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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 52

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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geschmückt, die in ihren frischen Farben dem frohen Hin und Her der zahllosen Menschen einen bunten Rahmen liehen. Das Hüttenfest war das Fest des Jubels, rei<h ausgestattet mit Symbolen und Bildern. Acht Tage lang wurden die Hallelpsalnien gesungen, und dabei wurden Riten vollzogen, die tiefste religiöse Gedanken in.sich bargen. Die Männer und die Knaben erschienen mit den Feststräußen aus Palmzweig, Myrthe, Weide und der Ethrogfrudit; die Bewohner von Jerusalem legten sie den ganzen Tag nicht ans der Hand, wohin sie sich begaben, begleitete sie dieses festliche Symbol. An feierlichen Veranstaltungen übertraf dieses Fest alle anderen; wer sie sämtlich mitmachen wollte, konnte kein Auge schließen, weil es von einein Akt zum andern ging, weil Altar und Synagoge mit ihrem Dienst den ganzen Tag und die Nacht in Anspruch nahmen. Am Morgen ganz früh zog eine Abteilung von Präestern vom Tempel hinunter zum Siloa-Quell, um in einem goldenen Humpen das Wasser zu schöpfen, das auf dem Altar dargebracht werden sollte. Wenn sie zu dem Tempeltor im Südosten, das man Wassertor nannte, zurückkehrten, stießen sie in die Posaune. Sobald sie den Altar erreichten, trat der diensttuende Priester auf sie zu: das Morgenopfer war bereits beendet, und er brachte nun das Trankopfer dar, das sonst aus Wein bestand, am Hüttenfest aber wurden gleichzeitig Wasser und Wein auf den Altar geschüttet — ein wahrscheinlich uralter Brauch, dessen Durchführung aufs strengste gefordert wurde. Zur gleichen Zeit war ein anderer Trupp nach Moza gezogen, einer römischen Kolonie im Nordwesten von Jerusalem, die noch heute bei den Arabern Kalonija heißt, um von dort Weidenruten zu holen, die von den Priestern an den Seiten des Altars so aufgesteckt wurden, daß ihre Spitzen über den Altar hinunterhingen. Auch hier wurde in die Posaune gestoßen, und nach dem Wasseropfer fand ein festlicher Umzug um den Altar statt, wo man das Hosianna „Ach Ewiger, hilf doch, ach Ewiger hilf doch" immer wieder als Litanei sang und mit einer Verherrlichung des Altars sdiloß. Am siebenten Tage aber fand diese Prozession siebenmal statt, siebenmal wurde das Hosianna gesungen, und noch heute heißt der Tag in der Synagoge „das große H o s i a n n a". Auch volkstümliche Szenen schloßen sich daran, Palmwedel wurden aufgelesen, man sdilug damit den Boden an den Seiten des Altars, und die Knaben betrachteten dies als Zeichen, daß sie ihre Palmzweige lösten und ihre Ethrogfrüchte verspeisten. Das fröhlichste.Fest aber fand des Nachts statt; es ist das Fest, das wir „Simchat bet haschoewa" oder nach einer vielleicht richtigeren Lesart „Simchat bet hasdieuwa" nennen, und mit „Fest des Wassersdiöpfens" wiedergeben, ohne daß die Gelehrten über die Aussprache oder die genaue Bedeutung des Wortes einig wären. In jedem Falle fand das Fest mit dem vorhin erwähnten Schöpfen des Wassers seinen Abschluß. „Wer nidit das Fest des Wassersdiöpfens gesehen hat, hat niemals wahre Festesfreude geschaut", so berichten die alten Quellen. Das Fest fand im vorderen Teil des Tempels statt, in dem großen Hofe, der audi den Trauen zugänglich war. In älterer Zeit kamen infolge des Gedränges und dev Ausgelassenheit Ausschreitungen vor. später erriditete man zum Schutze der Frauen