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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 20

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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sprächen; mag es sich nun um den Gedankenaustausch zwischen ihm. dem Lernenden, und seinen mitstrebenden Freunden handeln: mag das Gespräch zwischen ihm, dem Lehrenden, und seinen Schülern sich abspielen. Lebendig wird das Bild dieser schriftlichen Gespräche in seinen Briefen aus späterer Zeit dann ergänzt durch die Schilderungen, die sein begeisterter, wenn auch nicht ebenbürtiger Schüler David Friedländer von den ..Unterhaltungen mit Moses Mendelssohn" entworfen hat. Hier erleben wir wirklich neue sokratiscbe Szenen im Berlin Friedrichs des Großen. Eigentliche Schüler hatte Mendelssohn freilich nicht, meint Friedländer, wie er denn auch nie ein öffentliches Lehramt bekleidete. Die Jahre seiner Hauslehrertätigkeit waren vielleicht die einzigen in diesem arbeitsvollen Leben, wo er sich im Hauptberuf einer geistigen Beschäftigung hingeben konnte. Aber dennoch kam zu dem Weltweisen, dessen Tagesstunden der „seidenen Warenhandlung" gehörten und dessen Mußestunden nur sich der Philosophie hingeben konnten, in späteren Jahren, besonders am Sabbath oder an Feiertagen, wer immer in Berlin von Jud und Christ Sinn für geistige Gespräche hatte. Hier war der Inhalt der Gespräche freilich ein andrer als in der literarisch-kritischen Arbeitsgenossenschaft mit Lessing und Nicolai: nicht ästhetischkritische Fragen wurden besprochen, sondern Probleme, wie sie das Leben der jüdischen Gemeinschaft zu damaliger Zeit lebhaft bewegten. Vornehmlich Erziehungsfragen; Verbesserung des Unterrichts der jüdischen Jugend, Empfehlung der deutschen Muttersprache waren Mendelssohns Lieblingstiiemata. Auch über Moral und Spraehkunde. hebräische Literatur, die israelitische Religion und ihre Grundlehren wurde häufig gesprochen. Nie aber wagte einer von der kampflustigen Jugend — wie der später selbst sehr radikale David Friedländer hervorhebt — in Mendelssohns Gegenwart in dem damals üblichen spöttelnden Tone von ..talmudischen Streitigkeiten oder unscheinbar gewordenen Ritualgesetzen" zu sprechen. Lebendig beschreibt der Schüler eine solche Disputation im Arbeitszimmer des Weltweisen: j ..Moses saß gewöhnlich als Kampfrichter auf einem Armsessel | mit niedergesenkten Augen. Aber Alle sahen auf ihn und seine I Bewegungen. Oft befeuerte er den Muth durch ein plötzliches Auffahren, oder durch einen einsilbigen Ausruf, oft belohnte «r durch lächelnden Beifall. Ein schnelles Niedersehen, ein verneinendes Kopfschütteln galt ohne ein lautes Wort für bedeutenderen Tadel. Wenn dieses nicht wirkte, wenn der Gegner auf wohlbegründete Einwände sich nicht ergab, oder wenn endlich Reden und Gegenreden sich durchkreuzten und verwirrten, so stand er wohl auf von seinem Sitze, trat in die Mitte der Streitenden und schien liebreich um Gehör zu bitten. Dann erfolgte ein ehrerbietiges Stillschweigen. Nun nahm er den Faden des Gesprächs auf, entwickelte die Streitfrage, stellte Satz und Gegensatz mit einer ihm eigenthümlichen Klarheit und Kürze gegeneinander, und ließ die Streitenden die Vergleichspunkte selbst finden, ohne des einen oder des andern Parthei geradezu zu nehmen. Wenn ich dann die Hitze gelegt und die Vereinigung stattgefunden hatte, pflegte Mendelssohn zu sagen: „Sehen Sie, meine Herren! Es war ein bloßer Wortstreit, wie es gemeiniglich der Fall ist, ich glaubte gleich, Sie würden eines Sinnes werden.' Schon hier zeigt sich deutlich die Eigentümlichkeit der Mendelssohnschen Gesprächskunst: es ist die sokratiscbe Methode, angewandt auf das Problem der Stunde. Auch wenn er niemals den Phädon geschrieben hätte, so verstehen wir hier, warum ihn die Zeitgenossen unter dem Bilde des „jüdischen Sokrates" sehen mußten. ,,Manchmal eröffnete der Weltweise selbst die Unterhaltung," so fährt Friedländer fort. Das Ich wurde nie gehört. „Ehe Sie kamen," fing er dann an, „hat ein junger Mann aus unsrer Mitte, wie mich dünkt, eine geistreiche Bemerkung gemacht... Sie mögen urteilen..." Und nun trug er das Erwähnte mit einer unnachahmlichen Holdseligkeit vor, begleitete es mit erläuternden Zusätzen (wenn es wirklich einem Dritten, nicht ihm selbst gehörte) und doch immer soviel wie möglich mit den eignen Worten des Urhebers____ Wie oft war der junge Mann freudig überrascht, daß er. etwas so gar Geistreiches zutage gefördert! Der