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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-10-01 · 2-3 (10.1929) · p. Seite 51

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
2-3 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 ins Herz prägen, ihm vertrauen in Ehrfurcht, Demut und Scheu, ihn lieben, ihm unser ganzes Leben widmen, uns von allem fernhalten, was ihm verhaßt ist, all unser Tun seinem Namen weihen und seiner Wohltaten immer eingedenk bleiben." Ist das nicht echte Moral, auch im Kantischen Sinn, rein in ihrer Absicht, gültig für jedermann, ob Jud' oder Christ, unabweisbar in ihrem Gebot und noch dazu geweiht durch den ständigen Blick auf das Göttliche? Die religiöse W e i h e ist es, die hier noch zu allen anderen moralischen Forderungen hinzutritt und der harten Strenge der sittlichen Ansprüche erst eine lichte, helle und freundliche Färbimg gibt. Was das bedeutet, zeigt uns ja diese religiöse Stunde der Weihe am allerbesten; sie hebt uns hinaus über die Schwere des Lebens und seiner Pflichten, auch seiner moralischen Pflichten, indem sie Leben und Pflichten nicht wie an den Arbeitstagen draußen als etwas unerbittlich Strenges aufweist, nicht als ein eisernes Joch, mit dem wir beladen sind, sondern als eine vom Schöpfer alles Guten uns zugewiesene Aufgabe, die, richtig erfaßt, uns und andere beglückt, als ein Sittengebot, dessen Erfüllung für uns einen Quell der Lebensfreude und der inneren Befriedigung bildet, als einen Gottesdienst, für den es auch im Leben draußen ebensowenig großer äußerer Zurüstung bedarf wie für diesen hier, vielmehr nur den treibenden Gedanken, daß „Gott im Herzen halten und das Gute an den Menschen tun" allen Gläubigen ein gemeinsames Heiliges bedeutet und darum den besten Weg zu einer Gemeinschaft Aller in Frömmigkeit und Sittlichkeit eröffnet. Soll damit nun die Religionsgemeinschaft im engeren Sinn und mit ihren speziellen Forderungen der frommen Uebungen ein Ende finden? Nein sie kann es nicht und soll es nicht. Soll denn etwa diese Stunde, weil sie in Form und Inhalt eine Gemeinsamkeit mit anderen Religionen offenbart, von der eigenen Gemeinschaft abziehen oder nicht vielmehr gerade durch diese Erkenntnis des Gemeinsamen das frohe Bewußtsein des eigenen Wertes stärken und festigen? Hat denn L es sing, als er in seinem „Nathan" die Gleichberechtigung der drei Religionen erwies, seiner eigenen damit die Treue gebrochen? Hat denn M ose s M ende 1 s s o h n, als ihn mit Lessing die Gemeinsamkeit der Anschauungen und Strebungen nicht bloß auf literarischem und philosophischem, sondern auch auf religiös-sittlichem Gebiet verband, darum nur ein Jota von der eigenen Religion, selbst in der überlieferten Art ihrer Frömmigkeits-Uebung, preisgegeben? Hat nicht e r gerade darauf hingewiesen, daß die törichten Versuche, die in seiner Zeit von jüdischer wie von christlicher Seite ausgingen, eine Glaubens-V e r e i n i g u ng herbeizuführen, alles weniger als das Ideal wahrhafter Freiheit und wirklicher Bruderliebe bedeuteten, und daß sie mit dem Ideal des künftigen Gottesreiches auf Erden gar nicht das Geringste gemein hätten? In der Tat haben unsere Propheten, die großen und unerreichten Verkündiger des Messias-Gedankens, niemals, selbst für jene ferne Zeit, an eine Aufhebung nationaler oder religiöser Gemeinschaften gedacht. Sie wollten B r ü c k e n zwischen den Nationen schlagen durch den Gedanken eines schiedlich-friedlichen Völkerbundes, sie wollten Wege zwischen den Religionen bahnen durch die Gemeinsamkeit des Glaubens an den Einen Gott. Die Treue gegen das eigene Volk und gegen die eigene Religion darum fahren zu lassen oder auch nur hintanzusetzen, ist ihnen niemals in den Sinn gekommen. Einer solchen Verknüpfung mit der eigenen Gemeinschaft bedarf denn auch die Frömmigkeit wie damals so noch immer. Wie Sittlichkeit allein noch