Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 11 (7.1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 395 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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hat sich ein Komitee zur Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung an der hebräischen Universität zu Jerusalem gebildet, dem 43 Heroorragende amerikanische Gelehrte angehören. — Der 22jährige Arthur Schreiber, der als blinder Passagier mit dem „Gelben Vogel" den Flug Amerika—Europa mitgemacht hatte, ist Mitglied des jüdischen Jugendverbandes (VounA Hien's t^edrew Association) in New Hork. — Die Verhandlungen mit der National Inäustrial- Lonkerenee sind zum Abschluß gelangt. Danach wird in der Konfektionsbranche die Fünftagearbeitswoche mit sofortiger Wirkung eingeführt. Somit werden 33 000 in ihr beschäftigte Juden sowohl am Sonnabend als auch am Sonntag arbeitsfrei. Bemühungen, den Arbeitsschluß der Woche für Freitag. 4 Uhr nachmittags, anzusetzen, sind im Gange. — Oslo. Der Lagsting (die obere Kammer des norwegischen Parlaments) hat mit allen gegen eine Stimm? das im Odelting (untere Kammer) angenommene Gesetz über das Verbot des Schächtens nach jüdischem Ritus bestätigt. — Paris. Wie Berliner Blätter melden, soll die Einigung zwischen den Gläubigerstaaten und Deutschland im wesentlichen der Initiative David Sarnofss, des Vizepräsidenten der „Kaäio-Lorporation ok ^me^a", eines ehemaligen Zöglings der Talmud- Thora-Schule in Wilna zu verdanken sein. — Unter dem Vorsitz des Barons Robert de Rothschild hielt die „Association consistoriale äe?aris^ am 2. 6. ihre Jahresversammlung ab. die sich besonders mit Fragen des jüdischen Religionsunterrichtes beschäftigte. — Der gegenwärtig hier tagenden Konferenz für Kalenderreform wohnen als jüdische Vertreter der britische Reichsrabbiner Dr. I. H. Hertz und Lucien Wolf bei. — Posen. Im Zusammenhang mit den Lemberger Geschehnissen fanden am 9. 6. antisemitische Ausschreitungen statt, bei denen demonstrierende Studenten jüdische Geschäftshäuser demolierten und jüdische Einwohner mißhandelten: etwa 40 Personen wurden von der Polizei verhaftet. Auch wurden die Fenster des Gemeindehauses eingeschlagen und die Synagoge beschädigt. — Praq. Im Alter von 39 Iahren starb am 6. 6. der berühmte jüdische Schachmeister Richard Reti, der auf dem New Aorker Turnier im Jahre 1924 den damaligen Weltmeister Casablanca besiegt. — Am 10. 6. feierte Dr. August Stein, de? Präsident der jüdischen Gemeinde Prags und Herausgeber des ersten jüdischen Gebetbucbes in tschechischer Svracbe, seinen 75. Geburtstag. — Riga. Der berühmte Sänger Hermann JMowker. welcber mehrere Jahre an der Berliner Staatsoper und der New Norker Metropolitan-Oper hervorragend wirkte. hat den ihm angebotenen Posten eines Vorbeters an der grasten Chorsynagogs angenommen. — Der Vorstand des baltischen Landesverbands der Schomre Schadlos Organisationen ist an die Gründung einer Bank auf genossenschaftlicher Basis herangetreten. — Rom. Der jüdische Gelehrte Tullio Levi-Civita, Professor der Mathematik an der Universität Rom. ist zum Mitglied der vävst' iichen Akademie der Wissenschaften gewählt worden. — Im Verlauf eines Gesvräches mit dem Direktor der indischen TelegraphenAgentur e-mäkm"e der italienisck-e Regierungschef Mussolini, daß in Ital'en l>0 000 Juden leben, darunter etwa 15 000 in Rom. 10 000 in Mailand. 