Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094348-3094350--2021-3096759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vielleicht mag es im ersten Augenblick uns selber schwer dünken, einen solchen Doppelweg der Frömmigkeit anzubahnen, der von dem gewohnten Wege jüdischer Frömmigkeit abbiegt und auf dem man bisher nur weniger religiöse, dem Augenschein wenigstens nach weniger religiöse Bekenner unseres Glaubens wandeln zu sehen vermeinte. Allein ein einseitiger und engherziger Begriff der Frömmigkeit w iderspricht durchaus der Lehre und Geschichte unserer Religion. Wenn wir Lehre und Geschiehle des Judentums prüfend überschauen, so entdeckt man auf den ersten Blick, daß es in ihm zu jeder Zeit die verschiedensten Wege der Frömmigkeit gegeben hat, die nebeneinander herliefen, und daß als ungangbar und verwerflich immefc nur diejenigen angesehen wurden, die den sittlichen Grundsätzen des Judentums zuwiderliefen. Gerade den äußeren Ausdruck der frommen Gesinnung, in dem für die große Menge auch heute noch der Begriff der Frömmigkeit liegt, wollte man stets mit dem strengsten Maßstab der sittlichen Forderungen gemessen sehen, und wo jene formelle Werkheiligkeit zu der übrigen Haltung eines Juden in schärfsten Widerspruch stand, galt sie nichts und wurde aufs entschiedenste abgelehnt. Das allein kann auch heute noch immer im Judentum der Standpunkt der Beurteilung sein. Uns kann jede Art von Frömmigkeit innerhalb wrie außerhalb der jüdischen Gemeinschaft recht sem, wenn sie nur echt ist, d.h. wenn sie der Ausdruck einer religiös-sittlichen Empfindung ist und w enn sie selber wieder in einer religiös-sittlichen Haltung des Menschen im Leben draußen sich auswirkt. Wir können schon deshalb gar keinen anderen Begriff der Frömmigkeit festlegen, weil eine Trennung von Religion und Sittlichkeit im Judentum überhaupt nicht möglich ist. Diejenigen, die das für möglich halten, und das Judentum dessen beschuldigen, daß es SittenlosiglAiten irgendwelcher Art lehrmäßig zulasse oder gar gebiete, zeigen nicht bloß ein bedauerliches Unverständnis der von ihnen beschuldigten und zusammen hangslos aus den jüdischen Schriftwerken herausgerissenen Stellen; viel schlimmer ist es noch, daß sie diesen Stoß der Verleumdung gegen den ganzen Untergrund des Aufbaus der jüdischen Religion überhaupt richten und damit zuletzt ja auch die christliche Religion antasten, die auf diesem Untergrund der unsrigen ihren Aufbau errichtet hat. Die Sittenlehre des Neuen Testaments und damit auch seine Frömmigkeitslehre ruht ganz und gar auf der des Alten Testaments. Was die Propheten des Alten Testaments über jene Unlösbarkeit des sittlichen Moments von den religiösen Formen sooft und in so markanten Worten gesagt haben, kann Jeder in der Bibel an zahlreichen Stellen selbst nachlesen. Uns Juden wird das noch dazu so oft im Gottesdienst verlesen, am all erschärfsten in den Prophetenworten an unserem allerheiligsten Festtage, wo die Versöhnung mit Gott nicht von der äußeren Kasteiung an diesem Tage abhängig gemacht wird, sondern von der sittlichen Einwirkung desselben auf die Lebensführung draußen. Was gar die Psalmisten über die Wege der Frömmigkeit gedichtet und gesungen haben, ist zum Lied und Sang in allen Gotteshäusern der Welt geworden und hat bei den Dichtern und Sängern aller Zeiten und Religionen, wie es Ihnen auch die Lieder heute zeigen, im gleichen Sinn seine Nachfolge gefunden. Das beweist doch am allerdeutlichsten, daß es eigentlich für keinen Menschen einen anderen Weg der Frömmigkeit braucht, als was aus Propheten und Psalmen zu ihm spricht, nämlich diese innere Erhebung der Seele zu ihrem Schöpfer in demütiger Hingabe und felsenfestem Vertrauen und ihre Bekundung in einem reinen Lebenswandel vor Gott und den Menschen. Auch der Schöpfer