Keim " Cald-Cabaret, Casino KAISERSTRASSE 56 TELEFON HANSA 1847 2 Kapellen .Tanzbar KEIN WEINZWANG gehörte ihm freilich, aber die Pflege des Gärtners, das Sonnenlicht, das dieser so kunstreich hatte darauf fallen lassen — diese waren es eigentlich, welche Blüte und Frucht, jene so schön, diese so reif ans Licht brachten____ Dieses war die Weise des deutschen Sokrates, die Methode, durch welche er wie der griechische die Geburten seiner Schule zum Leben entwickelte____" Noch eindringlicher zeigt sich diese wahrhaft lebenweckende Art in den Gesprächen, die Mendelssohn als Berater, als Tröster, „als Beichtvater", wie ein junger Freund ihn nannte, mit den Rat- und Hilfesuchenden, die aus allen Gebieten Deutschlands, ja Europas damals sich an ihn wandten, führte. Da sind die polnischen Juden, deren er sich besonders angenommen zu haben scheint: ständig beherbergt, er einen oder den andern dieser fremden Brüder als Hausgenosssen, wie etwa den seltsamen Reb Abraham Rechenmeister, der dann Lessing zum Vorbild seines Derwischs wurde. Mit den polnischen Juden, die niemand verstand, wußte Mendelssohn aufs beste zu reden, erzählt einer von ihnen, Salomon Maimon, Kantschüler und Ketzer; er sprach dann ganz wie einer aus ihrer Mitte, wußte sich auch ihrer Denkart aufs beste anzupassen. Ließ ihn aber die Herzogin Dorothea, von Kurland mit ihrer Schwester, der geistreichen Elisa von der Recke, nach ihrem Schloß Friedrichsfelde bitten, so wußte er ganz im galanten Tone des Rokoko auf die schäferlichen Gespräche über Geßners Idyllen einzugehen; „der liebenswürdige Philosoph im Judenbarte", wie ihn Sophie Becker, die Begleiterin Elisas, nennt, bewegt sich mit derselben Sicherheit unter den schönen Frauen wie eben noch im Gespräch mit seinen bärtigen Besuchern. Unter den jungen Menschen, die sich in Gewissensnöten zu seiner milden Weisheit flüchteten, erscheint der Benediktinermöneh Winkopp, der ihm, wie er berichtet, die Umwandlung seines ganzen Wesens verdankt — leider sind die täglichen Gespräche, die er eine Zeitlang mit Mendelssohn führte und seinem eignen Berichte zufolge gleich aufzeichnete, noch nicht wieder ans Licht gekommen. Aber aufs lebendigste erleben wir noch heute seine Unterhaltungen mit der kurländisehen Pfarrerstochter Sophie Becker, die Elisa von der Reckes Reisebegleiterin war und eine nahe Freundin des Mendelssohnschen Hauses wurde. In ihrem Tagebuch berichtet Sophie, wie sie in den letzten Lebensmonaten des Philosophen immer wieder sich mit Elisa oder allein bei ihm einfindet; wie sie über Judentum und Christentum, Jacobi und Lessing, Musik und Religion von ihm sich belehren läßt. Dieser Pfarrerstochter aus dem Norden gilt denn auch das letzte schriftliche Gespräch, das Mendelssohn geführt hat. In der Weihnachtsnacht hatte sie sich zu ihm geflüchtet und ihm die Not ihres Herzens, den verlorenen Kinderglauben, den die neu erworbene Vernunftreligion Dir nicht ersetzen konnte, gebeichtet. Da weist ihr Mendelssohn — fast am Vorabend seines Todes-— die Einigung von Vernunft und Gefühl, zu der er sich selbst durchgerungen hatte: es klingt wie ein Testament. Stellen wir alle diese vielfarbigen Gespräche des jüdischen Weisen mit den verschiedensten Menschen nebeneinander, so ergeben sich uns gewisse einigende Elemente, die ihnen fast allen gemeinsam sind. Die Methode des Sokrates, von der Mendelssohn ausging, hat er, wie es scheint, recht in sein Leben aufgenommen; aber er bildet sie weiter durch eine nur ihm eigentümliche grenzenlose Fähigkeit des Einfühlens in den Andern. Wie Shakespeares Prinz Heinrich beherrscht er die schwere Kunst, „mit jedem Kesselflicker in seiner Sprache zu sprechen". Ob nicht alt-jüdisches Erbteil, das dem Juden als eine Art Notwehr im Kampf gegen viele Fronten zuteil geworden ist, diese grenzenlose Anpassungsfähigkeit mit hervorbrachte? Zugleich aber eint sich damit bei aller sarkastischen Schärfe, deren er fähig war, und die seinen Zeitgenossen als „schneidender talmudischer Witz" erscheint, ein unermüdlicher Drang zur Harmonisierung der Gegensätze. Hier beherrscht die im Tiefsten versöhnende Lebensweisheit des Aufklärungsphilosophen den Gang seines Gespräches — und zeigt ihm das Ziel: eine Harmonie der Welt, wie sie außer in Leibnizens bester aller Welten nur noch im messianischen Reich der Juden denkbar ist. /- sr I Call! Hanselmann-Kfliseroaricn | 1 gegenüber dem Opernhaus H j Künstlerkonzerte 4-12 Uhr K

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