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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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zische Mendelssohn. Obwohl Nachman Krochmal, tiefer gesehen, Mendelssohn und die Aufklärung überwunden und den Weg zu einer neuen Fassung des Judentums geebnet hat. (In meiner Einleitung zu der Gesamtausgabe der Krochmaischen Werke habe ich dies eingehender ausgeführt.) Izehak ßer Lewinsohn (1788—1860), der Verfasser mehreier „Aufklärungs-'- Werke, die einen besonders starken Einfluß ausgeübt haben, der Vater der Aufklärung unter den russischen Juden, ist der russische Mendelssohn genannt worden. Mendelssohn hat all diesen Führern der neuen Zeit gezeigt: man kann Jude sein und muß nicht im geistigen Ghetto verharren, man kann dabei die allgemeine Kultur bejahen, sogar einen aktiven, führenden Anteil an ihr nehmen. Auch "die tolerante, friedliebende, ausgleichende, versöhnende Art Mendelssohns hat die Aufklärer der ersten Generation sehr gefesselt. Dies wollten sie bei Mendelssohn lernen. Aus einer Charakteranlage wollten sie eine Weltanschauung, einen Punkt ihres Programms machen. Die Haskala als solche hatte auch viele gemeinsame Züge mit Moses Mendelssohns Weltanschauung^ und seinem philosophischen System. Sie teilte seinen Rationalismus. Auch sie lebt in der Welt der unbeirrbaren Ratio, im Reich des Vernunftideals. In gewissen Phasen stand auch in der Haskala, wie bei Moses Mendelssohn, das Ideal der Glückseligkeit im Vordergrund. Auch sie teilte einen gewissen rationalistischen Eudämonismus. Auch sie glaubte, daß Aufklärung, Tugend und dergleichen allmählich die bösen „Vorurteile" der nichtjüdischen Welt dem Judentum als Religion und Volk gegenüber aus der Welt schaffen würden. In bezug auf das Problem des H i s to r isehen stand die Haskala, abgesehen von der Krochmal-Rappaportschen Richtung, Mendelssohns bekanntem „Ahistorismus" sehr nahe. Dem ästhetisierend-psychologisierenden Philosophen, dem Kritiker Mendelssohn, wie vielen anderen Aufklärern des achtzehnten Jahrhunderts, fehlte das Organ für das Reich der Historie, für das Reich des geschichtlichen Werdens. In ihrer kritisch-normativen, revolutionären Einstellung berücksichtigte auch die Haskala die Geschichte sehr wenig. Sie war keine bloß verstehende, sondern eine kämpfende, eine wollende Bewegung. Die Haskala stand dem Mendelssohnschen Ideal der Aufklärung sehr nahe. Für Mendelssohn wie für den Königsberger Weltweisen Immanuel Kant, — diesen Alleszermalmer —, der zu Mendelssohn in sehr freundschaftlichen Beziehungen stand (beide schrieben, nebenbei bemerkt, über den Sinn und die Bedeutung der ,.Aufklärung"), bedeutete die Aufklärung -.den ..Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Sowohl für Kant, den Ueberwinder der Aufklärung, als für Mendelssohn, den Philosophen der Aufklärung, war der Wahlspruch der Aufklärung: .JJabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Für Mendelssohn war Aufklärung: sittliches Wollen und Tun, Vernünftigkeit, gesunder Menschenverstand, guter Geschmack, Friede der Nationen und Toleranz der Religionen. Vor allem war es aber das Moment der Denkfreiheit, der Autonomie der Vernunft in der Aufklärunsr. die die Haskala von Moses Mendelssohn übernommen und auf ihren Schild gehoben hatte. Was das Problem des Judentums anbetrifft, so stand dieses für Mendelssohn um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ganz anders, als später für die Maskilim des neunzehnten Jahrhunderts — und hauptsächlich außerhalb Deutschlands. Moses Mendelssohn selber war als Jude viel konservativer und autoritätserebundener als die auf ihn folgenden Führer der Haskala. Die Gesetzesgebundenheit ist, um noch auf diese äußerst charakteristische und oft übersehene Tatsache hinzuweisen, für Moses