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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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eines Siegs, der in England schon saturierte Früchte trägt, als Clin Frankreich gerade blutig erfochten wird und in Deutschland sich in eine fast Ii und ertjährige Niederlage verwandelt Moses Mendelssohn verdient weit über eine spezifisch jüdische Interessiertheit liinaus geistesgeschichtliche Beachtung, weil bei ihm alle spezifisch deutschen Tendenzen der Aufklärung erkennbar sind. Aber gerade darum ist es so schwierig, ihn darzustellen, weil sich ein widerspruchsfreies und einheitliches Bild um der Sachzusammenhänge willen selber nicht ergeben kann. Den Gegensätzen, zwischen denen sich sein jüdisches Leben bewegt: Sohn eines Thoraschreibers, Vater getaufter Kinder, entsprechen geistesgeschichtliche: in einem entscheidenden Motiv unterscheidet er sich, der Vergangenheit verpflichtet, von Kant, der seine Schülerschaft ersehnt, regt er Lessing bei seinen ästhetischen Theorien an, um deren weltanschauliche Konsequenzen mißzuverstehen, greift er — vermeintlich seihen Freund verteidigend — J a c o b i an, um im Sinn dieser Polemik sich wieder Kant zu nähern, von dem er sich eben noch ausdrücklich entfernt hat. In den üblichen Geschichtsdarstellungen wird Mendelssohn, unter den Anhängern der Leibniz-Wolffsehen Schule behandelt Allein Karl L a m p r e c h t hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß Mendelssohns Wirksamkeit gleichsam eine besondere neue Stufe in der deutschen Aufklärungsphilosophie ausmache: mit Recht hat er auf ein Wort Mendelssohns hingewiesen, in dem dieser die Leichtfertigkeit angreift, mit der „in allen artigen Gesellschaften" die „tiefsinnigsten Wahrheiten" aus der Wolffschen Philosophie zu „Modeworten" wurden: „die Wahrheit selbst ward durch die Art wie man sie annahm, zum Vorurteil". In der Tat war Mendelssohn durcliaus ein Anhänger jener Schulphilosopbie; aber hatte sie, was liier nur behauptet werden kann, die philosophische Musik zur politischen und wissenschaftlichen Einrichtung der in der absolutistischen Epoche maßgebenden höfischen, neuadligen und frühgroßbürgerlichen Kreise gemacht, so verwendet Mendelssohn und mit ihm eine Reihe anderer die Hauptmotive dieser Philosophie für die breiteren bürgerlichen Schichten des 18. Jahrhunderts. Aus den für die Wissenschaft revolutionären Tendenzen der philosophischen Bewegung im 16. und 17. Jahrhundert wird bei Mendelssohn die Philosophie des „gesunden Menschenverstandes" — ein Wort, das er selber für das Schrifttum vermittelt hat —, eine Philosophie, die nicht mehr ausdrücklich zu leisten hat als das Glückseligkeitsbedürfnis der Mensehen zu befriedigen. Hier wird der deutsche Charakter der Aufklärung im Gegensatz zu der französischen zum ersten Male für uns deutlich- Da& Ziel der westlichen Philosophie war die Entthronung aller theoretisch und praktisch herrschenden, Mächte, die durch die Instrumente Vernunft und Erfahrung geleistet werden sollte. Die behaglichere Stimmung im Mendelssohnschen Denken ist nur ein Zeichen für die unbehagliche Eingeengtheit der deutschen bürgerlichen Kreise gewesen, die keine weltgeschichtlichen Aufgaben lösen konnten. * Schopenhauer-hat Mendelssohn einen der „letzten Schläfer" in der Philosophie vor Kant genannt. Für die geistesgeschichtliche Stellung Mendelssohns im 18. und 19. Jahrhundert erscheint es wesentlich, den Sinn dieser Aeußerung nach zwei Seiten zu beleuchten. Wir fragen zunächst, was das Wort in dem Zusammenhang, in dem es steht, bedeutet. Für Schopenhauer ist die Erscheinung, d. h. die für unsere Sinne wahrnehmbare Welt bloßer Schein, ein Traum, eine Einbildung: und alle Begriffe, die diese Erschemungswelt zu erfassen suchen, sind auch nur eitel Rauch, „Phantasmagorien". Das wirklich Seiende läßt sich überhaupt nicht mit dem Verstand und seinen Mitteln erfassen, dazu bedarf es einer besonderen Methode der inneren Schau. Hier entsteht nun der Gegensatz zur Wolffschen Philosophie und insbesondere auch zu Mendelssohn, denn das sind „rationale Metaphysiker", d. h. sie lehren — eine Ursünde für Schopenhauer! — nicht nur, daß sehr wolil mit den Mitteln des Verstandes die höchsten Wahrheiten erkennbar seien, sondern auch, daß es für die rationale Erkenntnis keinen Unterschied mache, ob sie sich mit den Gegenständen unserer Wahrnehmung oder mit jenem Reich beschäftige, dem die Ideen von Gott und Unsterblichkeit angehören. Im Gegensatz zu Schopenhauer, damit übrigens auch im Gegensatz zu sehr einflußreichen Strömungen modernster Philosophie, existiert für Mendelssohn eine Grenze zwischen einer höchsten Seinswelt und den