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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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ihm die Stütze für die ausschließliche Verankerung des Judentums in Gesetz, Vorschrift und Formel finden; die Reform konnte aus dem liberalen Geiste des 19. Jahrhunderts mit Leichtigkeit zeigen, daß ein von keiner Idee mehr getragenes Gesetz eine abzulegende bloße Formel sei. Damit wird freilich Mendelssohns persönliches Verhältnis zur Orthodoxie und Reform nicht ganz getroffen. Mit der Orthodoxie ist Mendelssohn zweimal in Konflikt geraten. Das erstemal anläßlich eines Verbotes des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin, die Leichen rasch zu beerdigen. Gegen den Oberrabbiner Emden in Altona hatte Mendelssohn Partei ergriffen, indem er seine Entscheidung nicht abhängig machte von bestimmten talmudischen Erwägungen, die Emden angeführt, sondern von der Ueberzeugung, daß die Regierungsbedenken sachlich berechtigt waren, und auch er versuchte, seine Ansicht talmudisch zu stützen. Mendelssohns Liebe zur deutschen Kultur schuf den zweiten Konflikt. Seine Bibelübersetzung sollte Lehrmeisterin der deutschen Sprache werden; gewiß war ihr auch Verbreitung des Bibelwissens angelegen, aber ihre kulturelle Funktion war die Eroberung des Hochdeutsch für die Juden. So hat Mendelssohn nicht nur als Person, sondern auch als Sprachübermittler Entscheidendes zur gesellschaftlichen Emanzipation beigetragen. Die Rolle der Juden in den literarischen Salons seit der Wende des Jahrhunderts ist undenkbar, ohne daß Mendelssohn die Juden deutsch sprechen und schreiben gelehrt hätte. Gegenüber den Ansätzen, die eine jüdische liberale Theorie in seinerZeit machte, fand Mendelssohn aus seiner unmaimonidischen Haltung nur eine tragische Antwort Sein Standpunkt ist eben, daß das Gesetz auf keinen Fall preisgegeben werden kann. Wie zur Römerzeit, so sei auch heute auf die Frage: „Wem sollen wir geben? Wem gehorchen?" zu antworten: „So ertragt denn beide Lasten ... so gut ihr könnt, dient zwei Herren in Geduld und Ergebenheit: Gebt dem Kaiser und gebt auch Gott!... und noch jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden, als eben dieser . . . Tragt beider Lasten, so gut ihr könnt! Man erschwert euch zwar von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens um der Religion willen, der ihr treu bleibt, und von der anderen Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsgesetze in mancher Betrachtung lästiger als sie sind. Haltet nichtsdesto- , weniger aus, steht unerschüttert auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und laßt alles über euch ergehen, wie euch euer Gesetzgeber lange vorher verkündigt hat." Diese Skepsis macht Mendelssohn, der gesellschaftlich der Bahnbrecher der Emanzipation ist, geistig zum Ende einer klerikalen Entwicklung. Die Taufe seiner Nachkommen ist kein Zufall. Seine persönliche rührende Treue zum Judentum hat den Weg zur Untreue nicht versperren können. — Von der Gesetzestheorie Mendelssohns führt der eine Weg zur Orthodoxie, ein zweiter wird nicht gerade von ihm gebaut, aber audi nicht versperrt zur Reform, die den umgekehrten Weg geht und nicht im Gesetz, sondern im Glauben das Judentum erhalten will. Die Gegenwart hat den Versuch einer Theorie erlebt, deren Aufgabenstellungen und deren Lösungen eine neue Situation des Judentums verraten. Indem Mendelssohn nicht die Idee, sondern ein unabänderliches Gesetz in das Zentrum des Judentums rückte, hat er den Versuch gemacht, den Juden den Eintritt in die materielle und geistige Welt Europas zu ermöglichen. Die Geschichte der allgemeinen Kultur vom Judentum aus zu verstehen, eine lebendige geistige Idee ihm in Verbundenheit mit allen Völkern zuzuordnen, ist das Ziel der religionsphilosophischen Bemühungen Hermann Cohens. Er ergriff den Kranz der Idee, Mendelssohn den der Treue. Moses Mendelssohn und die Haskala* Von Dr. Simon Rawidowlcz. In der Geschichte der jüdischen Aufklärung („Haskala") spielt die Persönlichkeit Moses Mendelssoh ns eine große Rolle. Tn den Kreisen der „Maskiliin" (Aufklärer) galt Moses Mendelssohn als das unerreichbare, aber nachahmenswerte Ideal. Er hieß für sie nicht Moses Mendelssohn, sondern Mosche ben-M'nachem, Rabbenu Mosche ben- M*nachem oder abgekürzt Ramb'man. Zu Mendelssohns Lebzeiten blickten die ersten Maskilim bewundernd zu ihm empor. Nach seinem Tode beschäftigten sie sich mit der Abfassung der Biographien ihres Meisters, sammelten Berichte. Anekdoten aus seinem Leben und erwärmten sich an der Erinnerung an ihn. Moses Mendelssohn lieferte diesen Menschen, die das Judentum auf ihre Weise erneuern wollten, die in der .Tradition des Judentums wurzelnd etwas Neues in das Judentum hineintragen wollten, den Beweis für die Durchführbarkeit ihrerJBestrebuneren. Oder, vielleicht