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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 53

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 lieh: auch wer sonst nicht leicht dazu neigt, alle religiösen Vorstellungen und Riten aus der Fremde herzuleiten, wird sich in diesem Falle der Versuchung nicht entziehen können, eine Lösung des Rätsels dort zu nehmen, wo sie sich irgend linden läßt. Man hat wiederholt an den Adonis-Kult im vorderen Asien erinnert und ganz besonders au das Wasserfest in Hierapolis, wo man zweimal im Jahre Wasser vom Euphrat her holte, im Tempel der syrischen Göttin Atargatis, einer Nachfolgerin der alten Astarte, ausschüttete und erklärte, daß an der Stelle des Tempels die Wasser der Sintflut aufgesogen worden waren. Die Verehrung des Adonis in der Form des Tainmus ist durch Ezechiel Vlll 14 auch für jüdische Kreise bezeugt, aber zwischen der Feier von Tod und Auferstehung des Adonis-Tammus und der Feier des Hüttenfestes scheint doch ein weiter Abstand zu sein. Schon die völlige Verschiedenheit der Jahreszeit, in der die Feste gefeiert werden, sollte eine Gleichsetzung ausschließen. Die einzige wirklich vorhandene Analogie scheint die zu sein, daß in beiden Riten die segnende, befruchtende Kraft der Quellen ihre Anerkennung findet. Darauf weisen auch alle Symbole des Hüttenfestes hin, ihr letzter Sinn ist, den Segen des Wassers, des vom Himmel kommenden befruchtenden Regens, herbeizuführen. „Die Thora gebietet, am Hüttenfest, wo die Regenzeit beginnt, Wasser auszuschütten, damit dadurch eine Sukkot in Kupferstich von Frandt. gez. von J. Weidner (Augsburg 1660 ■ 1700) — Aus segensreiche Regenperiode herbeigeführt wird", so erklärt R. Akiba ganz rationalistisch die auffallende Einrichtung des Wasseropfeis. Man muß wahrscheinlich, um die Motive des Festes zu verstehen, sehr weit zurückgreifen, es handelt sich hier, wenn auch keine direkten Quellen dafür vorliegen, sicher um uralte Einrichtungen, um den Ausdruck uralter religiöser Vorstellungen. Der Regen oder das Wasser überhaupt stehen als Ausdruck belebender Kraft im Mittelpunkt des Denkens und des Sehnens des Landmannes im regenarmen Orient. Den Regen faßt er unter dem Bilde der Begattung des Himmels mit der Erde, das Wasser als die Kraft, welche die Toten sogar wieder zum Leben erweckt. Der Feststraufi des Hüttenfestes wird so gedeutet, daß er lauter Gewächse vereinigt, die nur am Wasser gedeihen, durch das Wasser ins Leben gerufen werden. Die Prozessionen um den Altar mit ihrer Bitte um Gottes-Beistand haben den Sinn, die Hilfe durch den Regen herbeizurufen, und nach einer in der Mischna wiedergegebenen Vorstellung hält Gott am Hütten fest Gericht über die Verteilung des befruchtenden Regenwassers. Die Wasserspende auf dem Altar und das dazu gehörige Fest wird in derrabbinischen Auslegung schon vom Erzvater Jakob bzw. dem Brunnen hergeleitet, an dem er Rahel trifft. Ja, man geht noch weiter zurück und bringt den Ritus des Wasserchöpfens und des Wasserausgießens auf den Altar mit der Urschöpfung in Verbindung. Wenn Wasser und Wein auf dem Altar zur Spende ausgegossen wurden, flössen sie in die „Schitin", das sind zwei Kanäle am Altar, die zum Abfluß dienten. Diese Schitin aber, sagte man, existieren seit den sechs Tagen der Schöpfung und führen direkt bis zur Urflut, dem Tehom. Der Akt des Wassergießens stellt daher in gewissem Sinne eine Erneuerung des Schöpfungs- Jerusalem. der Sammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, werkes dar; wenn die Wasserspende durch die Schitin in die Lirgewässer fließt, dann entsteht wieder eine Berührung der Gewässer und die Erfüllung des Psalmwortes XLH, 8: „Ein Tehom. ruft es dem andern zu", so daß die Wassermächte günstig gestimmt werden und den befruchtenden Regen spenden. Es sei hier nur kurz au die verwandte Anschauung erinnert, daß im Mittelpunkt des Tempels der Stein Schetija steht, der seinerseits über dem Mittelpunkt der Erde aufgerichtet ist und die Aufgabe hat, die Urflut zu schließen. Das sind zwei nebeneinaudergehende Vorstellungen, die doch beide denselben Gedanken, der Gründung des Heiligtums oder eines heiligen Aktes auf Schöpfung und Urflut, versinnbildlichen. Volz hat richtig gesehen, daß in den Symbolen und den Anschauungen, die zum Hüttenfest gehören, gar vieles an einen alten Neujahrstag erinnert; er hat nur diese Auffassung zu weit getrieben und vielfach den Quellen Gewalt angetan, aber man kann sich dem Gedanken nicht verschließen, daß die ursprüngliche Bedeutung der Wasserspende und des damit verbundenen Festes mit uralten mythischen Vorstellungen über Schöpfung und Urflut zusammenhängen. Wie zumeist im Judentum, hat man den mythischen Kern unigebogen oder ihn ganz beseitigt, aber die Mitteilungen der Hagada reichen doch dazu aus, uns mitten in die altertümlichen Gedankengänge hineinzuversetzen und uns ahnen zu lassen, wie hier Bräuche sich gebildet haben, die einst mit den babylonischen Anschauungen von der Tiamat und den Kämpfen der Urelemente in Verbindung standen, wie sie Gunkel in seinem „Schöpfung und Chaos" zum erstenmal im Zusammenhang dargestellt hat. Die Synagoge hat nach der Zerstörung des Tempels gerade von den Symbolen des Hütten festes auffällig viel beibehalten. Der Feststraufi wird noch heute verwendet,

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