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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-08-01 · 12 (8.1929) · p. Seite 423

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
12 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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erbitterter Krieg. In der entscheidenden Schlacht trug der König von Israel den Sieg davon. In einem Tage sollen hunderwndzwanzigtausend Iudäer gefallen sein, darunter einige der höchsten Führer, sowie ein königlicher Prinz. Die Sieger machten zweihunderttausend Gefangene, Frauen, Mädchen und Knaben. Eine riesige Beute fiel in ihre Hände. Sie schleppten alles, Gefangene und Beute nach ihrer Hauptstadt Samaria. In Samaria aber war ein Prophet, Oded mit Namen. Der ging dem siegreichen Heere entgegen und hielt ihm folgende kurze Rede: „Seht, der Zorn Gottes hat sich über die Iudäer ergossen, darum gab er sie in eure Hände, ihr aber habt ein Blutbad unter ihnen angerichtet, daß es zum Himmel dampft. Nun wollt ihr Bewohner von Judäa euch zu Sklaven und Sklavinnen machen? Ihr häuft damit nur neue Schuld auf eure Köpfe. Folgt lieber meinem Rat und schickt die Gefangenen nach Hause, damit ihr nicht den Zorn Gottes auf euch ladet." Diese kurze Rede eines Pazifisten hatte einen merkwürdigen Erfolg. Die Heerführer traten zu einer kurzen Beratung zusammen, dann wurde der Bewachungsmannschaft der Befehl erteilt, zurückzutreten, die Gefangenen standen nun da „vor den Befehlshabern und den, ganzen versammelten Volk." Die Obersten faßten die Gefangenen an, bekleideten und beschuhten sie, gaben ihnen zu essen und zu trinken, salbten ihre Wunden, labten sie, setzten alle Schwächlichen auf Reittiere und brachten sie heimwärts zu ihren Brüdern bis nach Jericho, der Palmenstadt. Also geschehen im Lande Israel vor nahezu dreitausend Iahren. Von dem Propheten Oded ist uns nicht eine Zeile erhalten geblieben. Nur sein Name ist mit dieser kleinen Episode verknüpft, der das Buch der Chronik nicht die geringste Bemerkung hinzufügt, die nur nebenhin,, eine Begebenheit wie viele andere, erzählt wird. Aber diese Episode allein stellt den unbekannten Propheten auf dieselbe Höhe, wie seine großen Kampfgenossen Amos, Hosea, Jesaja, Jeremia. Wir Heutigen aber müssen mit Dankbarkeit und Ehrfurcht an unsere Vorfahren aus jener Zeit zurückdenken. Man wende nicht ein, daß dies ja nur ein Bürgerkrieg war (Steinthal bemerkt übrigens einmal treffend, daß jeder Krieg ein Bürgerkrieg ist). Die Israeliten und die Iudäer betrachteten sich ebenso wenig als Bürger desselben Staates, wie heutzutage etwa Schweizer und Preußen, oder Dänen und Schweden, ja ihre Staaten lagen miteinander seit der Spaltung in fortwährendem Kriege. Auch von einer sprachlichen Gemeinschaft, die sie von der Umwelt unterschied, konnte nicht die Rede sein: denn die Nachbarn Jdumäer, Moabiter, Phönizier, Aramäer, redeten ringsum dieselbe Sprache, dialektisch kaum mehr von der ihrigen unterschieden, als die Mundarten im Norden und im Süden untereinander. Von einer Glaubensgemeinschaft konnte man vollends nur in dem Sinne sprechen, daß beide Reiche vom alten Glauben abgefallen waren: aber jedes hatte ein besonderes Heidentum, je nach seinem Geschmack, eingeführt. Nur war die Erinnerung an eine ehemalige Zusammengehörigkeit nicht ganz abgestorben, und hier wie dort glomm unter der Asche der Funke, der einst am Sinai entzündet worden war. Diesen Funken hatte der Prophet Oded im gegebenen Augenblick zu einer Flamme entfacht. Seine Zuhörer hatten nach dem großen Sieg über den Feind nun einen viel größeren über „das Böse in ihrem Innern" errungen. Sollte sich in unserer Zeit unter den"Völkern der weißen Rasse kein Oded finden? Die „Frankfurter Kinnoh". Ein Beitrag zur Geschichte des Frankfurter Ritus. Von Ida Posen. Von alters her hat die Verlesung historischer Vorgänge im jüdischen Gottesdienst ihren Platz gefunden. So war also die Entstehung neuer Gebete mit geschichtlichem Kern seit dem letzten Viertel des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung nur eine Fortsetzung des Althergebrachten. Hauptsächlich solche Ereignisse wie die Kreuzzüge und die schwarze Pest, die für die Juden besonders traurige Folgen hatten, waren immer erneut der Anlaß, um Trauergesänge anzustimmen. Diese Klagen waren nicht etwa überlieferte Klagelieder, sondem sie wurden jeweils von den dem Tode Entronnenen oder von Zeitgenossen, welche von den Schrecknissen nicht unmittelbar berührt waren, gedichtet, um ihrem Schmerz über die andauernden Verfolgungen Luft zu machen. So entstanden zahllose Dichtungen, die sich mit dem Leid einer einzelnen Gemeinde befassen, und die jedes Jahr an dem Tag der tiefsten Trauer, am 9. Aw, im Gottesdienst verlesen werden. Diese Klagelieder sind wichtige historische Dokumente, wenn sie auch häufig nur im Zusammenhang mit weiteren Aufzeichnungen verstanden und