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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Dann folgt Ehrung von Vater und Mutter, die sich in Neubildung eines Menschen Gott zugesellen: ehrt man sie nicht, so isis, als ehrte man Gott nidit. Also ist die Ehrung von Vater und Mutter gleidisam ein Mittelglied zwisdien den Geboten für dasVerhältnis zmisdienMensdi und Gott und denen für das zmisdien Mensdi und Mensch. Hier beginnen die arideren fünf Worte, die für das Verliältnis von Mensdi zu Mensdi. In ihnen ist des Names Gottes nidit gedadit', meil sie den Dingen des Mensdien allein gelten. Das erste ist das strengste: Abtrennung der Seele vom Leibe, Vergießen des Blutes vom Mensdien, den Gott in seinem Ebenbilde ersdiaffen hatte. Dem folgt der Ehebruch: Verbrechen an Leib und Ehre der Väter, denn so kommt es zu Leugnung der Wahrheit und falschem Bekenntnis: das'Kind mird seinen Vater nidit kennen und seine Ehrung einem anderen erweisen. So audi ist das Werk der Diener Fremden Dienstes „die zum Klotze sprechen: Du bist mein Vater" (Jeremia, 2, 27), die aber ihren Vater nicht kennen, der sie aus dem Nichts ersdiaffen hat. Das folgende Wort ist vom Verbrechen am Eigentum des Mensdien. Und ist Menschendiebstahl gemeint-1), so märe dies ein Verbredien an der Freiheit des Mensdien, jener Gabe Gottes, kostbarer denn alles Gut und Eigentum. Dem folgt,- daß Er warnt, mit der Zunge ein Verbredien zu begelien: durdi falsche Zeugenschaft. Und im zehnten Wort warnt Er vor der Begierde; mer aber kein Ding begehrt, das nicht sein eigen ist, der mird seinen Nädisten nie sdiädigen können, denn nur aus der Begierde kommt der Mensdi zu Lug und Trug, zu Diebstahl, zu Mord, zu Ehebrudi, zur Entweihung des Ruhetags und all der Feste, zu Geringschätzung seiner Eltern und kommt dazu, die Gesdiöpfe zu hassen und sie zu reizen; wer aber keine Begierde liat, der liebt die Gesdiöpfe und ehrt sie; aus seinem Herzen entfernt er Sorge, Betrübnis und Seufzen und vertraut auf den Ewigen seinen Gott, daß er ihn versorgen wird: so befiehlt er ihm sein Gesdück.26) So nun sind die „Worte" „I ch bi n" und „D u sollst keine Begierde haben" gleidisam Sdilüssel zu den übrigen Geboten; darum sind sie Anfang und Ende. (Nach Abraham ihn Esra und Nadimanides, ihr Andenken zum Segen.) lind sieh: Nach den Worten des Rabbi Chanina ben Garn- - liel ist es redit, daß die Tafeln aus Stein zweie sind: die eine ist für die Gebote für das Verhältnis zwischen Mensdi und Gott bestimmt und die zweite für die Gebote für das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, wie wirsgesagt haben. Die Ansidit der Weisen aber, es mären zehn „Worte" auf der einen Tafel gestanden und ebendie zehn auf der anderen, ist merkwürdig: marum waren denn die Tafeln doppelt? Doch scheint es, sie liatten dies im Sinn, daß die ersten „Worte" auf die eine Tafel gesdirieben waren, auf die zweite Tafel aber die anderen, die aus dem Deuteronomium, und zwar deshalb, weil in ihnen vieles verschieden und anders ist in Wendungen und Worten. In beiden Formen aber sind vom Munde der Allmacht gesprochen, wie es unsere Weisen, ihr Andenken zum Segen, gesagt haben: „Gedenke des Ruhetags" und. „Wahre den Ruhetag" (IL B. M. 20, 8 und V. B. M. 5, 12) — in einer Wortform ward es ausgesprochen, wie es ein Mund nicht formen könnte und ein Ohr nicht vernehmen. Denn synonyme Worte und Ausdrücke haben einen Gehalt, der als ein gemeinsamer sie verbindet und einen, der jedem einzelnen als ein besonderer eignet, wie wir es schon viele Male gesagt haben. Ebenso ist es mit den Verschiedenheiten, die im Zehnwort vorkommen: in der Hauptsache ist die Absicht und der Sinn der gleiche, aber eine Verschiedenheit besteht in der Bedeutung, die jedem einzelnen besonders ist; so