Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 1 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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21 Mendelssohn über einen Judenstaat. Am 23. Januar 1770 erhielt Moses Mendelssohn ein Schreiben des Direktors der1 königlichen Hauptbank zu Berlin, Köss, der ihm ein geschlossenes Manuskript eines „Mannes vom Stande" zur Begutachtung weiterleitet. In dem Schreiben teilt dieser Mann mit. daß er durch die Aufforderung Lavaters, Mendelssohn möge zum Christentum übertreten, veranlaßt worden sei, sich mit dem Problem des jüdischen Volkes zu beschäftigen. In einer eingehenden Abhandlung hat def Schreiber versucht, die Lösung des Judenproblems zu finden. Der Inhalt der Beilage ist unbekannt, jedoch läßt sich aus der nachfolgenden Antwort Mendelssohns an den „Mann vom Stande" schließen, daß es sich um ein genau ausgearbeitetes Judenstaatsprojekt gehandelt hat. Mendelssohn an einen Mann vom Stande. Ich muß gestehen, daß ich von der politischen Verfassung der Staaten nicht mehr weiß, als man etwa durch den gemeinen Umgang mit Leuten, die nicht sehr über1 meinen Stand erhaben sind, lernen kann. Wie kann ich also ein Project beurtheilen, das die tiefsten Kenntnisse der Statistik voraussetzt? Ueberhaupt genommen, scheint mir die Idee groß, und in einem Geiste entstanden zu seyn, der sich seiner Kräfte bewußt ist. Der Eifer für1 die Toleranz, der Abscheu vor der Hierarchie, und die Gesinnungen in Absicht auf Religion und Sitten beweisen, daß der Verfasser so weise als groß zu denken gewohnt ist. Selbst die Zuversicht mit welcher derselbe von der Ausführung eines so kühnen Unternehmens spricht, hat mir für" dessen Charakter eine nicht gemeine Hochachtung eingeflößt. Die Kühnheit meines Geistes, wenn ich andeis etwas davon besitze, erstreckt sich bloß auf speeulative Dinge. Im Practischen bin ich stets in einer allzu engen Sphäre eingeschränkt gewesen, als daß ich die Fertigkeit hätte erlangen können, mich zu großen Dingen zu erheben und über gemeine Schwierigkeiten hinwegzusehen. Wer kann seiner Größe eine Spanne zulegen? Die größte Schwierigkeit, welche mir dem Projecte im Wege zu stehen scheint, ist der Char'akter meiner Nation. Sie ist nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas großes zu unternehmen. Der Druck, unter welchem wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserm Geiste alle vigueur benommen. Es ist nicht unsere Schuld; allein wir können nicht läugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Thätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verändert«, und äußert sich bloß im Beten und Leiden, nicht im Wirken. Ich verspreche mir sogar von meiner so sehr zerstreuten Nation den Geist der Vereinigung nicht, ohne welchen der überlegteste Entwurf scheitern muß. Von der andern Seite scheint mir auch die Unternehmung unermeßliche Summen zu erfordern; und ich, der ich weiß, daß der Reichthum meiner Nation mehr in Credit als in wirklichem Vermögen besteht, kann nicht glauben, daß ihre Kräfte hinreichen, solche zu erschwingen: wenn auch übrigens die Begierde zur Freiheit noch so große, und die Liebe zum glänzenden Metalle noch so geringe Gewalt über sie haben sollte. Alle diese Schwierigkeiten umgerechnet, scheint mir ein solches Project nur alsdann ausführbar zu seyn, wenn die größten Mächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind, und jede für sich zu sorgen hat. In der Ruhe, in welcher sie dermalen leben, kann eine einzige eifersüchtige Macht (und deren würden nicht wenige seyn) das Project scheitern machen. Die unglücklichen Kreuzzüge scheinen diese Besorgniß nur zu sehr zu rechtfertigen. Ich sende also die mir anvertrauten Papiere mit der feierlichsten Angelobung eines ewigen Stillschweigens hiermit zurück. Die natürliche