Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 1 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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überzeugt, daß alles, was je geschah, geschehen mußte, verj suchen wir den Sinn dieses Geschehens aufzuklären, den Sinn j in seiner ganzen Fülle, mit aller Problematik, die er in sich birgt. | Mendelssohn schuf eine der wesentlichsten formalen Vori bedingungen der Judenemanzipation, indem er den j Juden den Zugang zu einer europäischen Sprache ebnete. Daß es gerade die deutsche war. ist wesentlich Zufallder Geburt und der Umstände, denn sein Wirken spielte sich in einer Atmosphäre ab. die menschheitliehes, will sagen europäisches Ethos hatte. Diese Atmosphäre ist ein unablöslicher Hintergrund. Wenn man den Juden als „Menschen" deklarierte, aufwies, daß er gar nicht ein so geheimnisvolles Wesen war, als das ihn das Mittelalter sah, sondern ein Wesen gleicher Art, mit den gleichen Neigungen, Leidenschaften, Kräften und Möglichkeiten wie alle Bewohner Europas, dann bedurfte es nur nocli eines wenigen, um ihn letztlich und völlig zum Europäer zu machen. Es ist sehr notwendig, diesen Hintergrund der Aufklärung im Auge zu behalten, diese Zeit, die das Trennende in konfessioneller Hinsicht aufhebt, in nationaler Hinsicht noch gar nicht sieht und die eine allgemeine Menschenvernunft — wenn es auch die Vernunft lediglich des westeuropäischen Rationalismus war — akzentuiert. Auf diesem Hintergrund wird die Leistung und Wirkung der Mendelssohnschen Bibelübersetzung erst recht verständlich. L e s s i n g und der Kriegsrat Dohm hatten vorgearbeitet. Beide, indem sie „Aufklärung" über die Juden schufen; der eine nach der menschlich-moralischen Seite hin, der andere wesentlich unter politischen Aspekten, die in der Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung terminierten. Und Europa war am Vorabend der „Erklärung der Menschenrecht e", war zur Lösung der Judenfrage reif und bereit. Es fehlte nur noch die Bereitschaft auf Seiten der Juden selbst. Und diese bereitete für Deutschland Mendelssohn vor: formal, indem er den Juden die deutsche Sprache zugänglich zu machen suchte; material durch seine aktive Anteilnahme an den geistigen Bewegungen der damaligen Zeit, die ernst und gehaltvoll genug war, um ihn die Freundschaft und Achtung Lessings und anderf r Repräsentanten des Jahrhunderts finden zu lassen. So wächst dieser Mann über die Begrenztheit seiner Lebenszeit und seines Wirkungsraumes hinaus und scheint zu einer der Figuren zu werden, die einen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte bedeuten. Es scheint, als ende eine fast 2C00jährige Nacht, als komme ein neuer Morgen herauf, als würde das Ghetto nunmehr überwunden. Von Frankreich her bricht ein neuer Menschlieitsmorgen an: der Frühling der Völker verkündet auch dem jüdischen Volke Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Und die Juden ihrerseits sind bereit und willig, ebenfalls einen Strich unter alle Vergangenheiten zu ziehen und Schulter an Schulter mit der gesamten Menschheit in eine neue Epoche der Geschichte einzutreten. So ungefähr is£ die landläufige Meinung über die Zeit Mendelssohns und die folgenden Jahrzehnte. In ihnen wurde, so meint man, die Judenfrage für die westeuropäischen Länder, darunter Deutschland, endgültig liquidiert. Und manches, was man an der auf Mendelssohn folgenden jüdischen Generation sieht, ist geeignet, dieser Meinung Stütze zu bieten. Zwar ließ die politische Emanzipation