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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-08-01 · 12 (8.1929) · p. Seite 422

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
12 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 bieten des Lebens beobachten. Der Mensch der gemäßigten Zone empfindet fünf Grad Kälte als eine feindliche Gewalt, fünf Grad Wärme dagegen als normale Temperatur. Unter sonst gleichen Umständen ist die Freude über einen Gewinn von hundert Mark vielkleiner, als Las Bedauern über einen Verlust der gleichen Summe. Demgemäß ist auch der Groll über den Verursacher eines Schadens viel nachhaltiger, als die Dankbarkeit für den Bringer eines Vorteils von gleicher Höhe. Darin dürfte auch der vulgäre Pessimismus gegründet sein, der des Glaubens ist, die Welt und das Leben beständen aus lauter Uebeln. Im Leben eines Durchschnittsmenschen, der siebzig Jahre alt geworden ist, hat sicher die Summe der Luftgefühle der entgegengesetzten mindestens die Wage gehalten; das beweist die einfache Tatsache, daß er lebte, denn ein Ueberwiegen der Unlustgefühle müßte eine vorzeitige Vernichtung des Organismus herbeiführen. Allein, die Unlustgefühle sind viel stärker und nachhaltiger empfunden worden und füllen das Bewußtsein und die Erinnerung in größerem Maße aus, als ihr Gegenteil. Auch im Vereich der Form wird das Lusterregende, also „das Schöne", wiel weniger intensiv und wirklich empfunden, als „das Häßliche". Letzteres macht den stärkeren Eindruck, prägt sich der Phantasie und dem Gefühl viel tiefer ein und erweckt die Vorstellung, als stünde dahinter eine echtere, stärkere Wirklichkeit, eine größere Kraft und ein „wahrerer" künstlerischer Wille, als hinter dem Schönen. Im gewöhnlichen Leben spricht man von „märchenhafter", von „unglaublicher Schönheit", auch wo es sich um Gegenstände handelt, die streng nach der Natur oder nach der Geschichte gebildet sind, und man verweist damit das vollkommen schöne Gebilde in das Reich der Unwirklichkeit. Dagegen kann man häufig beim Anblick eines Gemäldes oder bei der Lektüre einer Schilderung, die die Nacht- und Schattenseiten des Daseins zum Gegenstand haben, den Ausruf hören: „So ist das Leben!" Man ist übereingekommen, als Naturalismus oder als Realismus in der Kunst die Richtung zu bezeichnen, die mit Vorliebe den Schönheiten der Welt und des Menschenlebens aus dem Wege geht und sich an deren Gegensatz hält. Aber lange bevor diese Bezeichnungen aufkamen und zum Programm wurden, haben große Künstler wie Rembrandt Elemente des Unschönen in ihre schönsten Bilder mit bewunderungswürdig feinem Instinkt zu verweben verstanden und diesen dadurch eine größere Glaubwürdigkeit, einen intensiveren Wirklichkeitsschein verliehen. Die Illusion, daß hinter dem Häßlichen eine „echtere", „wahrere" Wirklichkeit stehe, als hinter dem Schönen, erzeugt bisweilen sogar die Meinung, daß zum künstlerischen Nachbilden des ersteren eine größere Kraft gehöre,, als zu der des letzteren, daß also der Maler oder Schilderer des Häßlichen, Abstoßenden, Grauenerregenden und Schaurigen der größere Künstler sei und über ein stärkeres Können verfüge. Sogar Meister ersten Ranges, wie Tolstoi (in der „Macht der Finsternis"), der es doch wahrhaft nicht nötig hatte, haben es nicht verschmäht, gelegentlich durch Kitzelung des natürlichen Widerwillens gegen das Greuliche den Schein größerer Wahrheitstreue zu erwecken. In Wirklichkeit gehört zur Schilderung eines „traumhaft" schönen Sonnenunterganges gewiß nicht weniger Kraft, als zu der eines Tümpels. Diese Eigenschaft, die Unlust viel stärker zu empfinden, als die Lust gleichen Grades, ist eines der wichtigsten Stücke der Ausrüstung des Menschen für den Kampf ums Dasein. Wenn der Schmerz im allgemeinen ein Warnungssignal ist, das der Organismus dem Bewußtsein gegen eine herannahende Zerstörungsgefahr gibt, so ist es wichtig, daß dieser Instinkt stets wach sei, den kleinsten lebensseindlichen Reiz wittere und zur Abwehr aufstachele, während die lebensfreundlichen, also lustbetonten Reize ohne besondere Erregung hingenommen werden können, um zur Förderung des Lebensprozesses verarbeitet zu werden. Nun kommt aber die Kehrseite der Medaille. Die schärfere Emv^ findung zieht eine stärkere Reaktion nach sich. Auf eine Handlung, die ihm Schmerz zufügt, wird das Lebewesen, vor allem der Mensch, energischer antworten, als auf eine solche von gleicher Stärke, die ihm Lust bringt. Der aktive Teil, der Verursacher von Leid, wird also einen kräftigeren Widerhall wecken, als wenn er mit der gleichen Kraft demselben Lebewesen Lust schenken würde. Er wird seine Kraft wachsen fühlen, in dem Maße, als die Anzeichen des Schmerzes bei dem leidenden Teil sich äußern. Da aber die Betätigung der Kraft die höchste Lust eines Lebewesens, insbesondere des Menschen ist, so folgt daraus, daß es ihm eine höhere Lust gewährt, dem anderen Schmerz zuzufügen, als ihm mit dem Aufwand der gleichen Kraft Lust zu bereiten, da die durch den Schmerz hervorgerufene stärkere Reaktion in dem Täter das (im Grunde illusionäre) Gefühl hervorruft, daß seine wirkende Kraft viel größer sei, als wenn sie in gleichem Maße dazu verwendet würde, Lust zu schaffen, und durch diese ein viel geringeres Echo zu wecken. Auf den primitivsten Fall zurückgeführt: Wer dem anderen einen Hieb versetzt und ihn wild aufschreien macht, wähnt dabei eine größere Kraft aufgewendet zu haben, als wenn er den anderen mit einer, rein dynamisch gemessenen, völlig gleichen Anstrengung etwa vom Boden aufgehoben und ein paar matte Dankesworte von ihm vernommen hätte. Die Lust am Zerstören auch lebloser Dinge entspringt derselben Quelle, wobei im Unterbewußtsein der Animismus mitspielt und den leblosen Dingen eine empfindende Seele andichtet. Der „Held" schlechthin ist in der Phantasie der Menschen sehr häufig der Massentoter gewesen, der Zerstörer und Verwüster von Städten und Ländern. Unter allen Monarchen, die die Geschichte mit dem Ehrentitel „der Große" geschmückt hat, finden sich kaum drei oder vier, die ihre Kraft dem stillen Aufbauen und Erstarken ihrer Reiche gewidmet haben; alle anderen haben die größten Kriege geführt und die blutigsten Schlachten geliefert, mit anderen Worten, die meisten Menschen getötet und gequält, die wertvollsten Schöpfungen von ganzen Generationen vernichtet. In der Zerstörungstat äußert sich für die vulgäre Betrachtung des Menschen die größte Kraft, die den meisten Ruhm verdient. Die symbolischen Embleme und Handlungen, welche Krönungsfeiern und ähnliche Zeremonien zu begleiten pflegten, versinnbildlichen diese Anschauung sehr deutlich, indem dabei nie das Schwert fehlte, welches Qualen, Tod und Vernichtung bringt, häufig leitete der Gekrönte die Feierlichkeit damit ein, daß er nach allen vier Weltgegenden Hiebe führte, als wollte er damit bekunden, daß er die Macht verkörperte, Tod und Verderben über die ganze Welt zu verhängen. Damit wurde seine Erhöhung über alle Sterblichen angedeutet. Das Schwert als Symbol der Macht war der stete Begleiter des Mächtigen. Es darf als ein Beweis sehr hoher seelischer Kultur betrachtet werden, daß das mosaische Gesetz für den König als unzertrennliche Begleiterin die Schriftrolle vorschreibt, die das Gesetz enthält, nach dem er Recht und Gerechtigkeit auf Erden zu pflegen habe. Im Grunde ist jener Trieb des Menschenherzens, die Macht zu verwenden, um Schmerz und Böses zu stiften und sich ihrer auf diese Weise bewußt zu werden, nur ein Atavismus und der Veredlung fähig. Hier fällt namentlich der Kunst (selbstverständlich im Zusammenhange mit dem gesamten Kulturfortschritt) eine hohe Aufgabe bei der Ethisierung des Menschengeschlechtes zu; eine Aufgabe, die sie nicht etwa dadurch erfüllt, daß sie moralische Traktätlein schreibt, dichtet, malt, meißelt oder singt, sondern dadurch, daß sie das Empfindungsleben des Menschen verfeinert und subtilisiert. Indem sich die Empfänglichkeit des Menschen für den Ausdruck der Empfindungen steigert, wird