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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 55

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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na auf einen Sabbat oder auf einen Dienstag fällt. Vom Rhein bis nach dem fernsten Ostasien, wohin Aschkenasim gekommen sind, herrscht dieser Brauch. Audi der andere Brauch, daß nämlich die Jugend die Zeit vom Sabbat-Ausgang bis nach Mitternacht, da der Gottesdienst beginnt, dazu benützt, um allerlei, übrigens ungefährlichen Unfug zu treiben, und deswegen von den Erwachsenen verwarnt zu werden pflegt, läßt sich "vom Rhein bis tief nach Polen hinein beobachten. Am ersten Selichot-Tage wenigstens bis Mittag zu fasten, ist nodi heutzutage üblidi. In früheren, fastfroheren Zeiten fastete man die ganze Selichot-Zeit, dann besonders an den Tagen zwischen beiden Hauptfesten, mit Ausnahme des Erew Jom-Kippur. Auch die Gräber der nahestehenden Verstorbenen wurden an diesen Tagen besudit. Am eisten Neujahrstage, und wenn dieser auf einen Sabbat fällt, am zweiten Tag, kurz vor Sonnenuntergang, kann man vielerorts Scharen frommer Juden sehen, die sich, kleine Gebetbücher in der Hand, an einem Bach oder Fluß versammeln, um ein Gebet zu verrichten. Es ist dies die Taschlich-Zeremonie, die zuerst bei Maharil, aber sdion damals ausführlich, beschrieben ist. An dem fließenden Wasser wird eine Reihe von Versen aus der Thora und den Psalmen rezitiert, deren zweiter, beginnend „Wirf all' ihre Sünden in die Tiefen des Meeres" (Miehah 7. 19), dreimal wiederholt wird. Daran schließen sich Gebete, die namentlich von den Kabbalisten eifrig ausgebaut wurden. Beim zweiten, dreimal zu wiederholenden Vers, wird der Zipfel des Gewandes mit den Schaufäden geschüttelt, um das Abschütteln der Sünden zu symbolisieren. Schon früh ist dieser Brauch angefochten worden, man tadelte ihn als abergläubisdi, oder auch als geeignet, in dem einfachen Menschen die Vorstellung zu wecken, als könnte er materiell die Sünde von sich abschütteln. Der Brauch hat sich gleichwohl bis auf den heutigen Tag vielfadi erhalten; er regt die Phantasie des Volkes an und bringt eine frische Note in die ernste Natur des Tages. Charakteristisch für die zehn Bußtage ist die audi an allen öffentlichen Fasttagen vorgetragene Litanei: Owinu Malkenu, „Vater unser, König unser", die auf Rabbi Akiba zurückgeht. -Dieser hat den ersten und den letzten Vers an einem öffentlichen Fasttag vorgetragen; zu verschiedenen Zeiten wurden verschiedene Verse eingefügt, im Mittelalter und im 17. Jahrhundert in Polen während der Judenmetzeleien durdi Chmielnizki, soldie, die sich auf das vergossene Märtyrerblut beziehen. Heutzutage zählt die Litanei etwa 40 Verse, dodi existieren verschiedene Lesarten bei Aschkenasim und Sefardim. Der erste Vers „wir haben gesündigt vor dir", wird vielfadi am Rosch-Haschana nidit rezitiert, da an diesem Tage nicht gebeichtet werden darf. II. Jörn Kippiu*. Der Versöhnungstag wurde zum hödisten und heiligsten Fest der jüdischen Religion. Er wird deshalb auch der „H eilige T a g*' (Jörn ha-kadosch) genannt. Als 24 stündiger Fasttag konnte er auch niemals verdoppelt werden. Die tiefsten religiösen Stimmungen und Gedanken von Sünde, Schuld, Sühne und Vergebung konzentrierten sich um diesen Tag und den ihm vorangehenden Abend, den „K o 1-N i d r e - A b e n d". Die großen hebräischen Dichter aller Zeiten haben seine Liturgie mit ihren Poesien geschmückt und an diese Dichtungen rankten sie die herrlichsten Melodien. Während der Jom-Kippur ein Fasttag ist, so soll nadi einer sehr alten Bestimmung des Talmud sein Rüsttag, der Erew Jom-Kippur durch ein besseres Mahl in fröhlicher Stimmung, als Festtag begangen werden — ein feiner psychologischer Zug, um die feierlidi-ernste Bekenntnisstimmung des Versöhnungstages desto kräftiger hervorzuheben. Am Morgen, zuweilen schon vor Anbruch des Riisttages, oder auch sdion am vorangehenden Abend wurde früher (in manchen Gegenden noch heute) die Zermonie des Kapp a r o t h - S ch la g e n s vollzogen, die wohl eine Anspielung auf das Opfer war. Der Mann nahm einen Hahn, die "Frau eine Henne in die rechte Hand und sagte dabei dreimal hebräisch die.Worte: „ein Lebewesen an Stelle eines anderen Lebewesen" (Ex. 21, 23), dann las man aus dem Gebetbuch eine Reihe von Versen, beginnend mit „Bene Adam": „Die Menschenkinder, die in der Finsternis" und im Todesschatten wohnen" (Psalm 106, 17—20, dann Jjob 25—29). Dann faßte man den Vogel in die linke und legte die rechte Hand auf dessen Kopf, schwang ihn dreimal um das Haupt und sprach dabei auf Hebräisch: „das ,sei mein Vertreter, das sei mein Ersatz, das sei mein Sühneopfer: dieser Hahn (diese Henne) gehe in den Tod, idi aber möge eingehen in gutes, langes und friedliches Leben." Die Kabbalisten setzten der Zeremonie einen einleitenden Spruch voran, in den sie eine ganze überirdische Welt hineingeheimnisten. Der Vogel wurde dann geschlachtet und meist am Ausgang des Versöhnungstages nach dem Fasten verzehrt. Die Eingeweide wurden in manchen Orten auf das Dach geworfen, und iu-..Erdings wurde die Vermutung geäußert, daß ehemals das ganze Fleisch des Kapparah-Huhns auf das Dach geworfen wurde, damit die Vögel es mitsamt den darauf abgeladenen Sünden forttrugen. Den Brauch, der wahrscheinlich, der babylonischen Bevölkerung nachgemacht wurde, fand der letzte babylonische Gaon R a v H a j (gest. 1058) vor und schaffte ihn einfach ab. Nachmanides (gest. 1270) verbot ihn als heidnisch. R. Josef Caro, Verfasser des Schulchan Aruch (gest. 1575) bezeichnete den Brauch in der ersten Auflage seines Werks als Albernheit, von der man lassen solle. Auch wurde das Hahn-Opfer vielfadi durdi eine Geldspende für die Armen abgelöst. Raschi (gest. 1105) erwähnt, daß man in füheren Zeiten im Elul aus Palmenblättern Körbe zu flechten pflegte, die man mit Humus und Dünger füllte. Die Kinder des Hauses bauten dann darin allerlei Hülsenfrüchte an: am Riisttag des Neujahrsfestes sdiwangen sie den Korb um den Kopf und sprachen dabei die oben erwähnte Formel: „Das sei mein Vertreter" usw. worauf der Korb in den Fluß geworfen wurde. In Aegypten wird vielfach die ganze Zeremonie in die Nacht, auf den großen Hosianua-Tag verlegt. Mose Isseries (gest. 1572), überhaupt ein Freund aller alten Bräuche, verteidigte den Brauch, ebenso andere deutsdie Rabbiner, so insbesondere der berühmte Frankfurter Jesajas Horowitz (Verfasser des Sdielah, gest. 162S). Er hat sich auch vielfach bis auf den heutigen Tag nidit nur unter den Ostjuden erhalten. Es ist merkwürdig, daß gewisse Gruppen unter den Chassidim die ganze Zeremonie entschieden ablehnten, — entgegen der sonstigen Gepflogenheit des Chassidismus, jeden Aberglauben nur noch zu verstärken. Die Jom-Kippur-Stimmung setzt sdion am Nachmittag des vorangehenden Tages ein. Früh ruht jegliche Arbeit. Die Männer eilen in die Synagoge, zu Mincha, an dessen Sdiemone-Essre sich schon jetzt die „große Beichte" für den Versöhnungstag („AI Chet") anschließt. Dann begibt man sich nachhause, um im Kreise der Familie das „Scheidemahl" vor Eintritt des Fasttages einzunehmen. Das Stück Weißbrot, über das der Segen gesprochen wird, taucht man, wie auch am Neujahrsfest, in Honig, anstatt in Salz, gewöhnlidi versammelt man sidi beim Oberhaupt der Familie, um sich von ihm zu empfehlen, wie wenn eine weite Reise bevorstünde, und seinen Segen zu empfangen. Die fröhlich-festliche Stimmung, die den ganzen Tag herrschte, macht rasch einem ernsten, bangen und wehmütigen Gefühl des Abschiednehmens Platz, welches Groß und Klein beschleicht, lautes Weinen erschallt, der Jom- Kippur hält seinen Einzug. Jetzt begeben sich alle, häufig in Familiengruppen, zur Synagoge, in früheren Jahren zogen die Frauen an diesem Tage weiße Kleider und weiße Kopftücher vor, dazu war jeglicher Schmuck verpönt, gleich wie bei der Braut am Tage der Trauung. Im Vorsaal der Synagoge waren an langen Tischen Schüsseln aufgestellt, in die jeder Eintretende eine Gabe für die verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten warf. Dann erfolgte die Zeremonie der „M a l k u t", die darin bestand, daß jeder Erwachsene sich auf einen am Boden ausgebreiteten Teppich niederwarf und symbolisch die biblische Leibesstrafe von 59 Streichen demütig über sich ergehen ließ. Diese im Machsor Vitry wohl zum ersten Male beschriebene Zerejnonie wurde etwa im 13. Jahrhundert von französischen und deutschen Rabbinern eingeführt. Bisweilen wird sie im Innern der Synagoge vor dem Almemor vollzogen. Der Synngogendiener spricht dabei den Vers: „Wehu Radium', während der Büßer die kleine Beichte im Singular: „Aschamti; bagadi" usw. rezitiert. Die Sitte verbreitete sich von Frankreich aus in der ganzen Judenheit. Im Orient sollen zuweilen auch Mohamedaner in die Synagoge kommen, um sich der symbolischen Geißelung zu unterwerfen. Dieses merkwürdige Symbol der Zerknirschung wurde später banalisiert, indem es mancherorts üblidi wurde, dem Synagogendiener dafür eine Geldgabe zuzustecken, wodurch die düstere Weihe der Zeremonie sich verflüchtigte. Warf man durch die geöffnete Synagogentüre einen Blick ins Innere, so bot sich einem ein unvergeßliches Bild dar. Durch die herabsinkende Abenddämmerung schimmerte hoch oben an der Ostwand vor der Heiligen Lade der blütenweiße, meist silbergestickte Vorhang, von dem sich der bläuliche Schein der Ewigen Lampe abhob. Unten im weiten Räume flackerten die hohen Wachskerzen auf, die, in sandgefüllten Gefäßen steckend, vor jedem Sitze sich erhoben. Jede hier angezündete Kerze war nur die Hälfte eines Paares und hieß Seelenlicht, Aveil es in der Synagoge zu Ehren der Seelen der Verstorbenen entzündet wurde. Das andere, daheim entzündete galt den Lebenden, deren Gott an diesem Tage gedenken sollte. Beide Kerzen wurden Täon frommen Frauen aus frischem Wachs zwischen Neu-

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