geschichtlich verwertet werden können. Auch in Frankfurt a. M. hat eine traurige Begebenheit den Anlaß zur Anstimmung eines Klageliedes (Kinnoh) gegeben. Schon dem im,Anfang des 19. Jahrhunderts lebenden Frankfurter Geschichtsforscher Kirchner war diese Kinnoh ein Beleg'für die Ereignisse,die sich im Jahre 1241 unter den Frankfurter Juden abspielten. Die durch das. kirchliche Verbot des Zinsnehmens hervorgerufene Sonderstellung der Juden verursachte eine immer größer werdende Spannung in dem Verhältnis zwischen Christen und Juden, und es bedurste nur eines geringen Anstoßes, um den aufgespeicherten Haß zur Entladung zu bringen. Da geschah es, daß ein jüdischer Knabe die Taufe annehmen wollte, und daß seine Glaubensgenossen versuchten, ihn von diesem Schritt zurückzuhalten. Dadurch wurde die Wut der fanatisierten Menge auf die gesamten jüdischen Einwohner Frankfurts gelenkt, die sich nur durch die Flucht oder durch die Annahme des Christentums vom Tode retten konnten. Von den daraufhin am 13. Siwan einsetzenden furchtbaren Ereignissen, von der Zerstörung der Synagoge, von der Verwüstung der beiden Lehrhäuser und von dem Tod von mehr als 173 Juden^berichtet die Kinnoh. Der Verfasser, Jehuda ben Masche Hakohen, gedenkt auch besonders der Frauen, die trotz der Verfolgungen treu zum Glauben hielten: damit unterstreicht der Dichter die von ihm auch bei anderer Gelegenheit ausgesprochene Meinung von der Ueberzeugungstreue der Frauen, von welcher sie höchstens unter dem Zwang der Verfolger scheinbar abließen, so daß für ihr weiteres Leben aus diesem Schritt keine Folgen zu ziehen wären. Diese Anschauung des Jehuda ben Mosche blieb allerdings bei seinen Zeitgenossen nicht unangefochten, wie M. Horovitz in den „Frankfurter Rabbinen" nach „Or Sarua" berichtet. Die „Frankfurter Kinnoh" besteht auszwei'Hauptteilen in Reimen, die mit dem gleichen Refrain schließen: in der ersten Hälfte mit der Wehklage „über das Haus Israel und das Volk Gottes, das durch das Schwert gefallen ist", am Schluß mit dem Wunsch einer baldigen Erlösung „für das Haus Israel und das Volk Gottes, das durch das Schwert gefallen ist". Außerdem liegt aber offenbar der Dichtung eine weitere Einteilung zugrunde, für welche die am 9. Aw allgemein verlesene „Megillath Echah", das vom Propheten Jeremias verfaßte Klagelied über die Zerstörung Jerusalems, vorbildlich gewesen ist. Die'Kinnoh ist in'ihren Schilderungen nicht so ausführlich, sondern sie beschreibt jeweils in wenigen Sätzen, jedoch in der gleichen Anordnung, dasselbe, wie die verschiedenen Kapitel von Megillath Echah. In beiden Klageliedern wird zunächst einleitend ein allgemeiner Bericht über die Verödung der Stadt gegeben und die Anlehnung an das ältere Vorbild macht der Dichter durch das wörtliche Zitat „darüber weine ich" ganz besonders deutlich. In dem sich anschließenden Teil der Kinnoh werden wie im zweiten Kapitel von Megillath Echah die Leiden von Männern, Frauen, Kindern und Säuglingen geschildert, die durch „das Schwert gefallen sind"', und darum fordert der Dichter in beiden Liedern auf, aus tiefstem Herzen Klagen anzustimmen. Entsprechend dem dritten Kapitel von Megillath Echah gibt!darauf der Dichter der Kinnoh seinem persönlichenSchmerz über das Geschehene Ausdruck, und er sagt mit den gleichen Worten, daß „Wasserbäche" seinen Augen entströmen, daß aus die Stadt und die Bewohner die „Bogen gespannt" waren. Der vierte Teil schildert in beiden Dichtungen nochmals im einzelnen die schrecklichen Szenen in den Straßen der Stadt, schließt aber entsprechend dem hoffnungsvollen Ausgang in „Echah" mit der Genugtuung darüber, daß die Frauen trotz aller Not ihrem Gott treu geblieben sind. Den Schluß bildet in beiden Dichtungen die Hoffnung auf baldige Erlösung. Die in der Kinnoh berichteten Tatsachen bestätigen das, was auch aus der von christlicher Hand niedergeschriebenen Erfurter Chronik hervorgeht, außerdem ergänzen sie die Aufzeichnungen des Mainzer Memorbuches und die Berichte des ebenfalls über die Vorkommnisse verfaßten Klageliedes im Machsor Saloniki, das mit Uebersetzung in Sülfelds „Martyrologium des Nürnberger Memorbuches" abgedruckt ist. Weniger bestimmte Nachrichten enthält die über das gleiche Ereignis von Schemuel bar Awrohom verfaßte Einschaltung, die in Worms am Samstag nach dem 13. Siwan im Morgengebet gesprochen wird. Nach Worms hatte Frankfurt in jener Zeit bereits alte Beziehungen, die sogar seitens der Behörden durch besondere Vergünstigungen gefördert wurden, und die auch den Juden zugute kamen. So ist es erklärlich, daß dort die Ereignisse besonderen Widerhall fanden.Auch der Verfasser der hier eingehend besprochenen Kinnoh hat in der Nähe von Frankfurt gelebt: es wird abgenommen, daß er mit dem gleichnamigen Gelehrten identisch ist, der an verschiedenen Versammlungen in Mainz und Worms teilgenommen hat.

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