremdet ist, darf nicht mehr in den verwirrenden Zwiespalt von Lehre und Leben hineingezerrt werden, sie muß es erleben, daß das Judentum eine kompromißlose Macht darstellt, an der alle Widerwärtigkeiten und Sinnlosigkeiten eines ungerechten Zeitalters zerschellen, daß dieses Judentum die Nachfolgeschaft der Märtyrer anzutreten gewillt ist, und daß es nicht ein politischer Apparat im banalen Sinne einer Partei, einer Weltanschauung sein will. Das Judentum muß aus den wundervollen Mauern der Synagogen heraustreten und in die Zeit rufen, muß endlich ein Wort der Entscheidung finden. Das Judentum muß aiich wissen, daß es trotz Völkerbund und Kelloggpakt eine Rüstungsindustrie, eine Fabrikation von Gift und Gas gibt, die .im gegebenen Moment wieder mit Hilfe lausender Zeitungen und der irregeführten öffentlichen Meinung einen Krieg organisieren kann. Zu all diesen brennenden Fragen hat das Judentum eine Antwort zu geben, wenn es nicht völlig eine Angelegenheit der Indifferenz werden will, und wenn es auf seine Aufgabe nicht ganz verzichtet hat. Der Jüdische Friedensbund ist mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit getreten. Menschen' aller Religionen warten auf uns, auf unsere Begeisterung und Hingabe, auf unseren unbedingten^ Willen zum offenen Kampf gegen einen furchtbaren Ungeist, und — wenn es sein muß — auf unseren Willen zum Leiden um den Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, der doch der Geist Gottes ist. Die Welt, die Menschheit braucht das Judentum. Möge die große Pflicht, die unser harrt, und der wir uns nicht entziehen dürfen, nicht ein armseliges, kleines Judentum vorfinden! IL. Die jüdische Jugend für den Weltfrieden. Von Rabbiner Dr. Max Katten (Görlitz). (Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands.) Nach dem „W e 11 k r i e g" der „W eltfried e". Erscheint das nicht wie Müdigkeit, Erschlaffung, Ruhebedürfuis nach unsäglicher Anspannung, entnervendem Kräfteverschleiß? Folgt wirklich die Jugend dem Druck der Ermattung, wird ihrem eigentlichen Wesen, welches Anspannung und Leistung fordert, untreu? So wird manch einer fragen, und er würde vielleicht mit Recht so fragen, wenn es eben nur eine Sehnsucht wäre oder eine Schwärmerei, die sich selbst genugtuen, die von ihnen entwickelten Kräfte mit dem Wünschen verschlucken und auf die zielende Anstrengung verzichten möchte. Die heutige Jugend nimmt sich ernst. Sie nimmt die anderen ernst und nimmt sich selbst ernst. Sie hat aufgehört, die anderen zu belächeln, die Spießer, die Philister, wozu die gern in Scherz sich flüchtende Abwehr innerlich Fremden und Ungemäßen sie früher verleitete. Sie hat es aufgegeben, aus sich eine dichterische Apotheose zu machen und dem, worin sie sich für besser gestellt hielt als die übrigen Lebensalter, der Enthebung von Pflicht und Bindung, einen Kultus der Freude zu errichten. Indem die Jugend sich wieder ernst nimmt, das Streben der anderen mit Ernst verfolgt, schafft sie sich ein Recht auf Mitarbeit au der Lösung der großen Welt- und Lebensfragen, darf sie es wagen, ein Werk zu unternehmen. Nur wer sich ernst nimmt, hat die Freude der Arbeit und die Hoffnung des Zieles. Die jüdische Jugend setzt sich für den Weltfrieden ein. Sie will den Frieden als den Sinn der Welt. Sie will ihn als Werk, nicht als einen Traum. Jede Jugend ist der Anfang einer neuen Menschheit. Man wird es ihr nachsehen, wenn sie als eine neue Menschheit nicht nur sich mit Begier nach dem Neuen hinwendet, sondern auch das Alte von einer neuen Seile anzupacken wünscht. Das Friedens ideal ist ein altes, urewiges, aber in der bestimmten Form des Weltfriedens doch jugend- 1 ich frisch. Dem idealen Moment der Herzenspflicht, der persönlichen vom religiösen Denken eingefüllten und »eführten Neigung wird ein praktisches Moment hinzugefügt und ihm als Ziel vorgehalten. Daß nunmehr das praktische Ziel mit unsagbarer Gewalt den durch den Lehreifer der Religionen in die rechte Bahn gesetzten Societätswillen an sich zieht, das ist das Neue. Wo bislang der Friedensgedanke, über einen bloß individuell gestellten Erziehungswunsch der Religionen hinaus, praktisch wirksam wurde, waren zwei Wege der Verwirklichung erkennbar. Deir erste, der mittelbare, ging über die Gewalt. Aus der Vorstellung, daß Hadersucht und Machtbegier vom Anfang her die Menschheit in ewige Händel stürzte, gelangte man zu der Anschauung, daß eine Macht bestehen müsse, die, stärker als die sich bekämpfenden Mächte, den Frieden zu erzwingen imstande sei. Der Friede war ein Erfolg der Gewalt, deren spürbare Anwendung oder vorausgefühlte Schmerzhaftigkeit die streitenden Parteien veranlaßte, von ihren Händeln abzustehen. Aber welche Tücken und Zweideutigkeiten barg diese Theorie in sich in ihrer Verbindung von Frieden und Gewalt? Zweierlei sollte der Dritte, dem die Straf- und Schiichtungsgewalt zustand: Gewalt ausüben und den Frieden mittein. Beides, wohl in der Theorie als eines gedacht, konnte praktisch als zweierlei genommen werden. So groß und edel es war, wenn eine J GrÖSSteS Specialhaus SÜSSES Süddeuhchlands für TEPPICHE GARDINEN MOD. EMNENDECORATION Neue Kräme 28-30 Besichtigen Sie meine riesigen Schau-Passagen (20 Fenster), sie zeigen Ihnen mehr wie jede Preis-Annonce. ■Bsnwraaram?: