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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 54

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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ebenso finden die Umzüge statt, nur daß sie statt um den Altar um die Torarolle kreisen; am siebenten Tage finden diese Unizüge siebenmal statt, und bei all diesen Umzügen werden noch heute Gebete und Litaneien mit dem alten Refrain „Hosdiana o hilf doch" gesungen, die vielfach, namentlich am siebenten Tage, auf die Bitte um Regen abgestellt sind. Am siebenten Tage werden auch Weidenbündel verwendet und zuletzt ihre Blätter abgeschlagen, er hat in der Volksvorstellung die Bedeutung als Geriditst-!-;' behalten. Ära achten Tage, dem Sdilufifest, findet ein besonderes Gebet um Regen statt, und von diesem Tage ab wird in dem täglichen Hauptgebet der Regen spendenden Kraft Gottes.gedadit. Die synagogale Poesie hat die alten Gedanken, die dem Feste untergelegt wurden, weiter ausgearbeitet, sie hat so Vorstellungen lebendig erhalten, die sonst nur in den alten Quellen ihr Dasein weitergeführt hätten. So ist das Hüttenfest nicht nur der Abschluß im Kreislauf des Jahres, sondern audi der Höhepunkt geblieben, es hat die Erinnerung an Sdiöpfung und Urkraft verewigt, es hat aber audi den damit zusammenhängenden Gedanken der Esdiatologie Dauer verliehen. Die Opfer des Hüttenfestes wurden einst als Analogie für die siebzig Nationen der Welt, also als Beteuerung der universalistisdien Weltauffassung, ausgelegt und der Prophetenabsdinitt des Hüttenfestes kündet dieses nodi heute an als den Tag, an dem einst der Ewige einzig sein wird und sein Name einzig. (Aus einer dem Jahresbericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums für 192S beigegebenen Abhandlung.) Die Herbstfeiertage in Geschichte und Gegenwart. Von Binjamin Segel. I. Rosch-Haschana. Das Neujahrsfest bildet den Anfang des Monats Tischri, der in einer späteren Epoche als der erste Monat des Jahres galt. Ursprünglich gebührte diese Würde dem Frühlingsmonat Nissau (in der Bibel: abib Aehrenmond). Aber seitdem die alten Hebräer ein ackerbauendes Volk wurden, galt ihnen der Erntemonat als Abschluß des alten und Anfang des neuen Jahres, zumal damals auch die neuen Saaten ausgestreut und Neupflanzungen vorgenommen wurden. Später verlegte der Volksglaube in diesen Monat die Schöpfung der Welt und viele der nachfolgenden wichtigsten Ereignisse und Theophanien, sowie die künftige Erlösung. In. diesen Monat fallen die meisten Feste. Der erste Tag dieses Monates ist Neujahr. Die Bezeichnung „Rosch-Haschana" wird erst vom Propheten Ezechiel (40, 1) gebraucht. In den Büchern Mosis ist nur vom Tage des Posaunenhalls die Rede, oder von dem Tage der Erinnerung an den Posaunenhall. Noch Ezechiel bezeichnet jedoch den 10. Tischri, unseren Jom-Kippur, als den Jahresanfang. Aber schon Esra und Nehemia veranstalteten am ersten Tischri eine große Volksversammlung, wobei Esra die in Vergessenheit geratene Thora vorlas. Als das Volk in großes Weinen und Jammern ausbrach, trösteten es die beiden Führer: „Ihr dürftet heute nicht trauern, dieser Tag ist heilig unserem Herrn, geht heim, veranstaltet Festmahle, sendet Geschenke denen, die sich nichts vorbereitet haben, die Freude in Gott sei eure Kraft.'" Rosch-Haschana ist schon im frühen Zeitalter der Mischna der Tag des Gerichtes, und er teilt diese Würde mit dem zehn Tage später fallenden Jom-Kippur, dem Tag der endgültigen Versöhnung. Im Talmud finden wir die Vorstellung ausgebildet, daß die vollkommen Gerechten und ebenso die vollkommenen Frevler am Neu jahrsfest endgiltig gerichtet in das Buch des Lebens oder des Todes eingetragen werden, den übrigen wird bis Jom-Kippur Zeit zur Buße gelassen. Daher diese Zwischentage die zehn Tage der Buße genannt werden. Später bildete sieh der Glaube heraus, daß die Neujahrstage vorbildlidi für das ganze Jahr seien , daher pflegt das Volk an diesen Tagen duftende, süße Früchte zu genießen. Im hohen Mittelalter pflegten z. B. die Juden in Nordfrankreich, nach dem Machsor Vitry, dessen Kompilator ein Enkel von Raschi war, rote Aepfel, in Südfrankreidi helle Weintrauben zu kosten, wobei ein Gebet gesprochen wird. „Mögest du uns ein neues süßes Jahr gewähren." In späteren Zeiten genoß man, namentlich am ersten Abend, Südfrüchte, über die der Segensspruch „Schehechejanu" gesprodien wurde. Frömmere genossen solche Früchte nicht vor diesem Zeitpunkt. In nordischen Ländern genießt man auch die Edelmelone. Maharil (gest. 1427) verzeichnet schon den Brauch, am Neujahrstage einem Widderkopf gebraten zu verzehren, wobei der Widder an das stellvertretende Opfer für Isaak auf Morija erinnerte und der Kopf den Wunsdi nadi Erhöhung symbolisieren soll. Dagegen vermeidet man es, an diesem Tage Nüsse zu essen, was offenbar auf einen deutschen Aberglauben zurückgeht; es wurde jedodi diesem Brauch ein höherer Grund untergelegt; der Buchstaben wert des hebräischen Wortes für Nüsse gleidit dem Budistabenwert des hebräisdien Wortes für Sünde (mit Hinweglassung des Aleph). Sdion im frühen Mittelalter herrschte der Brauch, daß man einander gleich nadi dem ersten Abendgebet in hebräischer Sprache den Wunsch zurief: „Mögest Du zu einem guten Jahr eingeschrieben werden", wobei die volkstümliche Vorstellung zugrunde lag, daß im Himmel die Urteilssprüche fürs ganze Jahr in Bücher eingetragen werden. Sdion im jerusalernischen Talmud und dann im Midrasdi wird erwähnt, daß die Juden am Tage des Gerichtes weiße Gewänder tragen, zum Symbol, daß sie der Versöhnung mit Gott sidier sind; dodi der Brauch, an den hohen Feiertagen den weißen Kittel zum Gottesdienste anzuziehen, ist späteren, und wie sdion der Name beweist, deutsdien Ursprungs. In Polen pflegt am Neujahrsfest nur der Vorbeter den „Kittel" zu tragen, dieser aber legt ihn audi am letzten Sukkottag zum Musaphgebet, sowie am Weidenfest an. Den Sephardim ist der Kittel unbekannt. Rosdi-Hasdiana pflegte schon zu jener Zeit, als die anderen Feste nur einen Tag währten, zwei Tage gefeiert zu werden. Im heutigen Palästina währt es ebenfalls zwei Tage. Das Hauptmerkmal des Neujahrsfestes ist der Posaunenschall des Schofar, der zwischen beiden Teilen des Vormittagsgottesdienstes nadi der Vorlesung aus der Thora ertönt. Sdion in der ältesten Epoche spielte die Posaune im öffentlidien Leben der Hebräer, im Krieg wie im Frieden, an Wochen-, wie an Festtagen eine große Rolle, als Signal, als Mahnung, als Verständigungsmittel. Heutzutage noch wecken die erschütternden und durchdringenden Töne in der Phantasie der Juden uralte Stammeserinnerungen. In nadibiblischer Zeit bildete sich die volkstünüiche Vorstellung, die schon im Talmud erwähnt wird, daß das Blasen des Sdiofars den Zweck habe, Satan zu verwirren, damit er seine Anklagen vor dem Thron des hödisten Riditers nidit vorbringen könne. Ursprünglich blies man den Schofar im Tempel in früher Stunde beim Morgengottesdienst; als Begleitung hierzu dienten drei liturgische Kapitel: Maldiujot, Sichronot, Sdiofrot. Allein die Römer argwöhnten darin ein Signal zum Aufruhr, daher wurde das Schofarblasen mitsamt den es begleitenden Versen in das Musaph-Gebet verlegt, wo es nicht mehr verdächtig schien. Um aber mit dem Schofarblasen nicht so lange warten zu müssen, führte man das Sdiofarblasen zwischen Sdiadiarit und Musaph ein, ohne die liturgische Begleitung, die jetzt in den Musaph gehörte. Mit der Zeit konzentrierte sidi nun die ganze Andacht auf diese ursprünglich zum Ersatz eingeführten Posaunentöne, ihre Zahl und Reihenfolge wurde festgesetzt, sie wurden in Kapitel eingeteilt, mit einem ergreifenden Psalm, mit Lob- und Segenssprüchen umrahmt, auch haben die späteren Kabbalisten viele Gottes- und Engelsnamen hineingeheimnist, und so wurde das Schofarblasen zum Mittelpunkt des Neujahrsgottesdienstes und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß in den mittel- und südeuropäischen Weinländern im Herbst zurzeit der Weinlese in den Weinbergen Hornsignale err klingen, welche in Ton und Reihenfolge eine auffallen^ de Aehnlichkeit mit den Schofartönen aufweisen. „Thekia, Schebarim, Therua." Fragt man die Wächter nach Bedeutung und Ursprung dieser Signale, so antworten sie, daß sei von uralten Zeiten unter Weinbauern so der Braudi gewesen. Da der Wein aus Vprderasien nach Europa gebracht worden ist, scheint mit der Pflanze und ihrer Kultur von dort auch das Hornsignal und seine Musik in unvorm denklichen Zeiten nach. Europa gekommen zu sein. Der Schofar ertönt übrigens in unseren Synagogen vom zweiten Neumondtage des dem Neujahrsfeste vorangehenden Monats Elul ab, nach jedem Morgengottesdienste, mit Ausnahme des Rüsttages des Neujahrs. Der Volksmund sagt, daß Satan an diesem Morgen meine, der Schofar, der ihn den ganzen Monat weidlidi ärgerte, sei nun für immer verstummt, und sei dann am nädisten Tage doppelt verwirrt. In der Epoche der letzten Geonim, also etwa um das Jahr 1000, kam dieser Brauch in den babylonischen Hochschulen auf. Gleichzeitig verrichtete man von diesem Tage bis zum Jom-Kippur eigene Bußgebete (Seliehot). Die Sephardim beginnen mit den Seliehot am 15. Elul, also zwei Wodien vor Rosdi-Hasdiana. In Deutschland und seinen Nachbarländern fängt man damit am Sabbatausgang nadi Mitternacht an, eine oder anderthalb Wodien vor dem Neujahrsfeste, je nachdem, ob der erste Tag des Rosch-Hascha-

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