Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-08-01 · 12 (8.1929) · p. Seite 425

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
12 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094336-3094347--1937-3096674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

425 Juden bestätigte: „Ich unterhielt mich mit meiner Cousine im Englischen Garten, der nahe bei unserem Hause lag, alsjemand, der mich nett fand, meinen Namen erfragte, und als er erfuhr, daß ich Jude sei, einfach sagte: schade! Ganz jung war er von der Musik besessen, seine ersten Studien machte er am Genfer Kollegium, einer fast nur von Protestanten besuchten Anstalt. Sie ergaben Versuche philosophischer Diskussionen, die das jüdische Problem vermieden und die Entdeckung des Evangeliums, das ihm viel bedeutete, da er von der Religion seiner Vater nicht mehr kannte als die jüdischen Riten, die im Elternhaus Tradition waren. Nach dem Examen kam er nach Paris ins Lyceum Louis le Grand. Gute Lehrer, bemerkenswerte Mitschüler, die einen sozialen und einen ästhetischen Kreis bildeten. Letzterem gehörte Fleg an. und aus diesem ging musicius rotiouvss" hervor, die immer wieder lebendiges Zeugnis von 25 Jahren französischen Lebens ablegt. Die Wogen, die die Dreysus-Afsäre schlugen, brachten ihn aus der Musik und den Gedankengebäuden Renans in die Wirklichkeit zurück. „Es ist schwer, vollkommen zu vergessen, daß man Jude ist." Er erzählte jüngst einem Reporter, daß zu dieser Zeit die Judenfrage für ihn ein geistvoller Rebus gewesen sei, daß er wenig Kenntnisse besaß, um auf die Einwände eines seiner Freunde zu antworten, der damals der Anarchie des Antisemitismus verfiel, daß er nur „die Propheten Israels" von Darmsteter gelesen hatte und sich eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Geist der Propheten und dem Geist der französischen Revolution denken konnte — aber nichts mehr! 1397, nach dem zweiten Dreyfns-Skandal, erlebte er die Wiedergeburt des Zionismus auf dem zweiten Zionisten-Kongreß in Basel. Er lernte Herzl kennen. Die Zusammenkunft von Juden aus der ganzen Welt, aus allen sozialen Gruppen, diese seltsame Art jüdischer Sammlung bewegte ihn stark. „Zwei Jahre war ich feuriger Zionist. Ich hege weiter eine tiefe Bewunderung für die Menschen, die ihr Land wieder erbauen, aber ich muß immer daran denken, daß die zionistische Bewegung, wenn sie erfolgreich ist, doch nur eine Lösung für zwei oder drei Millionen bedeuten würde; es würde immer noch übrig bleiben, eine Lösung für die anderen zwölf Millionen zu finden." Dieses erste Zusammenklingen mit den Juden reifte in ihm die Gedanken einer Lege.rde über das jüdische Schicksal in den Epochen; es wurde „lZeouts Israel" (Höre Israel); es war aber auch die Ursache eines eifrigen Seoräischen Studiums in den Jahren 1910 bis 1914, eines Studiums, das sich besonders der Psychologie der Sprache und der Geschichte vor der Zerstreuung zuwandte: „Ich wurde viel bescheidener als die Antisemiten in der Beurteilung der Wesentlichkeit des Judaismus in der Gegenwart. Dieses Studium ließ mich begreifen, daß die Juden viel mehr abseits standen als ich glaubte." Die Entwicklung Edmond Flegs ist der Lauf eines Menschen, der aus einem geistigen jüdischen Hause kommt, das trotz Erfüllung religiöser Riten und Formen innerlich leer, dem darin aufwachsenden, denkenden Kinde keine befriedigende Erklärung auf die Fragen nach dem Sinn des Jude-Seins zu geben vermochte; der alles anfaßte, sich mit allen Denkern auseinandersetzte, ohne die Fundamentalsätzc ihrer Lehren als .unumstößliche Postulate zu nehmen, durch das Erlebnis eines kollektiven Willens von Juden wieder zu der Problematik und dem Wesen seines Seins zurückgeführt wird und das Denken über jüdische Dinge in einem ungewöhnlichen Maße befruchtet. Seltenes Beispiel eines Juden, der durch inneres Erleben zu dem kommt, wozu äußere Umstände und Angriffe in den meisten Fällen jüdischer Wandlung die Motive sind. Der Dichter, der aus Beschäftigung mit dem Spiritismus 1991 ein Stück „Die Botschaft" schrieb, das 1904 aufgeführt und bei einem Preisausschreiben prämiiert wurde, hat eine Anzahl von Dramen geschrieben, die in Paris bestanden. Es wird Ausgabe an anderer Stelle sein, dem Dichter gerecht zu werden, hier interessiert der Jude und das aus seinem Jüdischen heraus geborenen Schassen. Andre Billy gibt eine Prachtvolle Sammlung heraus unter dem Titel „I^euis R^isons". Hier schrieb Jean Guiraud über „Warum ich Katholik bin" und Edouard Herriot über „Warum ich Radikal-Sozialist bin". Nichts ist natürlicher, als daß Edmond Fleg im literarischen Frankreich die Rolle zufiel, diese Sammlung um „Warum ich Jude bin" zu bereichern, eine in der Uebersetzuug im „Morgen" gedruckte Schrift, die nunmehr auch im Philo-Verlag herauskommt. Die Fortsetzung dieser seltsamen Art der Diskussion weltanschaulicher Diuge darf man mit Spannung erwarten. — Ter Krieg machte Fleg zum Dolmetschersoldaten und später zum Offizier. "Bei einem Besuch wurde seine Frau in einem Hause untergebracht, in dem der Pastor, der Pfarrer und der Rabbiner unter einem Dache wohnten; aus dieser Tatsache ward „1a. Naison clu von vieu" („das Haus des lieben Gottes"), das 1920 seine Uraufführung erlebte. Eine knappe Darstellung der religiösen, moralischen, Politischen, sozialen, gesetzgeberischen, literarischen und philosophischen Ueberlieferung in der Nebeneinanderstellung der inhaltlich zusammengehörenden Texte wurde zu einer zweibändigen jüdischen Anthologie. Es gibt, glaube ich, kaum ein Buch der neuen jüdischen Literatur, das "die Wirkung des „Kleinen Propheten" für sich in Anspruch nehmen kann, kaum eine nachbiblische Legende, die den Erfolg des „Moses", der vor kurzem in Frankreich erschienen ist. erreichte und kaum einen jüdischen Schriftsteller, der so lebendig im westjüdischen Menschenkreise denkt und lebt wie Edmond Fleg. Wenn Victor Bäsch sagt, daß Fleg der französischen Poesie eine neue und herrliche Note hinzugefügt hat, so sind wir mit Paul Painleve einig in der Erkenntnis, daß das Werk dieses Juden und Menschen etwas himmelan Stürmendes hat. Lroütes 8pe?is!naus keiner IMMU II» «.«eke-»leii uneri-eicnte^uswsnl in jeöer Preislage Loewenherz gegt.1881 Goethestraße 53 gegk.186Z u. Zell 554 js^ ixmxi IM WMM-MeMlL!! gsgsnübsi' cjsm Opsrnkaus kllnstlerlcon-srts 4—12 Ukr H « » x x Kokisn Koks vrikSttL lSskkenkvimvs ^snclstrske IS HkLLdk Xonlvnnsn«»vlss«sv»scnstt in. d «. ZpezeisMSt - Is «ukr-eekenitol» k. 2«n«rs»,ei»ung«n »Hsinzsu Zsininelnummer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.