der christlichen Religion ist in seinen Aussprüchen keinen neuen Weg der Frömmigkeit gegangen. sondern den Weg der Propheten und Psalmisten. Ja, er hat im Streite mit den vom Neuen Testament als Heuchlern gezeichneten Pharisäern noch nicht einmal grundsätzlich deren äußere Frömmigkeit angegriffen, denn er hat sie ja selber genau so geübt, sondern nur verlangt, was die Propheten und Psalmisten, ja was die Pharisäer selber verlangten: die Eingliederung der Frömmigkeit in sittliche Grundsätze, die Begrenzung derselben durch sittliche Momente, ihre Uebung aus sittlichen Motiven. Mit Recht erklärt der ausgezeichnete christliche Erforscher der pharisäischen Lehre: Der Pharisäismus war nichts anderes als angewandte Prophetie. Es ist ganz irrig, zu glauben, weil Christus sich gegen Auswüchse wrandte, die an Menschen hafteten, daß er darum Ideen und Forderungen des Judentums selber angegriffen habe. Nicht im geringsten! Wenn er gerne das Wort des Jesaia zitiert: .,Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber hält sich fern von mir", — so hat gerade an dieses Wort ein Talmudlehrer den schönen schlichten Ausspruch angeschlossen, der für jede Frömmigkeit als sittlicher Grundsatz gelten muß: „Gott wrill das Herz". Und wenn Christus gegen pharisäische Heuchler, gegen heuchlerische Frömmigkeit sich so ganz besonders scharf wendet, so konnte er es nicht schärfer tun als es einer der jüdischen Schriftgelehrten selber getan hat, der von einem solchen Frömmler im Anschluß an ein Wort Kohelet's einmal sagte: „Er hüllt sich in seinen Gebetmantel und hat die Gebetriemen um seinen Kopf, aber siehe da, neben ihm fließen Tränen von Bedrückten und an ihm haben sie keinen Tröster". Es ist darum auch durchaus falsch, wenn der große Denker Kant jeder gottesdienstlichen Religion den echten Glauben bestreitet, weil er ein Fron- und Lohnglaube sei und keine moralisch gute Gesinnung als notwendig voraussetze. Nein, jeder echte Glaube setzt auch in der Kultus-Uebung solche Gesinnung als notwendig voraus, und es ist erst recht eine völlige Verkennung, wrenn Kant nur dem Christentum eine Moral überhaupt zubilligt und sie dem jüdischen Glauben Aröllig abstreitet. Hier gerade, in der Einbeziehung der moralischen Forderungen in die Uebung der religiösen Gebräuche, liegt ein gemeinsames Fundament der beiden Religionen, und von hier aus öffnet sich auch jener gemeinsame Weg der Frömmigkeit, den wir erspähen wollten, um eine Stunde wie diese nach Inhalt und Form zu einer Stunde religiöser Weihe für Jedermann zu gestalten. Doch was bedeutet nun dieses Sittliche, das aller echten Frömmigkeit notwendige Voraussetzung und unentbehrliche Zugabe sein muß? Auf diesem Gebiete, wenn es um das Verständnis des Sittlichen gehl, könnte uns ganz gewiß keiner ein besserer Führer sein als Kant, der die Kennzeichen des echten Sittlichen maßgebend für alle Zeiten und Menschen festgelegt hat: daß es nämlich nur aus sich selbst heraus und um seiner selbst willen geübt werden dürfe, daß es eine allgemeine Norm, also für jeden in gleicher Weise verbindlich sein müsse, und daß es endlich eine unab-. weisbare, durch nichts aufzuhaltende Pflicht bedeute. Aber uns ist es doch hier nicht um die philosophische, sondern um die religiöse Erfassung des Sittlichen zu tun, und diese geht noch viel tiefer als jene. Sie läßt alles Sittliche in Gott selber wrurzeln als dem Urgrund und Urbild alles Sittlichen, der uns darum als Vorbild stets vor Augen stehen soll. In der Kennzeichnung des religiös-Sittlichen wollen wir darum lieber einem jüdischen Philosophen des Mittelalters folgen, der in seinem Werk über die Herzenspflichten die echte Frömmigkeit mit ihrem religiösen Inhalt und und ihrem sittlichen Vor und Nach dahin bestimmt hat, „daß wir den Glauben an den einig-Einzigen uns