einfachsten Gegenständen unserer Umgebung nicht. Ein Beispiel etwa dafür ist seine Auffassung von der Unsterblichkeit der Seele, die beim Verfall des Körpers einfach so weiterexistiert, wie sie es bisher getan hat. Die Zeitlichkeit ist bei Mendelssohn nur ein Bruchstück der Ewigkeit, bei Kant freilich steht sie im Gegensatz zu ihr. Denn er will im Gegensatz zu den Spekulationen Mendelssohns und seiner Richtung alle Verstandesbegriffe hur auf die Welt des bloßen Scheins anwenden, und damit hat er die Möglichkeit einer rationalen Metaphysik zertrümmert. Diese Schopenhauersche Auffassung des Verhältnisses von Mendelssohn und Kant ist zwar für die Stellung Mendelssohns innerhalb einer irrationalen Philosophie bezeichnend, aber sie ist einseitig und zu ergänzen. Kant ist es gar nicht eingefallen, die rationalen Methoden für die Erkenntnis des Absoluten als grundsätzlich unzulänglich zu betrachten. Im Gegenteil: zeit seines Lebens hat er an die Möglichkeit einer rationalen Metaphysik geglaubt und Mendelssohn selber in einem Brief vom Januar 1763 auf ihre Wichtigkeit für das „wahre und dauernde Wohl des menschlichen Geschlechts" eindringlich aufmerksam gemacht. Was ihn in Wirklichkeit von Wolff und damit von Mendelssohn trennt ist die radikale Unterscheidung von Sinnlichkeit und Verstand. Für Mendelssohn gibt es diese Scheidung als eine grundsätzliche nicht. Was die sinnliche Wahrnehmung, die Empfindung, das Gedächtnis festgestellt hat, das beweist bei ihm der Verstand noch einmal auf seine besondere Weise: indem er nämlich die in Erfahrung gefundenen Sätze noch einmal als logisch notwendig beweist, werden sie erst richtig. So wird bei ihm die Erfahrung als Erkenntnisquelle herabgesetzt, der bloße Verstand aber in seiner Machtbefugnis so erweitert, daß das logisch Notwendige auch zum wirklich Existierenden wird. In diesem Zusammenhang steht Mendelssohns Gottesbegriff: weil es möglich ist, das vollkommenste Wesen zu denken, muß es auch existieren. Für die geistesgeschichtliche Uebergangsstellung Mendelssohns ist es bezeichnend, daß er diese alte scholastische Beweisart aus bloßen Begriffen auf die Existenz von Tatsachen beim Gottesbeweis noch zuläßt, während er ausdrücklich darauf hinweist, daß sie für exakte Wissenschaften, z. B. für die Mathematik, völlig unmöglich ist. Kants und Mendelssohns Korrespondenz entbehrt nicht tragischer Züge. Immer wieder hat Kant mit den wärmsten Worten Mendelssohn für seine Philosophie zu gewinnen versucht, ja in ihm einen Genius erblickt, der das Denken aus den Bahnen einer veralteten Metaphysik zum Licht der kritischen Wissenschaft führen könnte; aber nach Mendelssohns eigenem Geständnis, das außer im Briefwechsel auch im Vorwort zu den „Morgenstunden" zu finden ist, hat er nicht?nur das Hauptwerk Kants nicht gelesen, sondern sich auch ganz dem Geist um die Mitte des Jahrhunderts im Gegensatz zu seinem letzten Viertel zugehörig gefühlt. In der Tat gehört Mendelssohn als Metaphysiker und Erkenntniskritiker durchaus noch zur merkantilistischen vorrevolutionären Epoche. Es ist bekannt, daß die Berliner Akademie der Wissenschaften einer Preisschrift Mendelssohns den Vorzug vor einer Kants gegeben hat. Dieses Urteil mag vor dem Forum der systematischen Philosophie falsch sein, es besteht zeitgeschichtlich zu völligem Recht. Denn Mendelssohns Schrift bejaht, daß man in Sachen überirdischen Wissens dieselbe Sicherheit haben könne, wie in denen der Erfahrungswissenschaft Wenn dem so ist, dann ist die Welt völlig in Ordnung, so wie sie augenblicklich ist. Die Welt ist ausgezeichnet und gerecht, und alles, einschließlich Gott und die Philosophie, haben nur den Sinn, die menschliche Glückseligkeit zu vermehren. Diese Anschauungen entsprachen, wenn auch für Mendelssohn nicht für sie gedacht, durchaus der Situation der absolutistischen Machthaber. Im Gegensatz dazu steht die Kantische Philosophie, für die die Welt durchaus nicht fertig, durchaus nicht in Ordnung, sondern eine mit Mitteln der wissenschaftlichen Erfahrung zu lösende ewige Aufgabe ist. * Damit ist aber nur eine Seite von Mendelssohns geistesgeschichtlicher Stellung berührt: indem er als Angehöriger einer zur Emanzipation bestimmten Klasse eine für sie feindliche Philosophie akzeptiert, ist er ein Reflex der Unselbständigkeit seiner sozialen Schicht, — aber er repräsentiert auch ihre fortschrittlichen Tendenzen. Sie zeigen sich am deutlichsten wohl in seinen sachlichen Beziehungen zu Lessing. Denn die Theorie der Kunst, es ist natürlich kein Zufall, daß gerade sie es ist, ist der wesentliche Beitrag, den für die Fortentwicklung des Denkens die deutsche Aufklärung in

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