Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 11 (7.1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 389 (sequence 9)
- Language
- German
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Aus diesen, inneren und manchmal auch äußeren Kämpfen heraus hatte er sich in den letzten fahren zu einer Persönlichkeit entwickelt, die in ihrem Wesen und ihren Wefensäußerungen Bewunderung erregte, ihm Schüler, Freunde, Verehrer, ja eine ganze Gemeinde von zu ihm Aufblickenden schuf, und es ist eine ungemein große Tragik, daß er mitten aus diesem ihn beseligenden Zustand, mitten aus diesem pulsierenden Leben gerissen, von dieser selbst eroberten Höhe herabgestürzt Wunde. Ja, er hatte viele Widerstände, viel" Unverstand und Verständnislosigkeit, kleine Menschen und ihre Kleinlichkeiten zu überwinden — er hat sie überwunden. So war Mah ein guter Deutscher, wie ein guter Jude. So widmete er mit mir im Kriege das Psalmen buch den deutschen jüdischen Soldaten. So konnte er auch Deutscher und Misrachi-Anhänger in einer Person sein, denn ihm war das eine wie das andere Erfüllung seines Wesens und auch des jüdischen Wesens. Liebe zur Heimat und Liebe zu Zion waren ihm kein Widerspruch. Chauvinistischer Nationalismus als isolierte Lebensanschauung war ihm so fremd, wie er die Trennung der Sittlichkeit vom Glauben nicht begreifen konnte, ,und nichts schmerzte ihn mehr, als wenn er erfuhr, daß ein sonst streng religiöser Jude gegen die ethischen Gesetze des Judentums verstieß. Sein Ideal, die Heiligkeit, war ihm wahre Gemeinschaft mit Gott und mir der Menschheit — ja, mit der Menschheit im ganzen. Konnten wir dieses >eines Ideals besser bewußt werden, als in dem Moment, da sein andersgläubiger Freund an seine Bahre trat und ihm den letzten Abschied zurief? Ja, May war nicht ausschließlich, May war kein Prinzipienmensch im schlechten, im abfälligen Sinne. Er suchte und verbreitete das Gute, wo er es fand und wohin er es zu streuen für seine Pflicht und Aufgabe hielt. Sv sehen und hören wir ihn in unserem Lehrerzimmer oft mit erhobener Stimme, und wie gern hörten wir alle ihm zu, seine Ansichten über Judentum und jüdische Pflicht kundgeben, wie wir wissen, daß er es in anderen Lehrerzimmern für gut hielt, die Grundideen des jüdischen Glaubens zu verbreiten, wie er sogar in die Versammlung der Methodisten ging, um sie über Judentum und Bibel und Talmud aufzuklären. Kampf für die Idee der Gottesheiligung durch Glauben und Handeln, das war sein Ideal, das war sein von innerster Feuersglut mit Feuerkraft geführter Lebenskampf. Denn unserm May war Kampf das Lebensschicksal. Erkämpfen mußte er sich seine Stellung, erkämpfen auch, wenn auch nicht zielmätzig, seine Anerkennung. Durch sein Blut flössen, wie durch das Blut jedes wahren Juden, wie Beer-Hosfmann sagt, drei heilige Ströme: Kraft, Stolz. Geduld. Türmte ihm das Schicksal Bürde auf, so türmte es ihm auch Kraft. Er fand sie in seinein Hause, in seiner Familie. Es ist nicht im Sinne seiner Gattin, dies häusliche Leben hier breit zu schildern. Sie war ihm Freundin, Genossin, Mutter, Schwester, Ergänzerin seines Ichs, deren Urteil er sich beugte, deren Leitung er sich unterwarf. „Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, Konntest mich mit einem Blicke lesen, Den so schwer ein sterblich Aug' durchdringt, Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, Richtetest den wilden, irren Lauf, Und in deinen Engelsarmen ruhte Die zerstörte Brust sich wieder auf." So sagte er mit dem deutschen Meister, so dachte er von dem Wert seiner Gattin. So dankte er ihr, die ihm seine zwei Kinder geschenkt, die er liebte mit der ganzen Glut seines liebespendenden Herzens. Sie waren ihm, dem ganz der Arbeit und der Pflicht Hingegebenen, der Sonnenstrahl seines Hauses, seines Lebens. Mir ihnen konnte er singen und scherzen, ob ihres kindlichen Frohsinns konnte er lachen wie kein anderer, noch in den letzten Monden seines dahinwelkenden Daseins. Und in dieses Familienleben hinein traten wir, seine Freunde, traten seine Schüler und Schülerinnen, als gehörten sie dazu, denn Freundschaft halten und pflegen war ihm Herzensbedürfnis. Feinde hatte er deshalb nicht. Feindseligkeit anderer gegen ihn suchte er zu bekämpfen, mehr durch eigene Demut, als durch Widerstand. In dieser Beziehung lernte ich ihn am besten hier in der Schule kennen, als er — ich darf es offen sagen — mit mir kämpfen mußte gegen Verkennung und Mißtrauen. Nun, Verkcnnuna wandelte sich in Anerkennung, Mißtrauen in Vertrauen, Mißklana in Einklang, ohne deswegen die einzelnen Töne, aus denen schließlich jeder Akkord, jede Harmonie bestehen muß, zu verwischen. Man lernte ihn kennen, schätzen, achten und ehren. Ja. leicht machte es ihm das Leben nicht. Er mußte seinen Erfolg erringen im