5000 in Trieft und 1000 in Neipel. — In ihrer Sitzung vom 23. 5. nahm d'e italienische Kammer die Vorlage betreffend Ausübung d?r nichtkatholischen Kulte in Italien an. Für das italienische Judentum hat das neue Gesetz insofern weittragende Bedeutung, als es dorn Judentum die staatsrechtliche Anerkennung bringtso steht B. dem Rabbiner gleich dem kailioNschen Geistlichen das Recht zu. Eliescblies-ungcn rorzunehmen. —Wien. Mit einem Löngenfluq von 150 Kilometern brach der S e g e i f lieger Robert Kronfeld, ein jüdischer Student der Wiener Technischen Hochscku-e. den Langstrecken' ekord für Segelflieger und cewann damit den 5000 Mark-Breis der ..Grünen Post" des Ullstein Vcrlages. — Bei Gelegenheit der Jubiläumsausstellung der ..O e st e r r e ich i s ch e n Kunstgemeinschaft" wurde der von der Gemeinschaft gMfte'e Preis sü'- das schönfte Gemälde der Aufstellung der iMscken Malerin Klara Sul?er zuerkannt. — Unler dem Vorsitz von S. Stern fand die erste Bundes- Versammlung der orthodoxen Iugen ^Vereinigungen Oesterreichs statt. — Unter besonders starker Beteiligung der deutschen Tierschutzvereine wurde am 12. 5. der Internationale Tierschutzkongreß eröffnet. Die Mehrzahl der Teilnehmer waren Gegner des Scbächt ens. d'e , Schächtfreunde kamen kaum zu Worte. Es wuröe eine Resolution angenommen, welche die Erwirkung eines Verbotes des Schlachtens oder Schächtens ohne vorangegangene Betäubung anstrebt. — Die „U n i o n D e u t s ch O e st e r rel ch i s ch e r Juden" hielt unier dem Vorsitz ih-es Präsidenten Dr. Jakob Ornstein am 1. Juni ihre 8. ordentliche Delegierienversammlung ab, die sich hauptsächlich mit dem Antisemitismus beschäftigte, unter dem die Juden Oesterreichs noch immer zu leiden haben. — Wilna. Hier fand unier dem Borsitz von R^bbi Chrim Oser Grodzienski eine von allen gesetzestreuen Organisationen beschickte Konferenz statt, die beschloß, durch Zusammensch uß der Ve.e n-gungen und Be'HSuser Nordpolens den Landesverband de.' Schomre Schabbos zu konstituieren. Patttstinn. Jerusalem. Die Geh:ltsri ck>tände aus dem Jahre 1927 sind nnmnehr an die Lehrerschaft der hebräischen Schulen Palästinas voll ausbezahlt worden. — Am 31. 3. 1929 setzte sich die Bevölkerung Palästinas aus 657 649 Mos'emiten, 149 554 Juden, 78 463 Christen und 8850 Personen anderer religiöser Gemeinschaften zusammen. — Am 16. 6. übergaben Arbeitergrupxen aus allen Kolonien im Tale Jezreel den ersten Ertrag der Ernte des Jahres den Vertretern des Jüdischen Nationalfonds, die alte jüdische Sitte der „Bikkurim" hierdurch erneuernd. 395 Aussprache. Die Gemeinde als Trägerin der Abwehr. Bon Dr. Steffen Kann. Bei den Landtagswahlen in Sachsen, die vor wenigen Tagen stattfanden, ist es den Völkischen gelungen, die Zahl ihrer Stimmen im Verhältnis zu den letzten Wahlen um das Fünffache zu dermehren. Sachsen ist nur ein Symptom. Jeder, der mit den Dingen zu tun hat, weiß, daß die völkische Bewegung in allen Teilen Deutschlands riesige Fortschritte macht, und daß sie zu einer erheblichen Gefahr für das Judentum geworden ist. In einzelnen Parlamenten sind die völkischen Fraktionen zu ausschlaggebender Bedeutung gelangt. Die völkische Presse nimmt stetig zu und erlaubt sich einen Ton gegen den einzelnen Juden und die