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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 57

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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turgischen Dichtern gegeben, die mit ihren Pijutim wahre Kunstwerke geschaffen haben. Die Verfasser der Pijutim werden Pajtanim (Einzahl: Pajtan) genannt. Selten hat sich das Werk "von seinem Schöpfer, selten die Dichtung von ihrem Dichter dermaßen losgelöst, wie der Pijut von dem Pajtan. Die Werke der religiösen Dichter sind unter den Juden unsterblich geworden, der Klang dieser Dichtungen ist heute noch an Fest- und Feiertagen in vielen Synagogen und Bethäusern lebendig; aber die Dichter selbst deckt zumeist der Schleier der Vergessenheit. Sie gleichen hierin den Volkssängern, deren Lieder lebendig durch die Jahrhunderte wandern, deren Namen aber mit ihrem Tode erlischt. Es nützte den Pajtanim nichts, daß sie in ihren poetischen Gebetstücken durch Akrostichen und allerhand künstliche Versformen ihre Namen einfügten; Andacht und Pietät begnügten sich mit dem Hersagen der mit schwerfälligem Rhythmus und merkwürdigem Klangreim ausgestatteten Dichtungen, ohne sich um die angefügten Namenszeichen zu kümmern.. So lebt der Gesang der religiösen Dichter im Munde des Volkes, ihr Name aber ruht still und verschwiegen in jenen Werken, die nur dem Literarhistoriker bekannt sind. Und doch, welche bedeutende Männer waren unter den Pajtanim! Der älteste der Pajtanim ist Jose ben Jose mit dem Beinamen „Hajatom", die Waise; er lebte im siebenten Jahrhundert in Palästina. Der bedeutendste und bekannteste aber ist Eleasar ha-Ka 1 ir. Bei Kalir bedient sich die Geschichte der Sage, um über sein Leben, sein Geburtsjahr und seine Heimat einigen Aufschluß zu geben. Einige Gelehrte sind der Ansicht, er sei ein bedeutender Rabbi oder gar ein Mischnalehrer gewesen, andere dagegen meinen, er habe als Vorbeter in einer Synagoge gewirkt. Sein Geburtsort wurde vielfach in Palästina gesucht, weil der Name Kalir angeblich auf einen Ort in Palästina hindeuten soll. Der Dichter selbst nennt seinen Geburtsort Kirjath Sepher, worunter manche Tiberias verstanden wissen wollen. Nach der Feststellung einiger Literarhistoriker soll er in einer Stadt des südlichen Italien, Cagliari oder Bari, im 9. Jahrhundert gelebt haben. Zunz gibt Sardinien als Geburtsort Kalirs an. Den Namen Kalir umgibt ein schöner Sagenkranz, der den Ausdruck bildet für die Verehrung, die die Nachwelt diesem gotterfüllten Dichter entgegengebracht hat. Mehr als zweihundert Gebetstücke hat Kalir gedichtet; die herrlichsten darunter sind die Gebete für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag. Eleasar ha- Kalir, der sich in seinen Dichtungen der heiligen Sage bediente, ist selbst eine Art von heiliger Sage geworden. Sagenumwoben wie seine Geburt und sein ganzes Leben ist auch sein Tod. Die Sage erzählt ,daß sein Lehrer Jannai, der ihm seinen Dichterruhm neidete, in seinen Schuh eine giftige Eidechse leerte, die ihm den Tod brachte. Das soll das Ende dieses Dichters gewesen sein, von dem es hieß, er sei in den Himmel gestiegen und habe den Engeln den alphabetischen Pijut abgelauscht. Man unterscheidet in der liturgischen Poesie zwei Richtungen : die idealistisch-individuelle und die religiös-nationale. Die hervorragendsten Vertreter der idealistisch-individuellen Richtung sind die Dichter der spanischen Schule: Samuel Hanaeid, Isaak Gikatilia, Salomo Gabirol, Isaak Gaiat. Jehuda Balam, Bechai. Abub ben Meir, Josef ben Jakob ibn Sähl, Josef ben Zaddik, Mose ben Esra, Je- . huda Halevi, Abraham ibn Esra, Salomo ben Jehuda Gaiat, Chia Daudi, David ben Elieser Pakuda u. a. m. Als Verü*etev der religiös-nationalen Richtung sind die Paitanim aus Italien, Frankreich, aus Deutschland, vornehmlich der Rheinffegend, und den slawischen Ländern zu nennen: Salomo ben