wörtlichen Sinne des Wortes. Und doch, eine Kampfnatur war May nicht. Dazu war er zu gütig, zu menschenfreundlich. Durch und durch sozial gesinnt, trat er ein für die Schwachen und Armen, half ihnen mit eigenen Mitteln und veranlaßte andere, zu helfen. Und war er einmal von der Notwendigkeit fremder, allgemeiner Hilfe überzeugt, so setzte er sich dafür ein mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit. So nahm er sich in der letzten Zeit des jüdischen Lehrgutes Rodges an; es wäre in den kommenden Jahren sein unablässiges Streben gewesen, diese ihm fürs Judentum und die Berufsumschichtung wichtige Anstalt zu stützen und zu erhalten. In den letzten Zügen noch flüsterte er seiner Gattin zu: Vergeht das Wohltun, vergeßt Rodges nicht! Es wird sein Vermächtnis an den ihm nahestehenden Kreis sein, diesen seinen Herzenswunsch zn erfüllen. Und May als Kollege und May alsFreund? Erlassen Sie es mir, diese Seite des uns so grausam Entrissenen des näheren zu erörtern. Ich hatt' einen Kameraden ... Er ging an meiner Seite In gleichem Schritt und Tritt.-- Ach, in dem letzten Jahre seines so grausam abgeschnittenen Lebens konnten wir alle nur ihm zeigen, wie tief unsere gegenseitige Freundschaft uus verband. Wie innig freute er sich jedes Beweises dieser Anhänglichkeit, jedes Zeichens dafür daß er Anerkennung und Würdigung in weiten Kreisen gefunden. Und wenn wir an sein Krankenlager traten, wie leuchteten seine Augen! Und wie sprühte sein Feuergeist noch in den letzten Wochen, als das tückische Leiden schon seinen Körper in Fesseln geschlagen hatte. Sein tiefes Denken, sein hohes Streben, seine starke Religiosität im Fluge seiner Gedanken, sein humanes Mitgefühl, seine Lust am Lehren, seine Gabe zu reden, alle seine Fähigkeiten, sie schielten sich zu verstärken, je mehr der Leib dem Verfall sich näherte. Sein Geist arbeitete fast bis in die letzten Stunden seines Daseins; bereichert im Wissen und gestärkt in der wahren Auffassung echter Religiosität, gingen wir aus dem Krankenzimmer. Geduldig, Gott ergeben, lehnte er sich zurück. Heldenhaft trug er sein Geschick. Ruhig und sanft ist er in der Nacht zum 29. Mai! entschlafen. Die Kunst der Aerzte, die ihn nicht retten konnte, ersparte ihm den letzten Todeskampf. Wir haben unseren lieben Lehrer und treuen Amtsgenossen, ich habe meinen besten Freund " verloren. „Fließet, ihr Tränen!" Mit diesen Worten habt ihr, liebe Kinder, unsere Trauerstunde mit seiner Lieblingsweise eröffnet. Ja, lasset uns weinen. Wir brauchen uns dieser Tränen nicht zu schämen. Ihr, liebe Kinder, wir alle, wir haben ihn verloren. „Was vergangen, kehrt nicht wieder, Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück." So laßt es in uns leuchten, was er uns gelehrt, laßt uns bewahren, was er uns geschenkt. Er hat sich ein Denkmal in dieser Schule, in der Lehrerschaft, in dieser Gemeinde, in tausend Herzen, in der jüdischen Wissenschaft gesetzt. Dies Denkmal wird bleiben wie Erz, dauernder als Erz. Als unser Lehrer Moses und Ahrons Sohn Eleasar mit Ahron auf den Berg Hör gestiegen waren und ohne ihn zurückkamen, da wollte das Volk nicht glauben, daß ihr Liebling gestorben sei.! Wo ist Ahron? so riefen sie dem Bruder entgegen. Gott hat ihn zu sich genommen, so sagte Moses. Wir glauben es nicht! rief das Volk und wollte Moses steinigen. Da, so erzählt der Midrasch. öffneten die Engel die Grabeshöhle, hoben die Lade heraus, und sie schwebte über den Häuptern des versammelten Volkes dahin, uud die himmlischen Scharen sangen sein Lob, und ganz Israel sah es und hörte es uud glaubte es, daß ihr Freund geschieden sei, und das Haus Israels weinte um Ahron dreißig Tage. — Ein Ahron, ein Priester, war auch Benjamin May, wie Ahron, wie -sein Schüler liebend den Frieden, strebend nach Frieden, ^liebend die Geschöpfe und sie Thora lehrend. Und nun, da er uns entrissen wurde — auch wir konnten und können es nicht fassen, wir können es nicht glauben. Doch wir müssen uns darein fügen. Laßt uns seine, laßt uns Ahrons Schüler sein, liebend den Frieden, strebend nach Vollendung, liebend die Gottesgeschöpfe, sie lehrend, sie nähernd der Thora, der Religion, der Heiligkeit, der Reinheit, der Einheit! Rede von Oberstudiendirektor Dr. Peter Müller bei der Trauerfeier der Musterschule am 3. Juni 1929. Zu Beginn unserer Trauerfeier lesen wir den Anfang des 90. Psalms, der also lautet: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lassest sterben und sprichst: „Kommt wieder Menschenkinder!" Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag. der gestern oergangen ist, uud wie eine Nachtwache. Du lassest sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf, gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blüht und bald welk wird Und des Abends abgehauen wird und verdorrt.