Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094350--2027-3096765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

jähr und Versöhnungsfest angefertigt, wobei als Dochte Fäden verwendet wurden, die man dreimal um die Umfassung des Friedhofes, oder auch um einzelne Gräber besonders geliebter Personen gezogen hatte. Um diese Zeit wurden ja, wie erwähnt, die Gräber besucht (diese Zeremonie hieß „Feldmessen"). Ueber dem Boden der Synagoge waren Teppiche oder Matten, in primitiven Verhältnissen Heu, gebreitet. Es gehörte nämlich zu den für diesen Tag vorgeschriebenen Entbehrungen, daß man kein Schuhwerk tragen durfte. Manche Fromme verbrachten die ganzen 24 Stunden stehend. Kol N i d r e. Der jetzt folgende Abend-Gottesdienst wird nach dem Anfangswort des einleitenden Gesanges benannt. Eine eigenartige, ganz unvergeßliche und oft geschilderte Poesie umwebt diesen Abend. In früheren Zeiten pflegten die großen Synagogen die ganzen 24 Stunden des Jom-Kippur nicht geschlossen zu werden. Nach Kol Nidre blieben viele die ganze Nacht in der Synagoge, man sang die sieben Gesänge des Schir ha Jichud (12. Jahrh.) versweise, indem bei jedem der sieben Gesänge ein anderer als Vorsänger fungierte. Dann ging es an die Psalmen, die einige Male hintereinander vorgetragen wurden. Mancher „lernte" aus dem Sohar, bis der Morgen graute. So früh als möglich gings an das M o r g e n g e b e t. Für die hohen Feiertage haben die einleitenden Kapitel besonders feierliche Melodien. Sonst sind die meisten Hymnen und Pijutims dem Versöhnungstag und dem Neujahrsfest gemeinsam, mit dem Unterschied jedoch, daß Sünde und Buße nur am ersteren behandelt werden, während am letzteren hauptsächlich vom Reiche Gottes und seinem ewigen Königtum die Rede ist. Das besondere des Jom-Kippur äußert sich darin, daß man, wie schon zu Philos Zeiten, meist den ganzen Tag im Gebete verharrte. Von Rabbi Akiba (ebenso aus der amoräisdien Zeit) wird berichtet, daß er Pausen einführte, um den Leuten Gelegenheit zu geben, sich in der frischen Luft zu ergehen oder sogar daheim ein wenig auszuruhen. (Die allgemein verbreitete Meinung, daß der Jom- Kippur ehemals in Palästina als Volksfest mit Tanz begangen wurde, beruht wohl auf einem Mißverständnis oder einer falschen Lesart des Talmud Taanit 26b). Die Liturgien dieses Tages waren sicher schon in ältesten Zeiten besonders lang. Die Pajtanim des Mittelalters haben für diesen Tag (und für das Neujahrsfest) die kunstvollsten, schwierigsten und längsten Dichtungen in reicher Fülle geschaffen. Pijut. Von S. Meiseis. . Unter den in die Gebetordnung für die Fest- und Feiertage, insbesondere für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag aufgenommenen Gebetstücken, die zur Belebung und Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes beitragen sollen, nehmen die religiösen Dichtungen, „P i j u - tim' genannt, eine hervorragende Stelle ein. In der hebräischen Poesie, die jahrhundertelang fast ausschließlich religiöse Poesie war, bilden die Pijutim eine ganz eigenartige Kunstdichtung. Wann die ersten Pijutim entstanden sind, kann man mit Gewißheit nicht angeben. Eine Stelle im Midrasch Wajikra läßt vermuten, daß schon im 7. Jahrhundert einige liturgische Dichtungen an die Gebetordnung angeschlossen worden seien. Leopold Zunz, der über diesen Gegenstand das Trefflichste geschrieben hat, weist nach, daß mehrere dieser religiösen Dichtungen nicht von Anfang an für die öffentlichen Gottesdienste bestimmt waren. Die Sentenzen und Gebete einzelner verehrter Männer wurden vielmehr durch deren Schüler verbreitet und im Laufe der Zeit eingeführt. Das Wort „Pijut" (Mehrzahl: Pijutim, aus dem griechischen „poiesis", Dichtkunst, gebildet) ist die hebräische Bezeichnung für liturgische Poesie, das heißt, für die nadi einem bestimmten Versmaß abgefaßten und gereimten Gebetstücke. Die liturgisdie Poesie zerfällt in verschiedene Arten und Gattungen, von denen jede einzelne entweder nach ihrer Versform oder nadi ihrem Inhalt oder nach iher Einschaltung in die alten, bereits in talmudischer Zeit formulierten Gebete die Benennung erhält. Man unterscheidet drei Hauptarten: die eigentlidien Pijutim, poetische Gebete für das Neujahrs- und Versöhnungsfest, die Selichot, die für die Bußtage bestimmten Gebete um Sündenvergebung, und Jozerot, Sdiöpferhymnen, poetische Gebete für die drei Erntefeste (diese Hymnen werden „Jozerot" genannt, weil sie an die Benediktion „jozer or" anschließen). Von den einzelnen Gattungen der Pijutim heißen: die Eröffnungsstücke Petieha, Eröffnung, oder Reschut, Erlaubnis; die Wedisellieder, deren Vers und Refrain abwechselnd vom Vorbeter und der Gemeinde vorgetragen wird, Pismon, Rezitation, und die von der Opferung Isaaks handelnden Selichot, Akeda, Opferung. Zu den