Jehuda, Amitai, Schefatfa. Benjamin hen Serach, Meschulam ben Kolonymus. Sabbatai ben Moses. Gerschom ben Tehuda (genannt „Rabfeenu Gerschon" aus Mainz), Josef Tob Elem ben Samuel, Meir ben Isaak aus Orleans, Jakob Meir Tarn, Josef Bechor Schor, Meir ben Samuel (Raschham), Menachim ben Machir aus Regensburg, Moses und Chananel, Söhne des Kalonymos aus Mainz, Isaak Halevi in Worms, Jehuda ben Samuel au«: Speyer (genannt Tehuda Hachassid). Pekutiel ben Moses. Elieser Halevi ben ' Isaak und Benjamin ben Chi ja. Dazu gibt es noch Tausende von Pijutim, deren Verfasser wir nicht kennen, und viele Hunderte von Pajtanim, von* denen nur die Namen, aber keine ihrer Dichtungen bekannt sind. Im ganzen zählt die Geschichte des Pirat im Laufe eines Jahrtausend ungefähr 1500 Pajtanim. Erwähnt sei, daß auch Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi) und Mose ben Maimon (Maimonides) mit je einem Pirat in der liturgischen Poesie vertreten sind, und daß die Hymne Nischmat kal diaj und die Schilderung des Onferdienstes „Ethen tehilla" dem Apostel Petrus zugeschrieben werden — was wohl auf eine Namensverwechselung zurückzuführen sein dürfte. Bilder zum Sukkot-Machsor Von Rahel Wischnitzer-Bernstein. Während in den bildlichen Darstellungen des P e s - sachfestes das Sedermahl im Mittelpunkt steht, und die Haggaden von alters her dieses Mahl in vielfachen Variationen illustrieren, ließe sich denken, daß auch die Feier in der Laubhütte den Mittelpunkt der Darstellungen des Sukkotfestes bilden würde. Die Familie in der Laubhütte! was für ein passendes Gegenstück zu der Familie am Sedertisch. Jedoch finden wir in den illustrierten Machsorim des Mittelalters, soweit uns das Material bekannt ist, keine Darstellungen von Familienfeiern in der Laubhütte, wie sie in Nachahmung des Pessachmahles so leicht aufgebaut werden könnten. Erst in einem Gebetbuch aus dem J. 1700, einer Handschrift aus Korfu (jetzt im Jewish Tnedlogical Seminary in New York, Sammlung Elkan Adler) sehen wir das Bild einer Laube aus Baumstämmen, die oben mit Aesten quer verbunden sind, und darin vier Männer vor einer gedeckten Tafel. Die Schüsseln auf dem Tisch sind mit Früchten, scheinbar mit Aepfeln gefüllt der Erdboden ist mit Gräsern und Blättern zierlich im Geschmacke der Zeit bespickt, — ein entzückendes Bild der Ernte im Barockstil. Dieser Miniatur wären zwei Holzschnitte von einer doppelseitig bedruckten Simchat-Tora-Fahne aus Polen, wohl aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, an die Seite zu setzen, zwei Simchat-Toraszenen, die eine den Festzug mit den Torarollen um die Bima, die andere die weinselige Stimmung tanzender Chassidin schildernd. In den beiden Darstellungen der Neuzeit, der Miniatur und dem Holzschnitte, ist die Absicht unverkennbar, das Laubhüttenfest wahrheitsgetreu in Sittengemälden festzuhalten. Demgegenüber erscheinen die Sukkotillustrationen auf mittelalterlichen Denkmälern, wie die im Machsor der Leipziger Universitätsbibliothek des 14. Jahrhunderts aschkenasischer Herkunft, als flüchtige Randzeichnungen, deren Zweck es lediglich ist, dem Leser kurz die Symbole des Festes ins Gedächtnis zu rufen. In den neueren Illustrationen zum Laub-Hüttenfest handelt es sich um bildhafte, anschauliche Darstellungen, in den mittelalterlichen um kaum mehr als Randglossen, mnemotechnische Fingerzeige gleichsam. Der jüdische Miniator des Mittelalters war sich der alles überragenden Bedeutung des Wortes voll bewußt, dem das Bild den Rang nicht ablaufen durfte. Die hebräische Illustration hält sich behutsam an den Lit *ralsinn des Textes noch im hohen Mittelalter, als in den christlichen Büchern die sogenannte Wortillu str-ation schon längst überholt war, und sie ist in der Hauptsache immer noch Randillustration. Wo die Traditionen weniger zäh waren, wie in Spanien, wagten sich die jüdischen Iflu-

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