Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 1 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 der Mitte des 18. Jahrhunderts gegeben hat. Mendelssohn gebührt ein entscheidender Anteil an der Entdeckung, daß der Kunst eine besondere Art unseres Bewußtseins dient. Neben die bisher übliche Einteilung des menschlichen Bewußtseins in Denken und Wollen tritt bei ihm als ein drittes Seelenvermögen das Vermögen der „Billigung" oder des Wohlgefallens, woraus sich dann bei ihm und seinen sachlichen Freunden das „Gefühl" entwickelt. Man sieht, in welch engem Zusammenhang Aesthetik und Psychologie bei Mendelssohn stehen. Mit geistesgeschichtlichem Recht! Denn in Deutschland gewinnt das Bürgertum den neuen Ausdruck befreiten Gefühlslebens zunächst fast ausschließlich in der Kunst. Die deutsche Kunst des 18. Jahrhunderts und ihre Theorie bei Lessing, Mendelssohn und ihren Geistesverwandten ist die „grande revolution" des deutschen Bürgertums. An ihr ist Mendelssohn tatsächlich ei>tscheidend beteiligt. Das Gefühl für „schön1- und „erhaben", für „lustvoll" und „unlustvoll" kommt jetzt im Allgemeinbewußtsein überhaupt zu seinem Recht. Es ist kein bloßes Vorrecht herrschender Kreise mehr. „Die Kunst geht nach Brot", polemisiert noch Lessing. Aber mit deutlicher Verwandtschaft zu Schiller verlangt Mendelssohn bereits, die. Kunst habe die Lehren der Wahrheit in das Gewand der Schönheit zu kleiden, um sie ganz wirksam zu machen. Mit Notwendigkeit dürfen hier die philosophischen Konsequenzen von Kant gezogen werden. In der fortschrittlichen Kunst- und Gefühlsphilosophie Kants, die die „Kritik der Urteilskraft" enthält, haben die Mendelssohnschen Anregungen fruchtbaren Boden gefunden. Die Doppelstellung Mendelssohns kommt erschütternd gegen Ende seines Lebens zum Ausdruck in dein berühmten Streit, den er mit J a c o b i darüber geführt hat. ob L e s s i n g Spinozist gewesen sei. Jacob! hat diese Frage mit Ja beantwortet und darum Lessing abgelehnt; Mendelssohn hat die Frage verneint und damit Lessing gerechtfertigt. Die Streitfrage dürfte zu denjenigen der Geistesgeschichte gehören, über die es eine letzte Sachentscheidung schwerlich gibt, son.lern die ihrem Sinn nach gedeutet werden müssen. Jacobi sieht im Spinozismus ein atheistisches System, in dem bloß mit rationalen Mitteln erkannt wird; indem Lessing dieses System akzeptiere, streiche er die wertvollste Seite des Lebens völlig, die nämlich, die aus dem Unmittelbaren übervernünftiger Quellen des Glaubens fließe. Jacobis Angriff auf Lessingist der erste große Angriff, den die Romantik, die geistige Gegenrevolution gegen den politischen und sozialen Eroberungsversuch des Bürgertums unternommen hat: deren wichtigste Waffe ist die Wissenschaft, und gerade sie sucht Jacobi zu - diskreditieren. Berühmt sind die Worte, die Mendelssohn über Jacobi an Kant gerichtet hat: ..Er für seine eigene Person zieht sich am Ende unter die Kanone des Glaubens zurück und findet Rettung und Sicherheit in einer Bastion des seligmachenden Lavater, aus dessen „engelreinem" Munde er am Ende seiner Schrift eine trostreiche Stelle anführt, die mir keinen Trost geben kann, weil ich sie nicht verstehe. Ueberhaupt ist diese Schrift des Herrn Jacobi ein seltenes Gemisch, eine fast monströse Geburt: der Köpf von Goethe, der Leib Spinozas und die Füße Lavaters." Die geistesgeschichtliche Ironie liegt in folgendem: die schriftstellerischen Sympathien gehörten dem vornehmer kämpfenden Mendelssohn, aber es läßt sich nicht bestreiten, daß Lessings Intentionen in der Tat von Jacobi getroffen werden, wenn er ihn des rationalistischen Geistes (der Wissenschaft) verdächtigt; und zum andern: im Grunde wollten Mendelssohn und Jacobi bei ihrer Verteidigung