Tribünen, von denen aus diese dem Sdiauspiel zusahen. Goldene Kandelaber waren im Hofe aufgestellt, die je vier Sdialen für Oel enthielten, so hoch, daß man mit Leitern hinaufsteigen mußte. Pagen aus den angesehensten Priesterfamilien standen auf dem Posten, um das Oel immer wieder nachzufüllen. So helles Licht strahlten sie aus, daß ganz Jerusalem davon erleuchtet wurde. Bei Flötenspiel begann ein Fackeltanz, an dem die angesehensten Persönlichkeiten Jerusalems teilnahmen, „die Frommen und die Männer der Tat", wie man sie nannte: kunstvolle, sorgfältig eingeübte. Sdiritte wurden vorgeführt; Simon ben Gamliel, eines der Stadthäupter zur Zeit der Kriegserklärung an Rom, verstand es, mit acht Fackeln in der Hand zu tanzen und sie so zu jonglieren, daß er sie in die Luft sdileuderte und wieder auffing, ohne daß eine die andere berührte, ohne daß eine je zur Erde fiel. Er war so gelenkig, daß er, auf den Fußspitzen stellend, sidi bis zur Erde neigen, sie mit den Fingern berühren und ohne jede Hilfe sich wieder aufrichten konnte. Von ihm werden zufällig alle diese Virtuosenstücke überliefert, aber es ist anzunehmen, daß er damit nidit allein stand, daß er als nobile officium der angesehenen Kreise galt, sidi für die Verherrlichung dieses Festes auszubilden. Harfen und Cymbeln. Flöten und Glockenspiele erklangen zu den Tänzen, und die Tanzenden sangen Psalmen oder andere Hymnen. „Selig ist, wer nie gesündigt hat, den Sündern aber werde Vergebung zuteil", erklang es bei den einen;' andere wieder sangen: „selig unsere Jugend, die nidit unser Mannesalter beschämt" und wiederum driite „selig unser Mannesalter, das Sühne bringt für die. Vergehen der Jugend". Von dem berühmten Lehrer Hillel wird erzählt, daß auch er an diesen Tänzen teilnahm und die Sätze sang: „Wohin idi es wünsdie, dorthin tragen mich meine Füße. Wenn Du in mein Haus kommst, will ich in das Deine kommen: kommst Du aber nicht in mein Haus, so will auch ich nicht in das Deine kommen." „Wenn ich hier bin, ist alles hier, und wenn ich nidit hier bin, wrer ist hier?" „Wenn wir hier sind, wer ist hier und wenn wir nicht liier sind, wer ist hier?" So ging es die ganze Nacht durch unter heiterer und freudiger Teilnahme des Volkes, wobei der Frohsinn in Ausgelassenheit umschlagen konnte. Gegen Morgen traten die Levitenchöre mit ihren Instrumenten auf die Treppe, die von der Halle der Frauen zur Halle der Israeliten führte und sangen aus den Stufenliedern des Psalters. Sie schlössen ihren Chor mit dem Worte des Liedes: „Es segne dich der Ewige vom Zion, der Sdiöpfer des Himmels und der Erde"! Die versammelte Menge sang weiter, die Priester aber standen mit ihren Trompeten bereit und warteten auf den ersten Hahnenruf. Dann bliesen sie das Zeichen des Morgens, stiegen die Stufen hinab und schritten unter fortgesetztem Trompetenschall bis zu dem Tempeltore. das nach Osten hinausführte. Dort aber maditen sie kehrt und sprachen mit dem.Antlitz nach Westen: „AVenn unsere Väter an diesem Orte standen, kehrten sie dein Tempel des Ewigen den Rücken zu, ihr Gesicht aber dem Osten, und sie warfen sich ostwärts nieder vor der Sonne; doch wir, unsere Augen sind auf Gott gerichtet" oder nach einer andern Version „Wir aber sind Gottes, und auf Gott sind unsere Augen gerichtet." Es ist das einzige orgias tische Fest, wekhes das alte Judentum kennt, es fällt mit allen seinen Bräuchen völlig aus dem Rahmen sonstiger jüdischer Religionsübung heraus. Die Riten erscheinen alle