Mendelssohn eine Selbstverständlichkeit In den ,.Gegenbetrachtungen über Bonnets Palingenesie" sagt Mendelssohn: „Andere Volker können ihre Gesetze nach den Zeiten, Umständen. Bedürfnissen und Bequemlichkeiten abändern, aber mir hat der Schönfer selbst Gesetze vorgeschrieben, sollte ich. schwaches Geschöpf, mich erdreisten, nach meinem Dünkel diese göttlichen Gesetze abzuändern?" In der Einleitung zu den „Ritualgesetzen der Jude n", die 1778 erschienen, aber schon einige Jahre vorher nach langen Verhandlungen entstanden sind, (die Entstehungsgeschichte der ..Ritualgesetze der Juden", die für die Rechtsgeschichte der preußischen Juden äußerst interessant ist, habe ich auf Grund archivalischer Studien in meiner Einleitung zu diesem Werke in der neuen großen Mendelssohn-Ausgabe dargestellt') sap-t Mendelssohn u. a.: ..Alle übrisren in d°r Schrift vorkommenden Gesetze und Verordnungen werden von uns als Befehle Gottes von immerwährender Verbindlichkeit gehalten'*. Die Maskilim der ersten Generation konnten im Prinzip und im wesentlichen, wenn sie auch in manchen Puakten bereits von Mendelssohn abgewichen waren, Mendelssohns Fassung des Judentums wie überhaupt des Relig-'onsbegriffes mit ihrer Weltanschauung vereinen. Ganz anders die Maskilim der zweiten Generation. Trotzalledem betrachteten auch diese radikalen, aggressiven Aufklärer, die von Reformtendenzen der jüdischen Religion erfüllt waren, die weder Moses Mendelssohns positive Stellung zum Gesetz noch sein Postulat der Offenbarung am Sinai oder seine Aufstellung der Hauptgrundsätze des Judentums teilten, Mendelssohn als ihren Ahnen. Sie, die mehr von Voltaire und der aggressiven französischen Aufklärung, als von der friedlichen, „spießbürgerlichen" deutschen Aufklärung beeinflußt waren, mußten doch diesen ersten deutschen Juden, der den Weg zur allgemeinen Kultur auf eine für seine historische Situation so schöpferische Weise gefunden Salomo Dubno (1738—1813) Massoret and Grammatiker, Mitarbeiter an Mendelssohns Bibelkommentar. hatte, als den Befürworter ihrer Bestrebungen ansehen. Viele dieser führenden Maskilim in Oesterreich und in Rußland waren sich der Kluft zwischen ihnen und Moses Mendelssohn gar nicht bewußt. Denn, versucht man Moses Mendelssohn in die historische Entwicklung des Judentums hineinzustellen, so kommt er viel weniger dem Typus des „Maskil" nahe, als dem Typus des mittelalterlichen spanischen oder später italienischen jüdischen Geistesführer, der sters ganz und gar im tr a d i t i o - nellen Judentum wurzelte, dabei das allgemeine Kulturleben seines Landes und seiner Zeit mitlebte und mitschuf. Moses Mendelssohn war keineswegs Prototyp der radikalen, revolutionären Haskala. Trotzdem betrachtete sich, wie gesagt, die Haskala auch in dieser Phase als sein geistiges Kind. Wenn auch Mendelssohn den größten Teil seiner schöpferischen Kraft der deutschen Aufklärung und Popularphilosophie gewidmet hat, so war doch der Einfluß seiner Persönlichkeit auf die jüdische Aufklärung von entscheidender Bedeutung. Moses" Mendelssohn und der deutsche Geist» Von Dr. Leo Löwenthal. Moses Mendelssohn entbehrt noch einer erschöpfenden Darstellung; er teilt dieses Schicksal mit der ganzen Epoche, der er angehört. Es ist ein besonderes Problem, daß die wissenschaftliche Vertretung des modernen Bürgerturas immer noch nicht zu den wichtigsten Quellen seiner sozialen Beschaffenheit gelangt ist, wenn freilich es dann begreiflich wird, daß vor allem Mendelssohn noch nicht seinen Biographen gefunden hat. An und für sich stellt die Aufklärung sich keineswegs als eine einheitliche Bewegung, weder geographisch noch zeitlich, dar. Gemeinsam ist ihr lediglich, daß sie überall die geistige Widerspiegelung des Siegs der bürgerlichen. Klasse ist,

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