jüdische Gesamtheit anzuschlagen/ der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Ausrufe zur Boykottbewegung gegen jüdische Geschäfte, Mische.Angehörige freier Berufe haben, nicht zuletzt auf dem flachen Lande, erheblichen Widerhall gefunden, nicht zu sprechen von dem gesellschaftlichen Antisemitismus, gegen den der Vorkriegsantisemitismus das reinste Kinderspiel war. Es hat keinen Zweck, gegenüber «diesen klaren Tatsachen Bogel-Strauß' Politik zu betreiben. Die G r ü n d e für die Erfolge der nationalsozialistischen Bewegung, trotz der unendlichen Armut ihrer Gedankenwelt un>d der widerlichen Act ihrer Erscheinungsform, sind dreifache: Die Ursache liegt in erster Linie in den innen- und außen politischen Verhältnissen Teutschlands. Noch immer stehen die ehemaligen Feinde am Rhein. Tie Verhältnisse im deutschen Osten beginnen, eine nationale Katastrophe zu werden. Tie wirtschaftlichen Bedingungen, die der ehemalige FeiuVbnnd in Paris durchzusetzen im Begriff ist, bedeuten eine außerordentlich schwere Belastung des durch Krieg und Inflation ausgepowerten Volkes. Tie Folge der deutschen Not ist naturgemäß ein Anwachsen des deutschen Nationalismus, der ja lei>der nur in Deutschland 'tets mit einer erbitterten Juden-Gegnerschaft verbunden ist. Die inner- Politischen Verhältnisse in Teutschland, die unaufhörlich folgenden Regierungskrisen, die unklare Finanz- und Steuerpolitik, und nicht zuletzt die Schwäche der Regierung gegenüber den Extremisten nach beiden Seiten, haben zudem in weitesten Kreisen starke Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen System ausgelöst, die natürlich in erster Linie den Radikalen auf beiden Seilen zum Vorteil geworden ist. Tie Völkischen versprechen in der bekannten, verantwortungslosen Weise jeder Klasse und jedem Berufsstand unerhörte Tinge, falls es ihnen erst gelungen sein sollte, nach Vertreibung der Juden die Herrschaft in Deutschland für sich zu gewinnen. Allezeit ist die Maße der Kritiklosen den falschen Propheten nachgelaufen. Die zweite Ursache für den Erfolg der Völkischen ist der außerordentliche persönliche und wirtschaftliche Opserwille in den breitesten Kreisen ihrer Anhängerschaft. Nicht nur. daß viele Tausend? jederzeit bereit sind, das Letzte für ihre Gedankenwelt persönlich einzusetzen, es sind weite völkische Kreise auch zu außerordentlichen wirtschaftlichen Opfern bereit. Diejenigen, die sich in braunen Hemden auf den Straßen bei Umzügen und Schlägereien beteiligen, sind natürlich nicht dieselben, die die unerhörten Ausgaben für Zeitungen, Demonstrationsversammlun.qen und andere Propaganda tragen. Die Kreise, die den Völkischen die Millionen für ihre Zwecke zur Verfügung stellen, sind im sogenannten Mittelstand, in der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und im ostdeutschen Großgrundbesitz zu suchen. Man muß neidvoll zugeben, daß dort nicht gekargt und nicht gespart wird. Die letzte Ursache für den Erfolg der Völkischen ist die außerordentliche Gleichgültigkeit und Indolenz in unseren eigenen jüdischen Reihen. Es ist hier nicht 'die Stelle, über den Abwehrerfolg des Centralvereins und des Rcichsbundes jüdischer kmsteu?kinSmstvg?spkie! Inre Litern, Kivcler uncl?reuncte kilmen 5»e seldst mir einem Kino-^pparst von I.. 5 Le?»jlie?plst? 7 unä Teil SS Naupt>vact.e KvnLt3dler>Vacne