noch auf sich warten, aber dafür war die Erlangung des Bürgerrechtes im Reiche des Geistes um so umfassender und schneller. Leidenschaftlich und intensiv wendet sich die auf Mendelssohn folgende jüdische Generation der geistigen Bewegung Deutschlands zu. In ihren Kreisen wird Goethe rezipiert, und nicht nur rezipiert, sondern zuerst verstanden. Marcus Herz, der Freund und Korrespondent Kants, gehört zu dieser Generation; und eng ist mit dem Begriff der deutschen romantischen Bewegung die Erinnerung an die jüdischen Salons, an Rahel Levin, Henriette Herz usw. verbunden. So scheint es, als wäre die Saat Mendelssohns in überreichem Maße aufgegangen. Fast ist es schon schief zu sagen, daß die Fäden hinüber und herüber gehen. Eine geistig- - seelische Heimat scheint die deutschen Romantiker und die zeitgenössischen Juden zu umschließen. Auffällig ist nur die Verteilung der Rollen zwischen den Produktiven, den Schaffenden, und den Rezeptiven, den Aufnehmenden. Alle hier genannten Juden erschöpfen ihre Rolle in der Rezeptivität. Die Produktivität, schien es, war dem andern Partner des Bündnisses vorbehalten. Hier muß der Historiker stutzig werden, denn der ganze Sinn der Mendelssohnsehen Leistung konnte und sollte doch nur der sein, den Juden die Eingliederung in Europa zu ermöglichen, ihnen die Teilhabe zu schaffen an allem, was das damalige Europa bot. Das aber bedeutet, daß auch ihre produktiven Fähigkeiten in dem neu erschlossenen Lebsnsraum Wirkungsmöglichkeiten erhielten. Gleichberechtigte Eingliederung und Teilhabe erschöpft sich nicht im Nehmen und Verstehen allein. Dazu gehört auch das Geben, die Eingliederung der eigenen Leistung in das allgemeine Werk. Nur wenn der jüdische Genius und seine Träger eine Stätte und eine ihrer würdige Stätte in der neuen Heimat fanden, verdiente diese wirklich den Namen einer Heimat und eines Lebensraumes. Die Geschichte hat die Probe auf das Exempel gemacht, sie ließ einen Mann geboren werden, der alle Hoffnungen ernst und wörtlich nahm, und dessen Leben ein einziges Experiment über die Fundiertheit dieser Hoffnungen war. Hier ging es nicht um Aufnahme und Verstehen, hier bot ein Jude eigene Leistung und — Europa Avar dankbar. Liest man die Aeußerungen Kants, Fiehtes, Schellings, Hegels, dann kann man glauben, es sei der Jude, in dem der Genius des jüdischen Volkes lebte, wirklich als gleichberechtigter Bürger vom zeitgenössischen Europa aufgenommen worden. Aber sieht man sich das Leben S a 1 o m o n Maimons an, so ändert sich das Bild. Ein merkwürdiger Widerspruch zwischen seinem sozialen Dasein in der Gesellschaft und seinem eigentlichen Sein fällt auf. Einerseits ein hochgeschätzter Gelehrter und philosophischer Forscher, andererseits ein — Vagabund. Ein Landstreicher ist es, der sich rühmt, die besten Kommentare zu Leibniz, Hume und Kant, den damals aktuellsten Philosophen, verfassen zu können, und die Historiker der Philosophie sagen ihm nach, daß er~mit Recht sich dessen rühmen durfte. Ruhelos, gejagt, wandernd von Ort zu Ort, nirgends beheimatet, außer auf der Landstraße, verfaßt er, soweit diese Verhältnisse es ihm erlauben, seine Schriften. Seine Gedanken fanden Boden, aber nicht der Mann. Die jüdische Leistung wußte Europa zu werten, mit ihr konnte man etwas anfangen, aber der Träger dieser Leistung mußte sich mit jener Hochschätzung begnügen, die, so ehrlich und aufrichtig sie gemeint sein mag, keine realen Konsequenzen zu haben pflegt. In nichts unterscheidet sich sein äußeres Leben von