Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 1 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
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19 Moses Mendelssohn im Gespräch. Von Dr. Bertha Badt-Strauß. Den „deutschen Plato" nannte Moses Mendelssohn seine Zeit; und kein Geringerer als Immanuel Kant versteigt sieh zu dem Lobesausbruoh, daß die Muse der Philosophie, wenn sie sich eine Sprache hätte erwählen wollen, sieh Moses Mendelssohns Schreibart erwählen würde. Alle diese Urteile erscheinen dein Geschlechte, das heute Mendelssohns 200. Geburtstag in Dankbarkeit begeht, zwar nicht unverständlich, aber doch ein wenig fem und fremd. Moses Mendelssohn, der Philosoph der deutschen Aufklärung, hat seine Zeit zum völligsten Ausdrucke gebracht — und ist mit seiner Zeit verschwunden. Aber heute noch und für viele Geschlechter nach dem heutigen lebt Moses Mendelssohn der Mensch in der Einmaligkeit und Reinheit seiner Erscheinung, die aus dem buckligen Sohn des Zelmgebotschreibers von Dessau den Lebensfreund eines Lessing und fast den Beichtvater des gebildeten Europa machte. Um es ein wenig anders zu fassen und uns eines altjüdischen Gleichnisses zu bedienen, das hier einmal vom Größeren aufs Geringere übertragen werde: die Schriften Mendelssohns werden gewiß (bis auf wenige Ausnahmen) früher oder später in Rauch aufgehen, aber es lebt das lebendige Wort des Menschen Moses Mendelssohn. Doppelt und dreifach muß es nach solchen zeitbedingten Jubiläumsgedanken unsre Teilnahme erwecken, die Worte dieses menschlichsten Menschen uns heut wieder einmal vor die Augen oder vielmehr vor die Ohren zu führen. Mendelssohn im Gespräch: ihn selbst und seine Art darin zu erkennen, stehen uns heut zwei Wege offen: seine Gespräche im eigentlichsten Sinne des Wortes, über die alte und neuere Forschung zahlreiche Berichte von Ohrenzeugen zutage gefördert hat; und seine schriftlichen Gespräche mit abwesenden Freunden — seine Briefe.*) Denn nichts anderes als schriftliche Gespräche wollen die bezeichnendsten dieser Mendelssohnschein Briefe, die ersten Briefe an Lessing, sein. Wie der Fremdling aus Dessau war auch der junge Lessing ganz aufs Ausströmen und Mit- *) Vgl. das soeben erschienene Buch: Moses Mendelssohn. Der Mensch und das Werk. Zeugnisse, Briefe, Gespräche. Hgg. v. Bertha Badt-Stranss. Welt-Verlag. Berlin 1929. teilen seiner Gedanken eingestellt. Im wechselseitigen Geben und Nehmen des Gesprächs entwickelte sich die erste natürliche Arbeitsgemeinschaft zweier gleichgerichteter Geister. Und als nur zu bald der unermüdliche Angreifer und Fechter Lessing aus der Berliner Gemeinsamkeit schied, da wollten beider Freunde erste Briefe nichts andres und konnten nichts Besseres wollen, als die „M o r g e n g e s p r ä c h e" zu ersetzen, die beide täglich von sieben bis neun vereint hatten. „Briefe nach unserer Art" nennt Lessing diese Zeilen einmal und. erläutert ihren gesprächshaften Schlendergang: „hundert Elleinigkeiten, von der Art, wie wir sie in unsern Morgengesprächen abzuhandeln pflegten". So behalten denn auch diese Briefe den ganzen Reiz des Gespräches; bald wirft der Eine, bald der Andre eine Frage auf, die dann gemeinschaftlich erörtert wird. Gleichzeitig aber ergibt sich aus diesem Bild der Briefe wie in einem doppelten Spiegel auch das Bild der Gespräche — solcher Gespräche, wie sie Lessing, Mendelssohn und Nicolai und ihr Berliner Kreis zu führen pflegten, und wie sie im Rahmen der Mendelssohn-Gespräche eine wichtige Rolle spielen. Mitarbeiter- Gespräche möchte ich sie zum Unterschiede von einigen anderen Erscheinungsformen des Mendelssohn-Gesprächs gerne nennen. Denn auf Mitarbeit, auf Zusammenarbeit, auf sachliche Ergebnisse des Sprechens ist es in ihnen besonders abgesehen. Nicht ein Hinströmen innerster Gefühle geschieht hier, wie wir Späteren es etwa in den Briefen und Gesprächen des jungen Goethe kennen; kein Stammeln, kein Ringen mit dem scheinbar unzulänglichen Ausdruck übermächtiger Empfindung. Niemals mögen sich Lessing und Mendelssohn etwa wie Goethe und Lavater in die Arme gesunken sein mit dem Rufe: „Bist's?!" — „Bin's!" — Ueberhaupt ist vom „lieben Seelehen" der Unterredner, das Goethe damals „hegte wie ein krankes Kind", herzlich wenig die Rede. „Das Ich ward sorgfältig vermieden", so kennzeichnet ein Schüler Mendelssohns später die seinem Lehrer eigentümliche Form des Gespräches. Dagegen handelt es sich ein für allemal um Lernen; um aachliche Bereicherung nicht so sehr durch Hinzufügung von Kenntnissen, sondern hauptsächlich durch Klarstellung eines bis dahin dunklen Problems. „Lernen!" dies Wort soll nach altem Berichte ja das erste Wort gewesen sein, das der dreizehnjährige Moses dem Torwart am Rosenthaler Tor bei seinem Eintritt in Berlin als Zweck seines Berliner Aufenthaltes sagte. In großen Lettern steht das Wort auch über Mendelssohns Ge- Seyd & Sautter, Langenbach W.K.-Haus Kaiserstraße 28 W. K. Möbel Vom Siedlungsmöbel bis zur anspruchsvoll-eleganten Wohnung. 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