er immer fähiger, die zarten und stillen Aeußerungen der Lust, die er beim Mitmenschen weckt, ebenso stark wahrzunehmen, wie die heftigen und lärmenden Aeußerungen der Schmerzempfindungen. Der stumm dankende Händedruck dessen, den er mit der Kraft seines Armes vom Boden erhoben hat, wirkt auf ihn zurück mit der gleichen Intensität, wie der wütende Schnierzensschrei dessen, dem er mit dem gleichen Kraftaufwand einen derben Hieb versetzt hat, daß er umsank. Der Mensch braucht dann nicht mehr dem Nächsten weh zu tun, Schmerz zu bereiten, also Böses zu stiften, um sich durch die intensive Reaktion seiner eigenen Kraft lustvoll bewußt zu werden und sie zu erleben. Er kann dasselbe Ziel erreichen, indem er das Gute wirkt. Dieses letztere erweckt freilich keine so schreiende und energische Reaktion wie sein Gegenteil. Aber so abgetönt und verschwiegen sie sich auch äußert, sie wird mit hinreichender Stärke empfunden, um in ihrem Urheber das wonnige Lebensgefühl zu erregen, welches in der Betätigung der Kraft liegt. Der Mensch hört auf, seine Befriedigung im Zerstören und Vernichten zu suchen, er findet sie im Bauen und Schaffen, das keinen Lärm macht, im Pflanzen, dessen Früchte langsam und in der Stille reisen. Der Mensch herrscht über dem Menschen nicht mehr, um ihm Böses zu tun, sondern Gutes. Der Kampf hört auf, unter den Menschen zu toben und wendet sich nach außen, indem er die Vernunft zur Bezwingung und Beherrschung der Natur organisiert, der Natur außerhalb und der Natur innerhalb des Menschen. Daß solche Wandlungen in der Betätigung und im Auskosten der Macht nicht erst auf eine ferne messianische Zukunft zu warten brauchen, sondern in historischer Zeit vor sich gegangen sind, dafür bietet uns die Bibel ein schönes Beispiel. In einer entlegenen, den meisten Lesern kaum bekannten Stelle, nämlich im zweiten Buche der Chronik, im achtundzwanzigsten Abschnitt, wird mit knappen Worten folgende Begebenheit erzählt: Es war in der Regierungszeit des Königs Achas von Judäa und des Königs Pekach ben Remaljahu von Israel (Samaria), also in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Die beiden Reiche waren längst getrennt, und seit anderthalb Jahrhunderten herrschte erbitterte Fehde zwischen ihnen. Der Zusammenhang zwischen dem Nordreich und dem Südreich war ja nie sehr innig gewesen, und schon unter König Salomo, also kurz nach der Einigung aller Stämme zu einem einheitlich regierten Staate, scheinen heftige Reibungen und Spannungen unter den einzelnen Provinzen auf der Tagesordnung gewesen zu sein. Unter seinem Nachfolger Rehabeam trat im Jahre 931 eine endgültige Spannung ein. Die zehn nordischen Stämme, unter denen der Stamm Ephraim die Führung hatte, lösten sich von der Davidischen Dynastie los. Der Ephraimite Ierobeam wurde zum König gewählt, zur Residenz wurde Sichem (das heutige Nablus) erhoben, später wurde der Hof und der Sitz der Regierung nach Schomrom (Samaria) verlegt. Der politischen Spaltung folgte alsosogleich die religiöse. Jerusalem hörte auf, der religiöse und der politische Mittelpunkt sämtlicher Stämme zu sein, in Dan und Beth El wurden neue Heiligtümer gegründet, es wurde eine gesonderte Staatsreligion eingeführt, die Leviten und die Priester des Einzigen Gottes wanderten aus dem Reiche Israel nach Judäa aus. Nur das Prophetentum hielt stand und führte einen hartnäckigen, aber vergeblichen Kampf gegen das neueingeführte Heidentum und für den angestammten Gott der Väter. Das für kurze Zeit geeinte Volk war in zwei Nationen zerfallen, die sich unter verschiedenen Dynastien in gesonderten Staaten organisiert hatten und unablässig gegeneinander Krieg führten, indem sich jede zu diesem Zweck mit ihren Nachbarn verband. Eben war ein solches Bündnis zwischen dem König Pekach ben Remaljahu von Israel und Rezin von Damaskus gegen den König Achas von Judäa zustande gekommen, der seinerseits schließlich die Assyrer zu Hilfe rief. Es war ein

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