richtiger gesagt, Mendelssohn hat erst indirekt, ohne daß es seine Absicht gewesen ist, — selbstverständlich im Zusammenhang: mit den Zeitumständen — die jüdische Aufklärung als Versuch einer Lösung der Problematik des in Widerspruch mit der allgemeinen Kultur geratenen Juden eingeleitet. Er hat den Anfangs weg und die Anfangsgeschwindigkeit der jüdischen Aufklärung weniger für die Juden Deutschlands als für die der östlichenLänder: Galizien, Litauen, Polen und Rußland gewiesen. Dieser Mann, den sein Gregner' Hamann, der Magus im Norden, und viele andere christliche Denker seiner Zeit als die „Zierde seiner Nation" hingestellt haben, war auch der hervorragende deutsche Schriftsteller,, der mit Lessing, Friedrich Nicolai und ihren Freunden die deutsche Literatur erneuert, ja neu geschaffen hat. Die Synthese zwischen Judentum und Nicht Judentum, um die die Maskilim sich so sehr bemüht haben, war ihnen in Mendelssohns Persönlichkeit gegeben. Es ist historisch falsch, wenn man in den jüdischen Aufklärern des 18. und 19. Jahrhunderts Verräter am Judentum sieht. Auch sie wollten Juden sein und bleiben, sie konnten aber auf die von^. ihnen angeschwärmte allgemeine Kultur, in die sie eine tiefere oder oberflächlichere Einsicht gewonnen hatten, nicht verzichten.. Auch sie waren Irrende. Wenn auch der Radikalismus ihrer Nachfolger, der zweiten Generation der Aufklärer, große Ausmaße angenommen hat, so waren die zeitgenössischen Aufklärer Mendelssohns und. die unmittelbar darauf im Sinne der Aufklärung Wirkenden alles andere als radikal. Denn es muß grundsätzlich unterschieden werden zwischen der ersten undzweiten Phase der Aufklärung, die wir sowohl in der österreichisch-galizischen als in der russischen Haskala-Bewegung finden. Die erste Phase ist die der Vorbereitung, der Selbstverteidigung, der Defensive. In dieser Phase kämpft die Aufklärung um ihre Selbstbehauptung. Sie will und muß den Beweis erbrineren. daß. wenn sie mit dem Alten, Traditionellen nicht absolut identisch ist, sie ihm doch nicht widerspricht. Diesen Versuch, sich gewissermaßen in das Alte. Bestehende hineinzuinterpretieren, unternimmt die jüdische Haskala in verschiedenen Formen. Sie kämnft einen stillen, aber zähen Kampf um ihre Zulassung in das Reich der jüdischen Ideenwelt. Kaum aber hat sie sich mehr oder weniger eingebürgert, geht sie zur Offensive über. Sie wird radikal, revolutionär, agsrressiv. Sie greift das Alte an. will es durch Neues ersetzen. Sie sucht nicht nach Uebereinstimmung mit dem Alten; sie ist vielmehr darum bemüht, ihre sne<zifisehen Merkmale zu betonen, die Momente hervorzuheben, die sie vom Alten unterscheiden. Die Träger der Phase der Defensive sind di° Männer der ersten Generation der Haskala (in Galizien z. B. Krochmal. Rapnaport. Bloch u. a). Die zweite Phass der Faskala. die Phase der Offensive, wjrd durch die fo^nde Generation der Maskilim ins Leben ererufen. Der innere Zusammenhang der beiden Generationen soll hier nicht untersucht werden. Es g°nüfft. darauf hinzuweisen, daß die Differenz zwischen den beiden Generationen der Maskil'm in gewisser FinsicM srrößar ist, als die zwischen der ersten Generation der Maskilim und den vormaskilisehen Juden. J e h u d a h Leib G o r d o n (1831 bis 1892^ der bekannte, hebräische Dichter und Polorniker. der als der eigentliche D:cMer der letzten und entscheidenden Phase der russischen Faskala gelten darf, ist z. B. einer der hervorragendsten Repräsentanten dieser zweiten Generation. Beide Generationen d**r Haskala bekannten sich zu Mendelssohn. Wenn auch nicht beide mit dem gleichen Recht. Tm Geiste M°ndelssohns wirkten zunächst die ..Measfim1' fd. h. der Kreis von Mitarbeitern und Freunden der hebräischen Zeitschrift ..Feasse-f"-Sammler). Naftali Herz Wesselv. der hebräische Klonstock, der Mendelssohn sehr nahestand, für den auch Mendelssohn in einem um Wesselv entbrannten Streit, energisch Partei ergriffen hat. machte sich in der Haskaläb'teratur in vielen Punkten zum Sprachrohr Mendelssohns. Eine Schar von Jünsrern aus Deutschland und den benachbarten westlichen Ländern hat durch direkte und indirekte Anre.o-nnsren Mendelssohns das Werden und die Entwicklung der Haskala bewirkt. Der Hauslehrer Mendelssohns. Herz Homberg (17^9—1841), hat Mendelssohns Aufklärumrsideen nach Galizien vemflanzt. Allerdings hat er als österreichischer Repierungsbeamter, als Superintendent der jüdisch-deutschen Schulen in GabV.i^n ein s°hr strenq-es Aufklärer-R°sp?me — keineswegs im Geiste des friedliebenden Meisters — geführt. Auch die Führer der Faskala außerhalb Deutschlands sind stets als die Nachfols-er Mendelssohns e-ekennzeichnet worden. So galt Nachman Krochmal (1785—1840). der Verfasser des klassischen „Moreh Newuchei Has'maJi", als der gali-

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