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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-08-01 · 12 (8.1929) · p. Seite 424

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
12 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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Iiiclifcke Gegenstände in clen nio^e^nen französischen Literatur. Von l)^. ZVlax Salonion. Die gewaltigen Erschütterungen des Weltkrieges, die Umwertung und Umdeutung überlieferter Erkenntnisse aus politischem, sozialem, religiösem und weltanschaulichem Gebiete haben auch für das Judentum in Frankreich Folgen gezeitigt, die zum mindesten in einer stärkeren Akzentuierung der Judenfrage und des damir verbundenen allgemein seelischen und spezifisch völkerpsychologischen Komplexes ihren konkreten Ausdruck gefunden haben. Es ist eine natürliche Folge dieser Belebung und Bewegung, daß die unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegsmentalitat erwachsende Problematik in mehr oder minder bedeutungsvollen Erscheinungen der. französischen Gegenwartsliteratur ihren Niederschlag befunden hat. Zwar hat es immer schon in Frankreich eine jüdische Frage gegeben. Allein sie war von vorneherein zentralisiert und konnte nur dann zur explosiven Entladung führen, wenn sie. irgendwie in den Brennpunkt der bis aus den heutigen Tag miteinander ringenden großen Weltanschauungen, der traditionellklassischen und der modern-romantischen, geriet. Symptomatisch hierfür war die D r e y f u ß - A f f ä r e . und soweit es heute noch Judengegner in Frankreich gibt (gewisse Kreise des Bürgertums und der Geistlichkeit stehen auf antijüdifchem Standpunkt), entstammen sie denselben Bevölkerungsschichten, die zur Zeit dieser unglückseligen Begebenheit durch Betonung ihrer judengegnerischen Haltung ihre Machtposition mit allen Mitteln zu halten suchten. Für eine objektive Prüfung der Judenfrage ist naturgemäß die bevölkerungspolitische Tatsache der Zentralisierung der Juden in einigen größeren Städten Frankreichs (Paris, Lyon, Dijon. Marseille, Nizza usw.) von Bedeutung, dann der Umstand, daß es ganze weite Gebiete ohne jüdische Bevölkerung gibt, und zuletzt, daß mit Kriegsende zahlreiche Juden aus dem Osten nach Frankreich kamen und zur Aufrollung der jüdischen Frage in entscheidendem Maße beitrugen. Schon' vor dem Kriege setzten auf den verschiedensten Seiten lebhafte Versuche ein, dem Judentum völlig entfremdete Kreise zurückgewinnen und besonders in den geistig führenden Schichten das Gefübl der Eigenbetontheit jüdischen Lebens und Erlebens, jüdischen Fühlens und Denkens zu wecken, ohne jemals dabei an eine Auflockerung der innigsten Verbundenheit mit dem Vaterlande zu denken. Denn die "Tatfache, daß in entscheidenden Augenblicken jüdische Belange von dem Organismus des französischen allgemeinen Lebens völlig ausgesogen werden, bindet den französischen 5>nden eng an die Heimat nnd versetzt ihn mit seinem ganzen Fühlen und Denken in die Erlebnis- und Gefühlswelt der (Francis Kation. Noch feit in unserer Erinnerung lebt die Verson und die Tat jenes unglücklichen Schwartzbard, die im Augenblick, wo sie vor das Forum der Oeffentlichkeit gebracht wurde, im eben bezeichneten Sinne in den Bereich der allgemeinen Anschauung von Recht und Unrecht, Druck und Gegendruck, Leid und Ehre erhoben wurde. LsN „OusnZ Isi-ÄÄ rasuit." hat Bernard Lecache die seelischen Erschütterunaen. unmenschlichen Grausamkeiten und das Martyrium einer Epoche der Gz'chichte beschrieben, die zum Furchtbarsten gehörten, was je das Auge der Menschen sah. In den Dienst akuter Gegenwartsprobleme stellen sich: „I^ss cloudles ^uiks" und „Silbermann". Im ersten, einem Werk von Jakob Lövy, geht es um die Dualität des jüdischen Lebens und ihre Ueberwinduna durch die aufbrechende Erkenntnis von dem tiefen Gehalt der jüdischen Ethik in der Seele eines jungen jüdischen Arztes. In , Silbernlann" stellt der christliche Verfasser de Lacretelles den jüdischen Jungen vor uns hin der mit brutaler Gewalt unter dem unmittelbaren Einfluß antisemitischer Agitatoren aus dem Kreise seiner Schulkameraden ausgeschlossen an einem von ihnen eme feste Stütze findet und nicht gebrochen, sondern seelisch erstarkt und geläutert aus dem Kamvfe hervorgeht. Wertvoll schon durch das jngendpshchologische in ihm abgewandelte Problem wirft darüber hinaus dies-r Roman blendende Streiflichter auf eine in starrer Abgeschlossenheit und geistiger Enae lebende Gesellschaft, die uniähia ist. über ihre Person hinaus sich den freien, geraden Blick für alle das eigene 55ch nun einmal gerade nicht tangierenden Dinge des Lebens zu wahren. Mit der Judenfrage im engeren Sinne hat sich Romain Rolland eigentlich nie auseinandergesetzt. In seinen Werken trifft man keine Gestalt, die in ihrem spezifisch Jüdischen Träger der Handlung geworden und damit den mehr oder minder ernsten und komplizierten Ablauf des Geschehens bedingt bätte. In seiner Gesamtheit, seiner Fähigkeit, gröbere Zusammenklänge zu überschauen und sich aus einer gewissen Enge des Blickes und des Urteils zu lösen, steht für ihn das Judentum im Mittelvunkt seiner Weltanschauung, die über die starren Schranken des Nationalen hinaus einer erweiterten und vertieften Erkenntnis des Levens das Wort redet. Der kritische Geist zerpflückt, um im weiteren Aufbau Hohes nnd Wertvolles zu schaffen. „Der analytische Geist ist die Vorbedingung des Synthetischen." (Stefan Zweig.) Aus der Schule der Maurice Barrss und Leon Daudet sind zwei Dichterpersönlichkeiten (Brüder) erwachsen, die m. E. M den interessantesten der modernen französischen Literatur, wie auch zu den gefährlichsten im Sinne der mehr oder 424 minder judenfeindlichen Propaganda zu rechnen sind. Es sind die Brüder Tharand, die. im Aeußeren ungleich, innerlich und in ihrem literarischen und ästhetischen Geschmack so übereinstimmen, daß es wohl kaum möglich ist, aus dem gemeinsam Niedergeschriebenen das abzusondern, was von dem einen oder dem anderen von ihnen stammt. Eine ganz außergewöhnliche gegenseitige Anpassung, ein fast unheimliches gegenseitiges Einfühlen, ein überraschend feines Empfinden für die in der Sprache und ihrer Struktur liegende Fähigkeit der Wirkung nach außen: das sind Dinge, die diese beiden in den Kreis der besten der Schriftsteller einbeziehen. Dabei sind es in beträchtlichem Umfange Probleme des jüdischen Lebens, die ihrem Schaffen als Vorwurf dienen. Eine auf Grund längeren Verweilens in Osteuropa erworbene Kenntnis der Sitten und Gebräuche der dortigen Juden, ein gründliches Vertrautsein mit der Mystik des Chassidismus und seinem Hang zur Ekstase, ein ungewöhnlich starkes Einfühlen in die ihrem Innern doch so fremden, andersgearteten seelischen Komplexe stellen sie gewissermaßen über den Stoff und ermöglichen jene Haltung des Schaffenden, die hinter dem objektiven Bericht die Propaganda und die Tendenz scheinbar verbirgt, in Wirklichkeit sie um so schärfer aufleuchten und zur Wirkung gelangen läßt. Werke, in denen die judenfeindliche Haltung zu erkennen ist, sind: 1'omdrs <Z? la. Ooix; Huan<Z Israel est roi; Ilnro^unis 6s visu. (Die spätere anders gerichtete Entwicklung der Brüder Tharand ist hier noch nicht berücksichtigt. Schrift!.)