bekanntesten Pijutim zählen die A b o - da, Opferdienst, liturgisdie Stücke, die den feierlidien Tempeldienst am Versöhnungstage schildern, und die Hosdianot, Hilferufe, das sind Gebete, in denen die Hilfe Gottes mit dem oft wiederkehrenden Refrain „Hosdia-na!" (Hilf dodi!) angerufen wird. Von andern poer tischen Gebetstücken wären zu nennen: Techina, Andacht, Bekascha, Bitte, Tochaclia, Mahnung zur Buße, W i d u j , Sündenbekenntnis, und Sil uk, Sdilußgebet. Unter den Jozerot haben die bekanntesten Stücke folgende Benennungen: Keduscha und Ofan, Heiligung und Lobpreisung Gottes, Meora, Erleuditungsgebet, A h a b a, Liebesgebet (wird gewöhnlich vor das Schema eingesdioben), und Geula, Gebet um Erlösung. Zu der volkstümlidisten Gattung religiöser Dichtung gehören die Schir im, Lieder, von denen insbesondere das Schir h a - k a b h o d, das Lied von der Herrlichkeit Gottes, am Sabbat zum Schluß des Morgengottesdienstes vorgetragen wird, und die Semirot, Gesänge, das sind die Freitagabend- und Sabbatlieder, die zu Tisdigesängen in frommen Judenhäusern geworden sind. Die liturgische Poesie besitzt außerdem für jedes Fest ein Spezialstück, so für Pessadi T e f i 11 a t Tal, das Gebet um Tau, für das Laubhüttenfest Tefillat Geschem, das Gebet um Regen, für das Wochenfest die Asharot, eine poetisdie Aufzählung der Gesetze, für das Neujahrsfest die Tekiot, poetisdie Betraditung über das Sdiofarblasen, und für den Versöhnungstag' die bereits erwähnte Aboda, eine poetisdie Schilderung des Opferdienstes im Tempel zu Jerusalem. Eine eigene Gattung stellen die Kin not dar, die für den 9. Ab und andere an die Zerstörung Jerusalems erinnernde Trauertage bestimmt sind, Die Kiunot sind die klassisdien Dichtungen der liturgischen Poesie. Sie umfassen außer den sogenannten „Zioniden" audi Märtyrer-Gedidite und Klagelieder, einen Kranz wehmutsvoller Poesien, die den''Tod der zehn Märtyrer, die Leiden im Exil, die Sdiauertage der Kreuzzüge und ähnlidie traurige Begebenheiten in der jüdisdien Gesdiidite ins Gedäditnis rufen. Die mit dem Sammelnamen Pijutim bezeichneten Synagogengebete, Klagelieder und Lobgesänge sind ungemein zahlreich; ein Pijutforsdier sdiätzt sie auf ungefähr 15 000. Es verstellt sidi, daß nur ein geringer Teil davon in die Gebetordnung aufgenommen wurde. Die Entstehungszeit der Pijutim erstreckt sich vom Ende des siebenten bis zur Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Der Pijut in allen seinen Gattungen ist teils in eigenen, teils in den der syrischen und arabisdien religiösen Poesie entlehnten Kunstformen abgefaßt. Die älteste Kunstform in der liturgisdien Poesie ist die alphabetische Salzfolge; sie wird auf dreierlei Art angewandt: die gewöhnlidie Reihenfolge (Aleph, Beth, Gimel, Daleth), die umgekehrte (Taw, Sdiin, Resch, Kaph), und die gemisdite (Aleph, Taw, Beth, Sdiin). Das Versmaß des Pijut, das nach der Ansidit Steinschneiders siebzehn Arten aufweist, beobachtet in der Regel die lange Vokalsilbe, Tenua, die kurze Schewasilbe, und die Vokal- und Sdiewasilbe, Jethed. Gewöhnlidi besteht der Vers aus zwei Längen mit vorausgehendem oder nadifolgendem Jethed. Es gibt auch zwei- und tlreizeilige Strophen, die den besondern Namen „Schema" und „Schelisdiia" führen. Häufig ist der Refrainvers' mit abschließender Bibelstelle. Der Reim, den Jannai (ca. 700 n idi der biblisdien Zeitrechnung) in die liturgisdie Poesie einführte, isi meistenteils stumpf, einsilbig, wobei der vokalisdie Gleidiklang nidit selten iedit unvollkommen ist. Sehr häufig wird der sogenannte identische Reim angewendet, so oaß jede Verszeile dasselbe Wort beschließt. Vitie Pijutim, insbesondere Kinnot, sind einreimig. Ausgedehnt und weitschiditig ist das Gebiet der synagogalen Dichtung. Stoffe aus der Haggada, dem Midrasdi, der Kabbala, dazu nodi Sagen und Ueberliefertmgen, gesdiiditlidie Erinnerungen und philosophisdie Betrachtungen, ja sogar Teile aus der Halacha wurden in den Pijutim poetisch verarbeitet. Dabei wird das meiste mehr allegorisch angedeutet als episch geschildert. So enthält mandier Vers eine Anspielung auf irgendeine heilige Legende, manches Wort die Andeutung auf eine biblische Erzählung und mandies substantivierte Adjektivum die verherrlichende Bezeichnung irgendeines biblischen Heros. Es gehört neben der Kenntnis der Bibel eine innige Vertrautheit mit der gesamten Haggada dazu, um die oft rätselhaften Bilder und Wortspiele der Pijutim zu verstehen. Erschwerend für das Verständnis wirken audi die Eigenheiten der Sprache, die nidit selten in spradilidie Gewaltsamkeiten ausarten. Der sogenannte Musivstil, in weldiem die meisten Pijutim abgefaßt sind, wirkt sdion durdi seine zyklopisdie Art verwirrend. Doch hat es eine Anzahl von hervorragenden Ii-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.