und ihrem Angriff auf Lessing etwas sehr Aehnliches, nämlich die Existenz des Ueberirdischen als etwas Beweisbaren retten. Mendelssohn versuchte es noch mit dem Rüstzeug der rationalen Schulphilosophie, Jacobi schon mit den irrationalen Gefühlsmächten des romantischen Denkens. Eine persönliche Wendung zum Schluß! Beim Studium Mendelssohns bin ich gelegentlich geneigt, an Goethes Wort über Hamlet zu denken: „eine große Tat, auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist", Mendelssohn ist eine der liebenswürdigsten Erscheinungen in der deutschen Geistesgeschichte. Vornehm in der Polemik, anregend in der Darstellung, eindringlich und. nachgebend zugleich im mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch, selber fremder ' Anregung zugänglich und bereit. Aber nur ein Genius unerhörten Ausmaßes hätte vermocht, die sich kreuzenden und widersprechenden Tendenzen, die sich bei ihm ein Stelldichein gaben, wirklich zu erkennen, zu vereinigen und in gerundeter sachlicher Darstellung zu klären. So bleibt sein Philosophieren häufig ein Ausweichen. Er spricht begeistert etwa von der französischen Philosophie und meint doch nur deren gerade nicht typischen Vertreter Rousseau. Er witzelt über die Ueberlegenheit englischen Denkens über das französische und meint im Grunde mir die Gefühlsseligkeit eines Shaftesbury. Er greift zum Titel einer platonischen Schrift, deren Geist das siegreiche Bewußtsein einer glanzvoll herrschenden Schicht ist, und gibt im Grunde genommen mit ihr nur den Trost der Unsterblichkeit einer dafür aufnahmebereiten bürgerlichen Schicht, die an den Gütern der Sterblichkeit sehr ungenügenden Anteii hat. Aber vielleicht begehen wir ein geschichtliches Unrecht, wenn wir einen Genius ersinnen, den es garnicht geben konnte, vielleicht ist Mendelssohn so, weil für seine ganze Zeit schon das Wort des ..Jungen Deutschland" gilt: „Deutschland ist Hamlet". Naphiali Herz gen. Hartwig Wessely. (1725—1805) Schriftsteller und Verfechter des neuen jüdischen Erziehungssystems, Mitarbeiter an Mendelssohns Bibelkommentar. Zum Problem der Judenemanzipation. Von Dr. Aron Gurwitsch. In diesen Tagen feiert da3 deutsche Judentum den 200. Geburtstag Moses Mendelssohns. Es feiert ihn mit gutem Grunde und mit gutem Recht. Festartikel und Festreden gedenken in dankbarer Rückschau des Mannes und seiner Bedeutung. Und diese ist wahrlich nicht gering. Kämpfe und Errungenschaften, die bald 200 Jahre zurückliegen, tauchen wieder vor unserem Auge auf. Namen, die dem der Gegenwart lebenden Juden nicht gerade viel besagen, schlagen wieder an sein Ohr; und zuweilen werden sie mehr als Namen, beleben sich aus der Fülle der historischen Realität heraus, werden zu Begriffen, d. h. zu Bezeichnungen historischer Kräfte und Personen. In diesen Tagen der Feier geht durch das ganze deutsche Judentum ein Zug zur Rückschau, eine Tendenz zur Historie. Mit Stolz und Freude nennt es Mendelssohns Namen. Wie der Enkel dankbar des Ahnherrn gedenkt, der den Grund zu seinem Wohlstand legte und das Haus erbaute, in dem der glückliche Erbe wohnt, so schaut das deutsche Judentum zurück auf den Mann, der ihm die wesentlichsten Vorbedingungen seiner gegenwärtigen Existenz schuf. In dieser Stunde darf die historische Betrachtung auf Interesse rechnen, auch wenn sie — wie es ihrem wissenschaftlichen Charakter geziemt — sich ruhig und nüchtern gibt, mit der Kühle der Distanz und der Ruhe der Betrachtung, nicht mit dem Enthusiasmus der Feier. Ihr Beruf ist es nicht, Vergangenes zu feiern oder zu verfemen, sondern es zu verstehen, nicht die Kämpfe der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, um in ihnen Partei zu nehmen, sondern zu begreifen, was damals geschah. Im Tiefsten