seltsam, die uns mitgeteilten Sprüdie sowie der alljährlich wiederholte Einspruch gegen den Sonnenkult muten wie Rätsel an. Besondere altertümliche Ausdrucksweisen, die sonst nicht üblich waren, werden in diesem Zusammenhange überliefert, und man hat axis ihnen sowie aus den eigentümlichen Sprüchen, die Hillel in den Mund gelegt werden, geschlossen, daß hier an die unio mystica, die Vereinigung des Menschen mit Gott gedadit war. Die Riten des Hüttenfestes wußte man schon im Talmud nidit mehr zu erklären, die Bachweide und das Wasseropfer betrachtete man als uralte Einrichtung, als „Haladia des Moses vom Sinai her". Argwöhnisdi beobachtete man den diensttuenden Priester,'daß er nicht etwa von der Vorschrift abwich. Der König Alexander Jannai erkühnte sich einst, das Wasser nicht auf, sondern unten an den Altar zu gießen, und das versammelte Volk empörte sich gegen ihn, bewarf ihn mit den Ethrogfrüchten, die es in den Händen hielt. Es liegt nahe, an den Gegensatz zwischen Pharisäern und Sadduzäern zu denken und in dem Verhalten des sadduzäisch gesinnten Königs eine Verhöhnung des Volkes und des ihm heiligen Brauches zu sehen. Man hat daraus den Schluß gezogen, daß das Wasseropfer eine junge Einrichtung, daß es erst von den hellenistisdi gesinnten Hohenpriestern der vorhasmonäisdien Zeit eingeführt war, um als Opfer für die Götter der Unterwelt-am Fuße des Altars ausgeschüttet zu werden, daß dann die Hasmonäer diesen Brauch beseitigt und daraus eine Spende für den Altar und auf dem Altar gemacht hatten, daß aber vom ersten hasmonäischen König Aristobul der alte Brandl wieder aufgenommen und nun von Jannai nachgeahmt wurde. Daraus wäre der strenge Eifer des Volkes zu erklären, das diesen Rückfall in den Hellenismus und die Hinneigung zum hellenisdien Kultus nicht dulden wollte. Auf eine Entlehnung aus dem hellenischen Altertum weisen die Mitteilungen bei P 1 u t a r c h hin, den die Riten und Symbole des Festes ganz und gar an ein Bacchusfest erinnerten. Er snridit vom Erscheinen der Festteilnehmer mit Feigeniind Thyrsosstäben im Tempel und von der Feier an dem letzten Tage, wo die Juden den Bacchus nicht mehr mit rätselhaften Symbolen, sondern offen anrufen. Fraglos hat Plutarch vieles, was er von den jüdischen Festen gehört hatte, durdieinander geworfen, er zeigt audi allzu sehr das Bestreben, den gesamten jüdischen Kultus als dem Bacchus geweiht hinzustellen, und selbst den Sabbat zieht er in die Kategorie der Bacchusfeste. Andererseits aber liegt seiner Beschreibung mancherlei Wahrheit zugrunde, Thyrsosstäbe /.. B. nennt auch J o s e p h u s die Palmsträuße, mit denen die Juden am Hüttenfest im Heiligtum erschienen. Die Feigenstäbe freilidi sind dem athenischen Kult entlehnt und im jüdisdien nicht nachzuweisen. Man hat auch in neuerer Zeit den Vergleich mit den Eleusynisdien Mysterien herangezogen und aus ihnen die Feier des Hüttenfestes zu erklären versucht. Fraglos liegen gewisse Parallelen vor: die Zeit des Hauptfestes, die Myrthe, die Palme, die Verwendung von Wasser sind beiden gemeinsam, — aber wenn sdion an dem letzten Punkt ganz verschiedene Absichten mitsprechen, so ist auch Sinn und Zweck des griechischen Festes ein ganz anderer wie der des jüdisdien Hüttenfestes. Daß man versucht, dieses seltsame, aus dem Ralunen des iiidisdien Kultus völlig herausfallende Fest des Wasserschöpfens durch fremde Analogien zu erklären, ist wohl begreif-

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