keine Frömmigkeit ist, sondern deren notwendige Voraussetzung und Erfüllung, so darf auch der religiöse Inhalt der Frömmigkeit nicht auf einem bloßen vagen, gelegentlichen Gefühl beruhen, sondern muß durch den Anteil an der Gemeinschaft und an den von dieser ausgeprägten Formen eine feste und unerschütterliche Basis erhalten. Unsere jüdische Gemeinschaft hat für die persönliche Frömmigkeit des Einzelnen, zuhause und außerhalb des Hauses, eine ganze Reihe von Gemeinschaftsformen ausgeprägt, und der volkstümliche Begriff der Frömmigkeit klammert sich am liebsten gerade an diese Formen und mißt die Tiefe der Frömmigkeit mit einem Lot, das die Zahl solcher frommen Uebungen anzeigt: Je mehr einer religiöse Formen hält, desto frömmer ist e r nach üblicher Anschauung. Wenn wir von xVnfang an betont haben, daß der sittliche Inhalt den Maßstab der Frömmigkeit bilden muß, so kann jener Maßstab und der nach ihm bemessene Begriff der Frömmigkeit nicht zutreffend sein, und wir müssen uns seiner entwöhnen und ihn überall ablehnen. Er trifft auch nicht das, was ich unter einer Gemeinschafts-Form verstehe, die vielmehr so beschaffen sein muß, daß sie über das Individuum hinausgreift und die Idee der religiösen Gemeinschaft als solcher umfaßt und verkörpert. Das geschieht in jeder Religionsgemeinschaft am sichtbarsten durch den gemeinsamen Gottesdienst und durch die Feier des wöchentlichen Ruhetages und der Festtage. Auch hier sind es wieder gleiche Ideen, die die verschiedenen Religionsgemeinschaften trotz ihrer Eigenarten schon seit Urzeiten miteinander verknüpfen. Das Neue Testament verheißt gemeinsamer Bitte Erfüllung und gemeinsamer Versammlung die Anwesenheit des Erlösers. Ein jüdischer Gesetzeslehrer aber hat in einem besonders schönen und schlichten Wort die drei Kennzeichen echter Frömmigkeit, das religiöse Moment, die sittliche Erfüllung vmddie Gemeinschaf ts-Betätigung zusammengefaßt. Er lebte um dieselbe Zeit, da die christliche Urkirche sich bildete, und hat vielleicht im Hinblick auf deren Lehre vom Erlöser erklärt: Ein jeder, der sich mit der Gotteslehre beschäftigt und Liebesvverke übt und zusammen mit der Gemeinde betet, ist ein Erlöser, er erlöst Gott und seine Kinder. Dies Wort muß gewiß in einer so kleinen Gemeinschaft wie der unsrigen in Geltung bleiben, die ihren Glauben und ihre Existenz täglich verteidigen muß und darum die Mitarbeit eines Jeden braucht, der zu ihr gehört. Dies soll aber auch in jeder anderen Religionsgemeinschaft gelten; sie soll auch nur verteidigen, nie angreifen, sie soll erlösen helfen, sie soll mitarbeiten an der Erlösung Gottes und aller seiner Kinder. Das kann eine jede, doch nur, wenn sie mit jenen gemeinsamen Ideen Brücken schlägt herüber und hinüber, wenn sie Wege bahnt von einer zur anderen, ohne sich selber deshalb aufzugeben. Solche Brücken des Friedens, solche Wege des Verständnisses auf dem gemeinsamen Boden echter Frömmigkeit, zurücklaufend zu uns selbst und hinauslaufend zu allen Anderen, sollen diese Weihestunden anbahnen. Möchten sie auch hierorts zu einem dauernden Bestände und dadurch zu einem dauernden Segen werden! _ Die Feier des Sukkotfestes im zweiten Tempel. Von Prof. Dr. J. Elbogen. Freudentage schlechthin waren die Tage des Sukkotfestes, wenn die Ernte eingebradit, der Ertrag von Feld, Garten und Weinberg geborgen, wenn des Landmanns Jahr abgeschlossen war, wenn er aus tiefer Seele vor Gott seinen Dank niederlegte und in inniger Sehnsucht um Segen für die neue Arbeit, vor allem um das fruchtspendende Element des Regens betete. Ganze Orte waren von ihren Bewohnern verlassen, wie Josephus von Lydda beriditet, das freilich zum nahen Umkreis von Jerusalem zählte. Die Hauptstadt und ihre Umgebung waren voll von Hütten, in denen Tische mit Fruditen standen, auch die Straßen waren mit Früchten

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