Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 starke Persönlichkeit ihre Machtfülle zum Vor wand-nahm, um den Frieden zu erwirken, so niedrig und verwerflich war es, wenn einer den Zweck des Friedens vorschützte, um Gewalt auszuüben. Wer sagt es, wie oft ein geltungssüchtiger Einzelner, wie oft ein emporstrebendes Volk die Friedensabsicht bloß zum Vorwand , nahm, einer Menschheitsgruppe seinen Willen aufzuerlegen oder ein durch inneren Hader geschwächtes Nachbarland zu besetzen, statt Frieden zu stiften, zu unterjochen und auszunutzen? Ist das der rechte Weg des Friedens? Der zweite Weg ist der des Nachgebens und der Demut. Mag immerhin ein Bösgesinnter den Frieden stören, es wird ihm nicht gelingen, die Friedfertigkeit des anderen zu erschüttern und den Kampf herbeizuführen. Den er schwächen, beleidigen und strafen will, räumt ihm von vornherein all das ein, was jener gegen seinen Willen herbeizuführen beabsichtigte. Er erlaubt es ihm, ja er bittet ihn darum. So stellt der Friedliebende die Fiktion her, als ob er der Herr und sein Gegner nur der Vollstrecker dessen sei, was er selbst gewünscht hatte. Da aber gerade dieser Gedanke dem Friedensbrecher sehr zuwider ist, so wird er von der Feindseligkeit ablassen, und der Frieden ist gerettet. Der dritte Weg ist der Weg der Einsicht. Er hat zum Haupterfordernis die Betrachtung und den Einblick in die Organisation der politischen Menschheit. Dem Gewaltfrieden, dem Demutfrieden steht der Organisationsfriede gegenüber. Ein jeder sucht einen jeden zu verstehen, sucht durch die große Gabe der SelbstverWandlung sich in die Lage des anderen zu versetzen und von innen her dessen Wünsche und Notwendigkeiten zu begreifen. Er wird erkennen, daß die Nachbarn ebensolche Rechte besitzen wie er selber und nach der Anerkennung der ihn begrenzenden Lebensrechte und Bedürfnisse der anderen wird er das Recht der eigenen Ansprüche einsichtsvoll prüfen. Der Zwang zum proportionalen Denken wird ihn stets empfinden lassen, daß er ein Glied ist in der Organisation des Weltmenschentums und im Verhältnis des Teiles zum Ganzen seine eigenen realen Ansprüche zu bestimmen hat. Diese denkende Fähigkeit vergleichender Wirklichkeitsbetrachtung führt ganz von selbst zur Gerechtigkeit. Würde jedes Volk nach diesen Grundsätzen das Recht zur Ausdehnung und die Pflicht zur Selbstbeschränkung bemessen, so wäre der Friede durch nichts gefährdet. Es ist weder angebracht noch notwendig, alle die Maßnahmen und Einrichtungen hier zur Sprache zu bringen, die die Völker getroffen oder ins Auge gefaßt haben, um solche Grupuen, die sich dadurch, daß sie Konflikte mit dem Nachbar heraufbeschwören und zu ihrer Austragung sich des Schwertes bedienen, dem Anschluß an die Weltsocietät der politischen Menschheit sich widersetzen, auf friedlichem Wege wieder in die Völkergemeinschaft einzubeziehen. Es bedarf nur des entschiedenen Willens, die Wirksamkeit dieser Institutionen durch Schaffung eines weltpolitischen Anstandes, eines inneren Moralinstinktes der Völker in ihren ^gegenseitigen Beziehungen zu unterstützen und zu erweitern. Dieser hätte sich vor allem zu bewähren in der Behandlung solcher Völker, die für die Einsicht in das rechtliche Organisationsverhältuis der Menschengesamtheit nodi nicht reif sind, und darum leicht zu einer dienenden Rolle verurteilt werden. In solchem Falle sollte der Anstand gebieten, daß ein sittlich bewährtes Volk sich ihm als Vormund anbiete, damit sie in ihren Rechten geschützt und nicht von stärkeren und rücksichtslosen Völkern unterjocht und ausgenutzt werden. Dieser müßte ferner seinen Schützling über die ihm zuerkannten. Rechte belehren, um ihn allmählich in den Stand zu setzen, sich selbst in dem menschheitlichen Organisationsgefüge mit Würde zu vertreten. Die rechtlichen Beziehungen der Völker müssen dahin erweitert werden, daß es sich die Größeren zur Ehre rechnen, die