enthält „gedenk en" und „w ahre n", „v er geblich" und „f alsc h", „begehren" und „gelüsten" ein gleiches und doch sind sie irgendwie unterschieden, wie es unsere T^ehrer, ihr Andenken zum Segen, gesagt haben: „Gedenke" — ist das Gebot, „Wahre" — das Verbot; „Gedenke" sein — mit dem Munde, „Wahre" ihn — mit dem Herzen; ebenso: „Begehren" — im Tun, „Gelüsten" — im Herzen. Der Gebieter hatte beides gemeinsam im Sinn, er erweckt auch im Herzen des Hörenden die beiden Sinne als eine Wortform, und das ist es, was ein Mund nidit formen kann und ein Ohr nicht vernehmen. Und darum waren die Tafeln doppelt, wie „ein jun- 27.) So versteht die- Tradition das achte Gebot. — 28.) Nach Psalm 55, 23. ges Rehepaar, Zwillinge einer Mutter": wie Zwillinge, die einander gleichen, in Wuchs, Anlage und Richtung, und dennodi irgendwie unterschieden sind, wie die beiden Hände, die in Wirkung und Gebraudi verbunden sind und doch jede ein Wirken hat, das ihr besonders ist. Unsere Weisen, ihr Andenken zum Segen, vergleidien es noch mit den beiden Brautgeleitern, mit Bräutigam und Braut, mit den Beiden Welten. Soviel .möge dem klugen Leser genügen. Moses Mendelssohn 6. September 1729 — 4. Januar 1786 (Original im Besitz von J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a.M.) Moses Mendelssohns jüdische Sendung» Von Dr. Sigmund Goldmann. In hymnischen Worten läßt Heinrich Graetz Verjüngung und Wieder g e b u r t des jüdischen Stammes von der Zeit und der Gestalt Moses Mendelssohns ausgehen. Aber sofort erhebt sich ein Bedenken, wie es sich eigentlich mit dieser Erneuerung verhalte. Der Vater Mendelssohns: ein Thoraschreiber voll gläubiger Innigkeit, dem heiligen Kanon verknüpft; die Enkel: getauft, Figuren europäischer Salons, dem Judentum entfremdet, beim Papst zum Fußkuß bereit; Mendelssohn selbst: als Jüngling eingespannt in die Welt eines unfruchtbaren Klerikalismus, sein Tod geknüpft an einen Streit über Lessings Weltanschauung, an dem sich alle großen deutschen Geister beteiligen; schließlich: der Student Mendelssohn, der enthusiastisch in der frühen Lektüre des philosophischen Hauptwerks von Maimonides die Perle des Judentums zu ergreifen scheint, während der reife Schriftsteller im .,Jerusalem" sich mit Maimonides nur noch als dem Verfasser der dreizehn Glaubenslehren auseinanderzusetzen weiß. Zunächst also finden wir Gründe zur Konstatierung einer Reihe tragischer Sachverhalte: des Familienschicksals, der geistigen Entwicklung, der Stellung zu jüdischer Kultur. \ Mendelssohn lebt, schon darin von Maimonides, mit dem er häufig verglichen wird, unterschieden, in einem Uebergangs- Zeitalter. Erst naeh seinem Tode wird das große Liquidationsverfahren gegen das Mittelalter zu einem teilweisen Abschluß in der französischen Revolution gebracht. Entscheidend sind im 18. Jahrhundert zunächst wirtschaftliche Umwälzungen: immer1 stärker setzt sich gegen die örtlich beschränkte Feudalwirtschaft des Mittelalters der nationale Frühkapitalismus mit seinen weltwirtschaftlichen Tendenzen durch. Entscheidend greifen in diesen Prozeß Juden ein, die zu Geldgehern für die kriegerische Expansionspolitik der großen, aber' auch der kleinen europäischen Staaten werden. Aus der Enge des kleinen Handwerkers und Geldverleihers findet eine Abwanderung in angesehene bürgerliche Positionen statt. In Rechtlicher und politischer Hinsicht geht der Prozeß der Annäherung an die allgemeinen gesellschaftlichen Ordnungen wesentlich langsamer vor sich. Als Moses Mendelssohn 1776, d. h. zu einer Zeit, zu der er schon europäischen Ruhm genoß, nach Dresden reiste, hatte er am Stadttor einen Leibzoll nach der für einen polnischen Stier festgesetzten Taxe zu zahlen. Recht trostlos war zunächst

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