und in jedem anderen Falle nicht unlöbliche Begierde, eine Person, die man hochachten muß, näher zu kennen, verspreche ich gleichfalls zu unterdrücken. Moses Mendelssohn. Berlin, den 26. Jan. 1770. Zwei Stammbuchblätter von Moses Mendelssohn mitgeteilt von Maria Lanckoronska. Die Linel-Sammlung für Buch- und Schriftkunst in Frankfurt am Main besitzt in ihrer annähernd achthundert Nummern umfassenden Stammbuchabteilung zwei besonders wertvolle Dokumente!. Erhält das eine derselben seinen Mittelpunkt im Eintrag von Goethe, das andere in dem Beitrag Lessings, so gewinnen beide durch zahlreiche Eintragungen namhafter Persönlichkeiten noch an Interesse. In beiden Stammbüchern findet sich auch der Name von Moses Mendelssohn. Im Stammbuch des Helmstädter Theologen Philipp Heinrich Giseke vereinigen sieh die Namen zweier unsterblicher Geister, zugleich einer nicht minder unsterblichen Freundschaft: im selben Jahre, in welchem sich Lessing zu Wolfenbüttel Herrn Giseke zum Gedächtnis eintrug, schrieb der im Sommer 1774 zur Kur in Pyrmont weilende Mendelssohn am 30. Juni die Worte nieder: „Gradheit und Rechtlichkeit mögen Dich schützen. Zum Andenken geschrieben von Moses Sohn des R abbi Menachem". Dieser in hebräischer Sprache und in Druckbuchstaben geschriebene Eintrag wirkt fast wie eine lebendige Dlustration zu Nathans Erzählung von den drei Ringen, denn der jüdische Denker schrieb dem christlichen Gottesgelehrten Worte in das Stammbuch, die aus der Tiefe der allen Religionen innewohnenden Religiosität kommen, Worte, die für alle von gleicher Bedeutung sind. Gradheit des Denkens, Handelns und Redens ist eine der wesentlichsten Eigenschaften Mendelssohns. Sie und die aus ihr kommende und sie ergänzende Rechtlichkeit sollen den Freund begleiten. Auch die Unterschrift des Blattes ist von Bedeutung. Wenn Philipp Heinrich Giseke, wie man annehmen darf, ein jüngerer Bruder des Dichters Nikolaus Dietrich Giseke ist, dieser aber deT Sohn eines evangelischen Geistlichen war, so hat Mendelssohn dem Sohn des Pastors Giseke als Sohn des Rabbi Menachem unterschrieben. Es wäre nicht uninteressant, Näheres über den Besitzer dieses Stammbuchs zu erfahren, der zugleich mit Lessing und Mendelssohn bekannt und, wie aus den Daten der Eintragungen seiner Studienfreunde hervorgeht, vielleicht auch mit beiden gleichaltrig war. > I Ebenso wäre es von Bedeutung, Genaues über den Inhaber jenes Stammbuches, in welchem sieh neben Goethe, Herder und Wieland auch Mendelssohn eintrug, zu wissen. Leider läßt sich über Herrn v. Brack nur sagen, daß er ein Jünger der Musen war, der, unter einem unglücklichen Schicksal leidend, im Jahre 1784 nach Italien fuhr, um dort Trost zu finden. Zuvor besuchte er im Herbst 1783 Leipzig, Göttingen und Weimar und kam zu Beginn des Winters nach Berlin. Dort trug sich am 16. Dezember Moses Mendelssohn mit dem Spruche ein: „Liebet die Wahrheit und den Frieden!". /jn/S vhbTt) jnpfir* i f^ro 4ppJ>D ^>)^b' ypo SjJj, ^Co^ojo V ^pSp nDn In diesen Worten ist Mendelssohns eigene Persönlichkeit auf die kürzeste Form gebracht. Denn sein Streben zielte zeitlebens auf Wahrheit, die er durch Wahrhaftigkeit, durch jene bereits geschilderte Gradheit, zu gewinnen suchte. Doch war er, hierin zu Lessing gegensätzlich, keine Kämpfernatur, sondern ein Mann des Friedens. Jedem heftigen Disputieren war er feindlich, und etwa entstehende Wortgefechte schlichtete *■*•-*-«*«' es^^O er gerne durch den Hinweis, daß es eben Wortstreitereien, nicht Sinnstreitigkeiten seien, um die es sich handle. Für 'Um konnte es nur einen stets gleichen Sinn geben, dessen Fassungen zwar gleich den Erscheinungen verschieden sind, dessen Wesenheit aber unwandelbar ist. Denn die Wahrheit, nach welcher Mendelssohn strebt und auf welcher seine Weisheit beruht, ist das Göttliche.