Kleinen zu betreuen, zu belehren und ihnen auf jede Art behiflich zu sein. Die Bauleute des Weltfriedens sind nicht allein die leitenden Staatsmänner. Als eine Sache der Einsicht und Gesinnung ist er eine Angelegenheit jedes einzelnen. Man darf ihn nicht als eine Kunstschöpfung diarakterisieren, für die ausschließlich die Berufenen sich einzusetzen haben. Sondern der Gedanke der friedlichen Verständigung der Nationen ist ein sehr natürlicher, der sich bei reifender Einsicht in die Zusammenhänge des Völkerlebens von selber einstellt. Der Streitsüchtige ist noch mehr als ein Mensch schlechter Gesinnung ein Mensch mit engem Horizont. Es ist eine Tatsache, daß meist Kriege zwischen solchen Ländern entbrennen, deren Grenzen aneinanderstoßen. Selbstverständlich; Denn in diesem Falle sind die Reibungen am stärksten. Aber heute sind fast alle Völker zu Nachbarn geworden, weil die Welt klein wurde, weil heute ein aufmerkender Geist all das, was an Wichtigem und Wesentlichem zu derselben Zeit sich in der Welt abspielt, in ein Vorstellungsbild hineinstellen kann, und dann weil die Interessen der Nationen nicht mitden politischen Grenzen zu Ende sind. Die.jüdische Jugend bekennt sich freudig und einmütig zur Idee des Weltfriedens. Es soll damit gesagt sein, daß sie aus tieferen Einsichten schöpft als mancher Aeltere von uns, daß sie nahe ist der Gestaltenfülle der Gegenwart, die gleichzeitiges Weltgeschehen an den Schauplätzen unseres Planeten in eine Bildfläche zusammenrückt, die ehedem Getrenntes heute in feindliche Nachbarschaft bringt. Sie will durch die Geschlossenheit ihres Bekennens zum Ausdruck bringen, daß der Gedanke des Weltfriedens, von diesen Tatsachen begünstigt, aus dem Denken natürlich nervo rfließt und bei allgemeiner Faßbarkeit nichts Fremdartiges und- Gekünsteltes besitzt. - Die jüdische Jugend stimmt dem Gedanken des Weltfriedens umso freudiger zu, als er im Zentrum der sittlichen und profetischen Verkündigung der jüdischen Religion steht und ihr als Ziel der Geschichte und Sinn aller Völkerbe-r Ziehungen gilt. Die Messiaszeit des Judentums bedeutet nicht Versöhnung eines zürnenden Gottes und einer gefallenen Menschheit, den Friedensschluß zw's-iien Höhe und Tiefe, f-endern die Einigung höchst realer AI sichte durch die Kraft der Erkenntnis. Im täglichen Achtzehngebet steht vornean die. Bitte um Einsicht und Verständigkeit, am Schluß die Bitte um Frieden,. gleich als ob die Zunahme persönlichen Geistesbesitzes und die Vollendung der gesellschaftr liehen Weltbeschaffenheit Anfang und Endfolge in einer gewaltigen kausalen Kette wären. Der Weltfrieden ist keine Utopie. Er beruht auf der umfassenden Blickweite un$ klugen Willensbereitschaft des einzelnen. ' -. m. Weltfriedenskongreß der Religionen. Bericht des JJüdischen Frieden'sbundes. An der zweiten Vorkonferenz des von der „Chürch Peaee Union" vorbereiteten Weltfriedenskongresses der Religionen waren die jüdischen Kreise verschiedener Länder erheblich stärker beteiligt, als an der vorangehenden (Genf, September 1928). Der inzwischen gegründete „Jüdische Frieden sb und", an dessen Spitze Oscar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, steht, hatte, der Einladung des Exekutiv-Komiteesentsprechend, den Vorsitzenden seines Arbeitsausschusses, Dr. Alfred Nossig, zu. der Tagung entsandt. Die Begrüßungsansprache an die Konferenz hielt ini Namen des Jüdischen Friedensbundes und der Frankfurter Gemeinde, Rabbiner Dr. Seligmann. Die Jüdische Gemeinschaft — führte er aus — hat als erste die Friedensidee verkündet, jedoch erst als letzte eine Organisation .für die Friedensarbeit geschaffen. Der Grund hiervon lag darin, daß für die Bekenner des jüdischen Glaubens die Friedensliebe etwas Selbstverständliches war. Die jüdische Auffassung der Friedensidee spiegelt sich in nachstehender Er- JUWELEN GOLO SILBER |503Jp CWUät KAI SERSTRASSE 13 NAHE DEM FRANKFURTER HOF