- Mitten in der lebendigsten Gegenwart stehen zwei Persönlichkeiten, die wohl am stärksten über den engen Rahmen ihres Landes hinaus die Geister beschäftigten. Edmond Fleg und Aims Palliare. Im I/enkant propnsts gestaltet Edmond Fleg das Schicksal eines dem Judentum völlig entfremdeten Kindes, d«Mln rr religiösem Elternhaus lebend, nun plötzlich mit geradezu unheimlicher Kraft das „Jüdische" in seiner Seele aufbrechen sieht. Und nun erfäbrt dieses Kind, alle Phasen der Beteiligung in jüdischem Sinne durchlaufend, an sich die Foltern und Qualen eines solchen Läuterungsprozesses, bis es schließlich im Primat der jüdischen Ethik und ihrer Anwendung im Leben Sinn und Wert seines eigenen Daseins findet. Die Wandlung eines Kindes, die ihre Parallele findet in .,?ourqu0i js?uis juik", wo der Dichter mit einer sympathischen Offenheit des Bekennens und in einfacher, schlichter, wirkungsvoller Sprache sich selbst und seine eigene Wandlung offenbart. 'Mit Aims Pallisre, dem Verfasser des ja allgemein bekannten „LAnetuairs inoorinu" begegnen wir einer Persönlichkeit, die durch das Aeußere der Erscheinung ebenso wirkt wie durch die Tat, die ihr Leben entscheidend beeinflußt und gestaltet. Vom katholischen Geistlichen zum jüdischen Prediger uns Menschen — wahrlich ein langer und beschwerlicher Weg. Der, ohne mit dem Ehrwürdigen zu brechen, aus dem er erwächst, aus den Qualen seines inneren Kampfes sich durchringt und^ durchfindet zum „Unbekannten Heiligtum", dessen Geheimnisse er erforscht und dessen Wirkungsfähigieit im Sinne des verbindenden Universalismus in der Form des noachitischen Judentums für seine Wandlung letzten Endes entscheidend war. (leber Stinionck fleg. Von I»kob Jacobs. Die eigenartige Erscheinung ist zu verzeichnen, daß die Literatur über jüdische Dinge eine für diese Zeit außergewöhnliche Bereicherung von einem Lande aus erfährt, das seit der Gründung einer philanthropischen Organisation für den nahen Osten und dem traurigen Ruhm eines aufsehenerregenden Prozesses kaum mehr etwas für das geistige Leben der Juden der Welt bedeutete: Frankreich. Es gibt auch in Deutschland eine Anzahl führender Verleger, die jüdische Werke nicht an letzter Stelle ihrer Verlagserxeugnisse haben: Bei Rütten & Löning sind Bubers „Chassidische Geschichten" erschienen, im ^nsel-Verlag sein „Daniel" und Perez' „Jüdische Geschichten", S. Fischer-Berlin hat Holitschers „Reise durch das jüdische Palästina" herausgebracht, Kurt Wolff Werke von Max Brod; diese willkürliche Liste ist beliebig fortzusetzen. Aber undenkbar ist es. daß ein Verlag vom Range der F. Ried er Q Cie. in Paris, in Deutschland eine Serie von Werken unter dem Titel „Judaismus" herausgibt, in der Werke von Scholem Aleichem. Anski, Zangwill, Heines „Hebräische Melodien", Palliöres „Unbekanntes Heiligtum" erschienen sind, und wenn, in Paranthese, dies der Fall wäre, wo wäre in Deutschland trotz x-jüdischer Parteien, religiöser und nationaler Spaltungen der Leserkreis? Die Serie „Judaismus" des Rieder-Verlags steht unier der Leitung des französisch-jüdischen Schriftstellers, der auch in deutsch-jüdischen Kreisen die breiteste Resonnanz gefunden hat. Ein Mann von S3 Jahren, in Genf als der Sohn eines Schweizer Kaufmanns und einer französischen Mutter geboren, lebte er in dem auf. was man heute und hier „jüdisches Milieu" zu nennen Pslegt, ohne besondere Lebendigkeit des Bewußtseins des Juden im eigenen Ich; ohne besondere Inbrunst des Erlebens und ' des Verspürens des Antisemitismus im Umgang mit den anderen. Sein in Deutschland bekanntestes Buch „Ein kleiner PropH e t" enthält viel Autobiographisches, und in diesem Buch erzählt Fleg das einzige, was ihm in seiner Jugend die Tragik des

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