dem eines Vagabunden oder Hausierers. Was bedeutet es schon, wenn ein Name an bedeutsamer Stelle respektvoll genannt wird und der Träger dieses Namens nicht nur von dieser Stelle ausgeschlossen ist, sondern noch mehr: irrend und ziellos durch die Länder zieht, bis schließlich die persönliche Generosität eines altpreußischen Aristokraten, des Grafen v. Kalckreuth, ihn für die letzten fünf Jahre seines Lebens auf den gräflichen Besitzungen in Schlesien ein Asyl finden läßt. Das Leben Salomen Maimons ist ein enges Beieinander von Paradoxien, wie man sie wohl kaum bei einem anderen Volke findet als dem jüdischen. Ein bedeutender Geist, der keineswegs verkannt ist, von dem man weiß, dessen Werke man liest und diskutiert, bleibt, soweit er persönlich in Betracht kommt, der Fremde, der Andere, der Ausgeschlossene und keiner Gemeinschaft Angehörige. Diesen vagabundierenden Ostjuden, der Zeit seines Lebens nicht richtiges Deutsch zu sprechen und zu schreiben vermochte, bittet ein preußischer Feudalherr, der sicher nicht zu denen gehörte, die damals von dem Fortschritt der Menschheit und der allgemeinen Verbrüderung schwärmten, um die Ehre, sein Haus mit ihm zu teilen. Vielleicht aber liegt ein tiefer Sinn in der Freundschaft dieses tief bohrenden, rücksichtslos und rein, vorbehaltlos und ausschließlich der Sache der Wissenschaft ergebenen Juden mit dem altpreußischen Edelmann. Ueberblickt man so das Leben Maimons, so könnte man glauben, die Geschichte hätte sich seiner bedient, um ein Spiel grausamer Ironie zu vollführen. Fragt und sucht man tiefer, so wird man um einige Lehren bereichert sein. Man sieht zunächst das Problem der jüdischen Existenz in voller Schärfe: sieht, daß gar nicht die Frage um jüdische Fähigkeiten und Leistungsmöglichkeiten geht und auch nicht darum, ob jüdische Leistung von der Welt entsprechend gewertet und aufgenommen wird. Das Problem liegt auf einer „niederen und tieferen" Ebene, die eben gerade deshalb um so elementarer, d. h. lebenswichtiger ist. Das Problem ist die Existenz des jüdischen Menschen, des Trägers jener Leistung; es geht um seine gesellschaftliche Eingliederung, um die Aufhebung der Maimonschen — typischen — Paradoxien, um die Schaffung eines wahrhaften Lebensraumes, wo für jeden Juden der Platz ist, an den er gehört, und wo auch der Träger des jüdischen Genius seine Heimat finden kann. Und wir sehen ein Zweites: Mendelssohn hat einem Versuch, die Judenfrage zu lösen, vorgearbeitet, der Lösung durch die Emanzipation. Es. ist ganz gleichgültig, wie er selber über diese Dinge dachte; wesentlich ist, daß sein Werk historisch eine und zwar eine sehr wichtige Etappe in diesem Prozeß war. Die Zeit war angetan, Hoffnungen zu erwecken und die Wünsche und Intentionen in eine bestimmte Bahn zu lenken. Mitten in diese Hoffnungen hinein, und noch bevor jene Intentionen sich recht auszuwirken beginnen konnten und vielleicht noch ehe sie greifbare Gestalt annahmen, hat die Geschichte einen Mann gesetzt, dessen ganzes Leben ein Fragezeichen in Bezug auf eben diese Hoffnungen und Intentionen ist. Während man der Lösung der Judenfrage zusteuert und auf diese Lösung sieb vorzubereiten beginnt, geht der produktivste Jude der Zeit an eben dieser Frage zugrunde. Dann aber erhebt sich die schwere und ernste Frage, die freilich nicht mehr zur Kompetenz des Historikers gehört, sondern eine Sache des politischen Genies ist, wie denn nun eigentlich dem Juden und dem jüdischen Genius ein wirklicher Lebensraum geschaffen weiden soll.